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28. August 2015

Das Ende des Zauns am Ende der Welt

Im ungarischen Dorf Kübekháza offenbart sich der Irrsinn Orbans Flüchtlingspolitik

„Sie“ – und damit meint er die regierende Partei Fidesz – „bauen den Zaun um verlorene Sympathisanten zurückzuerobern. Diese Grenzsperre wird die Flüchtlingsproblematik sicherlich nicht lösen“ – knurrte der Bürgermeister von Kübekháza über den Grenzzaun. Das Dorf, wo einst Donau-Schwaben lebten (damals hieß es Kübeckhausen) hat 1700 Seelen. Es liegt in Südostungarn, in dem Dreiländereck Ungarn-Serbien-Rumänien, und unmittelbar am Dorfrand befindet sich die Grenzen zu den serbischen und rumänischen Nachbarn.

Das Dorfzentrum von Kübekháza. Bisher kamen nur wenige Flüchtlingen hier über die grüne Grenze.
Das Dorfzentrum von Kübekháza. Bisher kamen nur wenige Flüchtlingen hier über die grüne Grenze.

Das Dorf wirkt gepflegt, ruhig, die Einwohner begrüßen mit lautem „Hallo“ ihren Bürgermeister. Der 44 -jährige ärgert sich über den Zaun. „Niemand hat uns gesagt, dass das Militär hier etwas bauen wird. Eine alte Frau hat uns telefonisch Bescheid gesagt. Dann hat das Militär mit riesengroßen Fahrzeuge unsere Straßen zerstört“, sagt der Bürgermeister Róbert Molnár.

Bürgermeister Róbert Molnár kritisiert die Regierung - statt zu helfen, baut sie einen sinnlosen Zaun entlang der serbischen Grenze.
Bürgermeister Róbert Molnár kritisiert die Regierung – statt zu helfen, baut sie einen sinnlosen Zaun entlang der serbischen Grenze.

Der unabhängige Politiker  war  früher bei der regierenden Fidesz. „Sie machen alles um die Macht zu erhalten. Deswegen bauen sie den Zaun. Er ist nicht geeignet, um die Flüchtling abzuhalten“ – meint er. „Es ist nur eine Aktion für die Wähler, die statt Fidesz nun die rechtsextremistische Jobbik-Partei, wählen wollen. Fidesz möchte es zeigen, dass sie auch patriotisch sind“ – so der Bürgermeister.

Der Ungarischer Premier hat entschieden: Budapest wird die Flüchtlingswelle mit einem Zaun abwehren. Viktor Orbán möchte keine Asylbewerber im Land haben. Er hat die Regeln geändert, um die Flüchtlinge abzuschrecken. Sie  sollen überall hin gehen, nur nicht über Ungarn. Ein Stacheldrahtzaun entlang der serbische Grenze – eine Idee die ganz offensichtlich nicht wirksam ist. „Früher kamen 600 bis 800 Menschen täglich über die grüne Grenze. Und jetzt? Tausende.“, betont Molnár. Erst hat die Regierung rund 22 Millionen Euro für den Zaunbau beschlossen. Später haben sie noch weitere 70 Millionen aufgestockt , um den Zaun fertig zu stellen und die notdürftige Versorgung der Flüchtlinge zu sichern.

Der Zaun verläuft 175 Kilometer lang. Rechts: Ungarn. Links: Serbien. Flüchtlinge können dem Zaun einfach ausweichen.
Der Zaun verläuft 175 Kilometer lang. Rechts: Ungarn. Links: Serbien. Flüchtlinge können dem Zaun einfach ausweichen.

Ein alter Landweg voller Schlaglöcher führt zum sogenannten Triplex: hinter den Sonnenblumenfeldern steht eine dreieckige, weiße Säule, mit drei Wappen: Serbien, Rumänien und Ungarn stoßen hier aufeinander. Wo die serbische Grenze beginnt, steht Stacheldraht: Orbáns Zaun.

Dreiländereck: drei Dörfer aus drei Ländern treffen sich hier jährlich einmal um gemeinsam zu feiern. Jetzt müssen sie dafür einen neuen Ort finden – wo sonst immer die Bühne stand, steht jetzt der Grenzzaun.
Dreiländereck: drei Dörfer aus drei Ländern treffen sich hier jährlich einmal um gemeinsam zu feiern. Jetzt müssen sie dafür einen neuen Ort finden – wo sonst immer die Bühne stand, steht jetzt der Grenzzaun.

„Sehen Sie? Wenn jemand aus Serbien kommt, muss er nur zwei Schritten machen und ist in Rumänien, und dann noch ein Schritt, und schon ist er in Ungarn. Bizarr, oder?“, meinte Ròbert Molnár. Und es ist in der Tat mehr als merkwürdig: der Zaun endet hier und es gibt keine weiter Absperrung mehr. „Es zeigt, wie irrsinnig dieser Zaun ist“ – meint der Politiker.  Angst hat er nicht, dass die Flüchtlinge diesen Weg kommen werden. „Bisher sind nur einige duzende bei uns über die Grenze gekommen. Es kann aber sein, dass bald immer mehr Flüchtlinge diese Richtung wählen werden“ – sagt Molnár. „Wir werden ihnen sicherlich helfen. Man muss ihnen Essen und Trinken geben. Wenn die Regierung nichts macht, werden wir das selbst auf die Beine stellen“, versichert der Bürgermeister und fordert: „Statt Zäune sollten wir lieber Brücken bauen!“

Mitarbeit: Attila Poth

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