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30. August 2015

Arsen Dedic – Ein Poet des Friedens und der Liebe

(Sibenik 28.07.1938 – Zagreb 17.08.2015)

Gedanken von unserem Mitarbeiter Stjepan Milcic:

Ein knappes Jahr vor seinem Tod habe ich ihn zum letzten Mal gesehen und ein paar Worte mit ihm gewechselt. Wir haben uns bei der Buchvorstellung der Monographie eines kroatischen Malers im Museum „Mimara“ in Zagreb getroffen. Bei dieser Gelegenheit hat er mir in seinen Gedichtband eine Widmung geschrieben, wo er mir Glück und Gesundheit wünschte. Als ich ihn um ein gemeinsames Foto bat, lehnte er das in seiner bekannten Art ab: „Es gibt hier genügend hübsche junge Damen, die viel besser ins Bild passen als ein alter ausgedienter Poet. Und du bist auch nicht mehr der Jüngste und Schönste für ein Foto.“

Der Kroate Arsen Dedic war die Ikone des Chansons im ehemaligen Jugoslawien und war bis heute in allen Folgestaaten ein geschätzter Poet und Künstler. Foto: Archiv Croatia Records
Der Kroate Arsen Dedic war die Ikone des Chansons im ehemaligen Jugoslawien und war bis heute in allen Folgestaaten ein geschätzter Poet und Künstler. Foto: Archiv Croatia Records

So war Arsen Dedic, (auto)ironisch, manchmal zynisch, aber nie arrogant und aggressiv: Dichter, Komponist, Sänger, Multiinstrumentalist, Maler … einer der letzten Renaissance-künstler in der heutigen spezialisierten Fachwelt, wie ihn die ernste Kritik nannte. Geboren 1938 in Sibenik, einer Kleinstadt an der dalmatinischen Küste, im damaligen Königreich Jugoslawien, lebte er seit 1957 in der kroatischen Hauptstadt Zagreb, seit 1973 verheiratet mit Gabi Novak, einer großen kroatischen Sängerin, die aus einer deutsch-kroatischen Ehe stammte. Arsen selbst war Sohn eines serbisch-orthodoxen Vaters und einer kroatisch-katholischen Mutter. Sein drei Jahre älterer Bruder Milutin hat Sibenik vier Jahre vor Arsen verlassen und sich in der damaligen jugoslawischen Hauptstadt Belgrad niedergelassen, wo er Maler und Kunsthistoriker geworden ist. Beim Zerfall des gemeinsamen Staates und Kriegen in den 90-ern haben die beiden Brüder trotz der großen Konflikte zwischen Serben und Kroaten und national-chauvinistischen Politik beider Nationaleliten ihre Verbundenheit gepflegt. Arsen hat seine Fans in allen jugoslawischen Nachfolgestaaten behalten, was man bei seinen Rückkehrkonzerten nach dem Krieg und bei den Reaktionen nach dem Tod, die in der ganzen Region fast ausnahmslos positiv waren, sehen konnte.

Arsen Dedic war ein Künstler par excellence. Er hat über 1000 Lieder komponiert und gedichtet, er hat für mehr als 300 Filme, Fernsehserien und Theaterstücke Musik geschrieben, mehrere Gedichtbänder veröffentlicht, einige Bilderausstellungen gehabt und mit zahlreichen kroatischen, serbischen, slowenischen, italienischen und russischen Dichtern, Chansoniers und Popsängern/-innen zusammengearbeitet. Dabei hat er noch Zeit gefunden, viele Chansons und Gedichte von Brel, Endrigo, Cohen und Okudjava, die er zu seinen Freunden zählte (und umgekehrt) zu übersetzen und in der kroatischen Version zu singen.

Um Politik kümmerte er sich nicht, hielt die Politiker in der Regel für verlogen, in einem seiner Songs aus den 90-ern spricht er davon, dass „hinter uns die unseren, hinter euch die euren stehen, hinter den einen stehen die Frauen, hinter den anderen die Nation… was zugleich erfreulich und erschreckend“ sei, und hinter ihm (und ähnlichen) stehe keiner, „nur der lange Schatten der Nacht.“ Trotzdem hat er unter zahlreichen Anerkennungen und Fachpreisen auch die Auszeichnungen des jugoslawischen Marschalls Tito und des kroatischen Präsidenten Tudjman angenommen, aber was er davon hielt zeigte er in einem Fernsehinterview, als er gebeten wurde das vor den Kameras zu zeigen, konnte er diese Orden in seiner von Schallplatten, CDs, Büchern, Bildern überfüllten Wohnung nicht finden.

Arsen Dedic hat die Menschen nie nach Nationalität oder Religion geteilt und aufeinandergehetzt, sondern hat sie mit seinen Liedern, Gedichten und seiner Kunst vereint und positiv auf sie gewirkt. Arsen war nie ein Liebling der Massen, hat keine Millionenauflagen seiner Werke gehabt und ist nie vor zig Tausenden schreienden Fans in Stadien aufgetreten, er war kein Priester für die Massen sondern, wie er selbst zu sagen pflegte, der Anführer einer „kleinen Sekte“. Ich darf mit Stolz sagen, dass ich auch ein Angehöriger dieser seiner Sekte war und bin.


 

Ein Gedicht des slowenischen Dichters Janez Menart, in der Übersetzung des kroatischen Dichters Zvonimir Golob, Musik von Arsen Dedic, hier in der gemeinsamen Interpretation von Arsen Dedic (Kroatien), Bora Djordjevic (Serbien) und Zoran Predin (Slowenien), in Belgrad 1989, zwei Jahre vor dem Zerfall Jugoslawiens.

HEIMAT  (DOMOVINA)

Paris ist hier hinter dem Pantheon
Glitzert wie das Meer voll von Plankton
Aber all diese Lichter die in der Nacht leuchten
Können die Finsternis in meinem Herzen nicht erhellen

Diese Krankheit die ich schon zu Hause hatte
Und die mich wie ein Hund begleitet
Jetzt sind wir hier in der Stadt meiner Träume
Und starren wie zwei Blinde auf die Gebäude

Und all diese Lichter die in der Nacht leuchten
Können die Finsternis in meinem Herzen nicht erhellen
Nur der Mond am Himmel ohne Sterne
Sieht eine Million Vögel und Nester

Mit seinem sanften Licht
Beleuchtet er die finsteren Ecken meines Leidens
Schickt seine weißen Strahlen auf die Erde
Damit mit ihnen auch meine Schmerzen davonschwinden

Weit über Flüsse Wälder und Berge
Bis zur grünen Insel meiner Heimat
Dort will ich niederknien dort die Träne lassen
Wenn ich leiden muss dann will ich zu Hause leiden

(übersetzt ins Deutsche von Stjepan Milcic)

Musik: Arsen Dedic  Text: Janez Menart-Zvonimir Golob
Interpreten:  Arsen Dedic, Bora Djordjevic, Zoran Predin

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