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28. September 2015

Soldaten und Panzerwagen begrüßen Flüchtlinge in Ungarn

Militär in tarnfarbenen Uniformen, gepanzerte Geländewagen mit Maschinenpistolen, und viele Polizisten. Das ist kein Actionfilm, kein Notstand, kein Kriegsgebiet, sondern die Grenze in Viktor Orbans Südungarn – der Grenzübergang Beremend zwischen Ungarn und Kroatien.

Dieses Bild erwartet die Flüchtlinge, die aus Kriegsgebieten kommen – darunter viele Kinder, Frauen, Großeltern, Teenager. Die ermüdeten Menschen werden mit Bussen von der serbischen Grenze nach Ungarn transportiert. Dort müssen sie aussteigen, dann zu Fuß auf die ungarische Seite weitergehen, zwischen schwerbewaffneten Soldaten und Polizisten hindurch. Am Grenzübergang werden sie in Bussen gesammelt und weiter zum Bahnhof von Magyarboly gebracht. Die Prozedur dauert. Diesmal sind 10 Busse angekommen, etwa 450 bis 500 Menschen. Die ungarischen Polizisten stellen einen Konvoi zusammen. Alle warten. Wer auf die Toilette muss darf, von Polizisten begleitet, eines von zwei Mobil–WCs benutzen. Aus Magyarboly werden die Flüchtlinge dann mit Sonderzügen bis an die österreichische Grenze gefahren.

Den Grenzübergang dürfen Journalisten nicht betreten: „Ich darf Sie nicht reinlassen. Die Grenze ist momentan gesperrt, wegen der Flüchtlinge“ – sagte mir ein junger Polizist. Informationen darf er an Journalisten nicht weitergeben. Auf meine weiteren Fragen schüttelt er den Kopf.

Keiner registriert die Flüchtlinge, Polizisten notieren nur die Staatsangehörigkeit die ihnen die Flüchtlinge zurufen. Zwischen bewaffneten Soldaten und Polizisten erscheinen freiwillige Helfer: Rotes Kreuz und Ökumenische Hilfsorganisation sind hier tätig. Sie verteilen Essen und Getränke, Medikamente, Decken und Bekleidung an die Flüchtlinge. „Ob die Kinder vor Soldaten und Polizisten Angst haben? Das glaube ich nicht. Sie sind mit Schlange stehen beschäftigt, wir geben ihnen Obst, Getränke und wenn es nötig ist, auch Spielzeug“ – erzählt Dorottya Retfalvi, die Projektleiterin der Ökumenischen Hilfsorganisation, in Beremend. Die meisten Menschen sind sehr müde, sie wissen nicht wo sie sind, und wie es weitergeht. „Zum Glück ist die Zusammenarbeit mit der Polizei sehr gut. Und wir haben auch staatliche Hilfe für die Flüchtlingsversorgung bekommen“ – erzählt Frau Retfalvi. Hilfsorganisationen dürften inzwischen Zelte als Lager aufbauen.

In der Nähe des Grenzübergangs errichten die Soldaten weiter den Zaun zwischen Kroatien und Ungarn. Weil das Gelände schwer zugänglich ist, müssen sie ein Kettenfahrzeug einsetzen. „Ich habe gehört, dass die Vermessungstechniker schon die ukrainische Grenze vermessen“ – sagt mir ein Mann in Militäruniform. Früher hat er als LKW-Fahrer gearbeitet, jetzt baut er den Zaun. „Es kostet sehr viel, und löst die Probleme nicht“, murrte er in einer Zigarettenpause.

Regelmäßig patrouilliert ein Militärhubschrauber entlang der Grenze. Kinder und Eltern schauen etwas überrascht in den Himmel. Es knattert laut und unangenehm. Nach einigen Stunden sind die Busse voll. Der Konvoi darf losfahren. Vorne ein Polizeiwagen, dann die Busse, am Ende Geländewagen mit Maschinenpistolen und Soldaten. So fahren sie durch den 2.500-Seelen Ort Beremend. Die Fahrt dauert nicht lange. Zwischen Beremend und Magyarboly sind etwa 9 Kilometer Distanz. Vor dem Bahnhof stehen die Busse dann wieder und warten. Die Flüchtlinge dürfen einer nach dem anderen aussteigen. Jeden den sie sehen, sprechen sie an und fragen nach: „Wo sind wir? Was wird mit uns passieren? Sind wir schon in Österreich? Sind wir in Sicherheit?“ Wie es weitergeht, wissen sie nicht.

Mitarbeit: Attila Poth

Kommentare (2)

Iréne S. am

(dpa)
In Ungarn soll vom 14. bis zum 21. September ein Manöver der Nato stattfinden, an dem sich sieben Staaten mit insgesamt 1800 Soldaten beteiligen. Das teilte das Verteidigungsministerium in Budapest am Donnerstag mit. Unter dem Motto «Brave Warrior» («Mutiger Krieger») sollen Soldaten aus den USA, Ungarn, der Slowakei, Slowenien, Kroaten, Rumänien sowie der Ukraine üben. Einen Zusammenhang mit der aktuellen Flüchtlingskrise erwähnte das Ministerium nicht.

Iréne S. am

Lieber Herr Poth,
was erwarten Sie an der EU Schengen Aussengrenze?
Die EU unterstützt Ungarn selbst bei der Grenzsicherung, auch deutsche Beamte sind involviert. Insgesamt seien in den Jahren 2014 und 2015 bisher 70 Bundespolizisten nach Ungarn entsandt worden. Aufgabe der für Frontex eingesetzten deutschen Beamten ist die Unterstützung der ungarischen Grenzpolizei „mit spezifischem Fachwissen, vor allem in den Bereichen der Anwendung des Schengener Regelwerks sowie der Bekämpfung von illegaler Migration und Urkundendelikten“
In Röszke wurden Syrier mit Flugzeug angereist als Krawallmacher, ausgerüstet mit mehreren gefälschten Ausweisen.
Das Versagen von FRONTEX, also der EU, in Griechenland hat diese Hilfsmaßnahmen in Ungarn erforderlich gemacht.
Heute müssten eigentlich in großer Anzahl Bundespolizisten zur Unterstützung des Grenzregimes in Slowenien vor Ort sein, um dem kleinen Schengen/EU-Land zu helfen.
So winken die Slowenen eben durch – nach Deutschland via Österreich.

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