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23. September 2015

Die Nacht der freiwilligen Helfer

Flüchtlings-Camp „Opatovac“ an der kroatisch-serbischen Grenze

Vergangene Nacht sind wieder über tausend Flüchtlinge über den neuen und zur Zeit einzigen „Durchgang“ von Serbien in das EU-Land Kroatien gelangt – den seit Jahren stillgelegten lokalen Grenzübergang „Bapska (HR) -Sid (SRB)“. Busse und Taxis bringen Flüchtlinge direkt von der mazedonisch-serbischen Grenze hier hin. Die serbische Polizei lässt sie gewähren und hat sich längst zurückgezogen. Nach Hundert Metern stößt man an den kroatischen Grenzposten. Notdürftig werden von hier aus Frauen, Kinder und Kranke in Mannschaftswägen der Polizei in das Transit-Camp für Flüchtlinge „Opatovac“ gefahren. Die anderen müssen die 15 Kilometer zu Fuß gehen.

Nachts stoßen wir auf der unbeleuchteten Landstraße auf Hunderte erschöpfter Flüchtlinge, auch Frauen und Kinder, die in kleinen Gruppen versuchen zum Lager zu gelangen. Einheimische und freiwillige Helfer sind schon seit dem Sonnenuntergang im Nonstop-Einsatz mit ihren privaten PKWs die Menschen ins Lager zu fahren. Ein kroatischer TV-Musiksender hat spontan dazu aufgerufen, die Flüchtlinge von der dunklen, unübersichtlichen Straße zu retten. Das Camp „Opatovac“ ist das das größte Drehkreuz für Flüchtlinge in Kroatien und der Stolz des kroatischen Innenminister Ranko Ostojic, der seit Tagen hier vor Ort die Betreuung und Weiterführung der Flüchtlinge koordiniert. Er ist gerade von der EU Innenminister-Konferenz aus Brüssel eingetroffen, die er vorzeitig mit den Worten „Wenn die sich nicht über eine Quotenaufteilung für 120.000 einigen können, habe ich als Vertreter eines Landes, in das in den letzten 7 Tagen über 40.000 Flüchtlinge gekommen sind, auf dieser Sitzung nichts verloren“.

Doch diese Nacht kann „sein“ Camp nicht alle neuen Flüchtlinge aufnehmen. Vor den Toren warten über 1.000 Menschen auf Einlass. Dass es nicht zu Auseinandersetzungen wie in der vergangen Nacht kommt, dafür sorgen die zahlreichen freiwilligen Helfer aus allen Teilen Europas. Schneller als die großen Hilfsorganisationen koordinieren sie sich über Facebook und sind ohne große, behäbige Verwaltungsstrukturen da, wo sie gebraucht werden. So entstand vor dem offiziellen Lager „aus dem Nichts“ ein Camp, in dem die wartenden Flüchtlinge mit dem versorgt wurden, was sie brauchten: Informationen darüber, was nun geschieht, Essen, Trinken, medizinische Versorgung und vor allem die Möglichkeit ihre Handis aufzuladen und sich so bei Freunden und Verwandten melden und sich natürlich über ihre weiteren Fluchtweg zu informieren. So ist es heute Nacht vor allem den freiwilligen Helfern zu verdanken, dass in Opatovac alles ruhig blieb und die Flüchtlinge eine Atempause einlegen konnten, bevor sie am kommenden Tag mit Bussen und Zügen zur ungarischen Grenze weitergefahren werden.

Mitarbeit: Gordan Godec

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