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31. August 2015

Gleis der Hoffnung – Eindrücke vom ungarischen Grenzzaun

Die Hitze ist unerträglich. In der prallen Sonne sind es über 40 Grad. Schatten gibt es am Maisfeld nicht. In der Nähe verlaufen die Gleise, die aus Richtung Serbien kommen. Zugverkehr gibt es kaum. Neben den Gleisen: Stacheldraht und Polizisten. Sie sollen Ungarns und Europas Grenze vor den Flüchtlingen verteidigen. Menschen kommen in Kleingruppen oder allein, einer nach dem anderen über die grüne Grenze entlang der Schienen. Illegal. Familien, Kindern, Frauen, auch alte Menschen. Einige begrüßen die Journalisten, die über die Krise vor Ort berichten, mit einem „Salam“. Sie wollen nach Westen. Die Polizisten machen hier nichts, sie beobachten nur den Flüchtlingsstrom. Manchmal berichten sie Journalisten, wie viele Menschen kommen. Ein Stück weiter, wo die Landstraße Richtung Röszke verläuft, werden die Polizisten dann aktiv: sie sammeln die Flüchtlinge und führen sie an den Rand eines Feldes.

Ermüdete Menschen sitzen am Boden, einige versuchen Schutz im Schatten der Mülltonnen zu finden. Selbst die Kindern sind ruhig, sie haben keine Kraft mehr zu spielen, oder ihre Eltern zu ärgern. Sie alle warten seit Stunden auf die Busse, die sie zu einen Sammelpunkt transportieren sollen. Freiwillige Helfer verteilen belegte Brote und ein wenig Wasser.

Verschwitzte Polizisten versuchen für Ordnung zu sorgen, als ein Bus vorfährt und die Tür öffnet. „Erst Frauen und Kinder! Nicht drängeln“, schreite ein Polizist. Alle wollen in den Bus – bloß raus aus der gleißenden Sonne. Doch im Bus ist es auch nicht besser: ein alter Ikarus-Bus, wohl aus sozialistischen Zeiten, natürlich ohne Klimaanlage.

„Wenn ich geahnt hätte, dass es so schlimm wird, hätte ich niemals Damaskus verlassen“, sagte ein Flüchtling. Für ihn gab es keinen Platz mehr im Bus und er muss weiter warten. Er sitzt seit mehr als acht Stunden in der prallen der Sonne.  George hat seine Frau und Tochter in Syrien gelassen. Sein Plan ist, sich irgendwie bis nach Deutschland durchzuschlagen und dann seine Familie aus Damaskus zu holen. „Erst dachte ich, dass die Strecke durchs Mittelmeer das Gefährlichste sein wird. Aber das war gar nichts, in Vergleich dazu, was uns hier widerfährt“, klagte er. Er hat zweimal versucht, mit einem Boot den Libanon zu verlassen, doch beide Male ging der Motor kaputt. „Beim ersten Mal hat uns die türkische Küstenwache gerettet. Sie haben uns wirklich sehr geholfen. Beim zweiten Mal trieben wir zwei Tage lang auf offenem Meer. Der Kapitän weigerte sich Hilfe zu rufen; er hat Angst gehabt. Dann haben wir es gemacht“, erinnert sich George, der gelernter Zahntechniker ist. Er hat bis Athen geschafft, dann durch Griechenland, Mazedonien, bis hier hin an die grüne Grenze nach Ungarn.

Am rechten Handgelenk trägt er einen Rosenkranz. „Ja, ich bin Christ. Hier muss ich das nicht verbergen und kann den Rosenkranz tragen“, wispert er, als ob er es selbst noch nicht wirklich glauben kann. Georg hat im Libanon für eine englische Firma gearbeitet, die Zahnprothesen und andere Dentalprodukten hergestellt. „Ich möchte nur meine Familie in Sicherheit bringen“, begründet er, warum er Damaskus verlassen hatte. „Aber, wissen Sie, ich dachte nicht, dass es so lebensgefährlich anstrengend und demütigend wird. Hätte ich das gewusst, wäre ich lieber zu Hause geblieben – selbst unter den Bomben“, versucht George zu erklären, denn niemand verlasse seine Familie, seine Freunde, seine Heimat freiwillig.

Mitarbeit: Attila Poth

Ein Beitrag dazu aus dem ARD-Morgenmagazin vom 25.8.2015:

http://youtu.be/F2ru7sxAVYs

Autor: Till Rüger | Kamera: Markus Grohs | Schnitt: Christine Dériaz

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