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4. Oktober 2015

Nihat – Der Flüchtlingsjunge aus den ARD-Tagesthemen. Und wie die Geschichte weiterging.

Er schickt blinkende Herzchen auf mein Handy. Bilder von sich und seiner Familie in Zügen oder auf der Fähre. Dazu lachende aber auch weinende Smileys. Ich antworte ebenso mit Bildern und Symbolen. Meine WhatsApp-Kommunikation sieht inzwischen aus wie die eines pubertierenden Teenagers. Aber anders kann ich mich mit Nihat nicht verständigen. Weil ich leider weder syrisch noch kurdisch beherrsche.

Wir haben uns an seinem 14. Geburtstag vor dem Budapester Ostbahnhof kennengelernt. Geschätzt hätte ich Nihat aus der syrischen Stadt Kobane eher auf 10 Jahre. Für sein Alter ist er zu klein und schmächtig. Gleichzeitig zu erwachsen, ernst, melancholisch. Er kam wie so viele andere Flüchtlinge zu unserem ARD-Übertragungswagen. Bat um Strom, damit er seinen Handy-Akku aufladen kann. Kurz danach kam er zurück. Mit einer Flasche Wasser für unseren Techniker zum Dank für den Strom. Das Wasser haben wir Nihats Großfamilie, die in furchtbaren hygienischen Verhältnissen wie Hunderte andere im Bahnhofsuntergeschoss saß, selbstverständlich zurückgegeben. Von da an war Nihat ständig bei uns. Irgendwie klappte die Verständigung auch ohne gemeinsame Sprache. Er wollte alles ganz genau wissen: Wie die Technik im Übertragungswagen funktioniert, wie die Mikrophone. Als wir ihm die Kamera gaben, dauerte es nur kurze Zeit und Nihat hatte den Autofocus gefunden. Er hat einen riesigen Hunger zu lernen, war ja vier Jahre lang nicht in der Schule.

An einem Abend zeigte er uns seine Facebook-Seite. Furchtbare Bilder aus dem Krieg. Sein Onkel, seine Tante, andere Familienangehörige, die in ihrem Blut lagen. Geköpft von den IS-Terroristen. Unser Techniker Richard, Familienvater aus Graz, den Nihat mittlerweile „Papa“ nannte, weinte sich in dieser Nacht in den Schlaf. Ja, Nihat wurde für uns eine Art Team-Mitglied. Wir haben darüber in den ARD-Tagesthemen berichtet.

Noch in der Nacht der Ausstrahlung kam Nihat weinend zu uns und erklärte, dass sich die Familie entschieden habe, in einer Stunde mit Schleppern weiterzuziehen. Wir waren entsetzt vor Angst. Aber wir wussten, wir können und dürfen uns nicht einmischen. Keinen Einfluss auf Nihats Eltern nehmen, keine Polizei verständigen. Nur das Schlepperfahrzeug haben wir aus der Ferne gefilmt. Wenn ihnen etwas zugestoßen wäre, hätten wir einen Hinweis auf die Täter geben können. Wie lächerlich wenig das ist, was wir tun können. Ein Dilemma, in dem wir Journalisten beim Umgang mit dem Flüchtlingsthema tagtäglich stecken.

Nihat ist jetzt in Finnland. Screenshot: © 2015 HERE © 2015 Microsoft Corporation/br.de
Nihat ist jetzt in Finnland. Screenshot: © 2015 HERE © 2015 Microsoft Corporation/br.de

Zum Glück ist Nihats Familie nichts passiert. Sie sind inzwischen in Finnland angekommen. Wo sie hinwollten, weil dort schon ein Onkel wohnt. Inzwischen geht unsere Kommunikation über Smileys und Herzchen hinaus. Wir haben begonnen, mit einem Syrisch-Übersetzer zu telefonieren. Beim ersten Anruf konnte Nihat minutenlang nicht reden. Nur Schluchzen kam aus der Leitung. Dann nahm seine Mutter das Handy und sagte: „Nihat weint vor Glück. Er hat ständig gefragt, ob er wohl die netten Fernsehleute irgendwann wieder sehen wird.“

Wird er! Wir haben beschlossen, Nihat in Finnland zu besuchen. Dann werden wir ihm auch die vielen wunderbaren Zuschriften mitbringen, die uns von mitfühlenden Zuschauerinnen und Zuschauern für Nihat erreicht haben. Von uns bekommt er eine kleine Kamera geschenkt, damit er schon mal üben kann.

Kommentare (2)

Don.Corleone am

Es ist leider immer d. gleiche Leier : Jugendliche werden vorausgeschickt, der tumbe Dt.Ordnungskräfte fallen
systematisch darauf rein, schon kluckt d. Großfamilie mind 16,45 Personen lebenslang in D. = Kosten =
mondestens 20.000 jeden Monat, f. Lau.
Was sagt d. geschundene, ausgebeutete H-4 dazu ??
oder d.restliche 27,8 Mio- Deutsche Prekariats-HEER ?
Abgehängt , m. permanenten Sanktionen drangsaliert ,
bis zur psychischen ToTAL-Erschöpfung .
Da hilft aber kein Psychotherapeut wie in d. Fällen d.
Völkerwanderer …. Warum ist das so . WER bestimmt
d. Regeln ? merkel ? quasi diktatorisch u. Alle Nicken ab ..welch eine Deutsche Republik, aber d. Knall wird zwangsläufig kommen, ER ist
unausweichlich, denn d. Boot ist voll …,sobald d. gravierenden Steuererhöhungen o.Sanktionen erfolgen ,
kippt d. Volkes Zorn über , das wird keine bu-wehr mehr aufhalten ..
Gott mit Unser schösnes Vaterland …

Gerhard (Berlin) am

Schön, dass sich die Spuren eines offensichtlich begabten Kindes, dank der digitalen Welt, nicht verlieren.

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