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22. August 2015

Das Filmfestival von Locarno mit Filmen aus Österreich, Serbien, Rumänien, Bulgarien

Unsere Cutterin Christine Dériaz war in Locarno und hat die Filme aus unserem Berichtsgebiet gesehen.

Das Filmfestival von Locarno ist nicht nur eines der ältesten in Europa, es ist auch dasjenige, das sich von Anfang an der Freiheit der Kunst, dem intellektuellen Filmschaffen, dem Autorenkino verschrieben hat, und das alles natürlich nicht nur in hübschen Theorien, nein, das ist Festivalrealität, weswegen ein Besuch im Tessin immer spannende und ungewöhnliche Filme bietet.

Herzstück des Festivals sind, neben dem Hauptwettbewerb und dem Wettbewerb für Erstlingsfilme, die abendlichen Vorstellungen auf der Piazza Grande. Freiluftkino in höchster Vollendung: eine riesige Leinwand, tolle Projektion, komplexes Tonsystem, das Synchronität bis in die hinterste Reihen garantiert, und Platz für 8.000 Zuschauer. Wie alle Filme des Festivals handelt es sich um Welt- oder internationale Premieren, was hier gezeigt wird hat Gewicht.

Zuschauerzahlen - An Tag 4 lief der österreichische Film "Jack". Foto: BR | Christine Dériaz
Zuschauerzahlen – An Tag 4 lief der österreichische Film „Jack“. Foto: BR | Christine Dériaz

Dass ein österreichischer Film hier läuft ist eher selten, umso schöner die Weltpremiere von:

„Jack“ von Elisabeth Scharang. Weniger ein biographischer Film, als eine Annäherung an die Biographie des charismatischen Dichters und Frauenmörders Jack Unterweger. Wegen eines Mordes Ende der 70er Jahre verurteil, fängt er im Gefängnis an zu dichten, und erlangt als „Knastpoet“ einen solchen Ruhm, dass sich die österreichische Kunstszene für seine vorzeitige Entlassung stark macht. Die latente Brutalität, aber auch den dandyhaften Charme interpretiert Johannes Krisch als Jack mit verhaltenen Mitteln, manchmal könnte es etwas mehr physische Präsenz sein, Corinna Harfouch in der Rolle einer seiner ergeben Liebhaberinnen, von der er sich aushalten lässt, ist sensationell. Schönes Schaupielerkino mit drohendem Unterton, biographisch, aber kein „Biopic“ und nebenbei auch ein Kriminalfilm, denn nach seiner Entlassung führen weitere Morde an Prostituierten, die man Jack zur Last legt, schließlich zu einer erneuten Verurteilung, und zu Unterwegers anschließendem Selbstmord. Zweifelsfrei nachgewiesen werden konnten ihm diese Morde nie. In den Film eingestreute Szenen von Waldtieren und Landschaften führen zur Schlusseinstellung, einer Art Traumsequenz im Jenseits. Obwohl der Film erst um Mitternacht lief sahen ihn immerhin noch 3.500 Zuschauer.

Halb zehn auf der Piazza Grande - Filmbeginn. Foto: BR | Christine Dériaz
Halb zehn auf der Piazza Grande – Filmbeginn. Foto: BR | Christine Dériaz

Im Hauptwettbewerb ein anderer Film aus unserem Berichtsgebiet: „Brat Dejan“ Bakur Bakuradze (Serb/Russ). Die Geschichte von einem General, gesucht vom Internationalen Gerichtshof für seine Verbrechen während der Balkankriege. Die Frage nach der Schuld des alten Generals steht nicht im Mittelpunkt der Geschichte, versteckt seit mehr als 15 Jahren soll er „verlegt“ werden, alte Freunde, die wieder in der Politik mitmischen, befürchten, er könnte gefunden werden, und organisieren einen komplizierten Transport in ein Dörfchen. Die Stärke des Film ist die greifbare Vereinsamung eines Mannes, der mehr als ein Jahrzehnt von seiner Umwelt ausgeschlossen war, alleine mit seinen Dämonen, die ihn immer wieder heimsuchen, sprachlos, alt, mickrig irgendwie. Stark auch das Schachern der Drahtzieher, für sie ist der alte General Gefahr und potenzielle Trumpfkarte, eines unguten Spiels. Etwas unausgereift wirkt der Film manchmal, weil verschieden formale Spielereien sich nicht ganz in die Dramaturgie einfügen. Es gibt mehrere Szenen, in denen aus der Spielhandlung herausgetreten wird: mal sieht man einen stumm agierenden Regisseur, der eine Szene vorbereitet, die dann später im Film gespielt wieder auftaucht, manchmal bricht völlig unmotiviert Musik in die Szene ein und ebenso unmotiviert wieder ab, oder die  Erinnerungsfetzen an den Krieg, die in schrägen, Realität vorgaukelnden, Formaten eingefügt sind. Jede Spielerei für sich wäre sicher interessant, aber so wirkt es, als wären sie Versuche, ein Ausprobieren von Stilmitteln, ohne eine sinnvolle Entscheidung über deren Nutzung zu treffen.

Kriege führen zu Flucht und Migration, und diese zu Entwurzelung. Der in Kanada lebende bosnische Regisseur Igor Drljaca hat mit „The Waitingroom“ einen eindringlichen Film zum Thema geschaffen. Früher war Jasmin ein berühmter Schauspieler, ein Komiker mit eigener Show, in Toronto ist er, scheinbar, das was man einen gut integrierten Ausländer nennen würde, kanadische Frau, kleines Kind, Arbeit auf dem Bau. Innerlich ist er aber ruhelos, suchend nach dem Glanz seiner Vergangenheit, und deshalb nimmt er auch immer wieder Komparsenjobs an, während er im Stillen an einer neuen Show arbeitet. Eine zweite Ebene des Films zeigt ihn mit einer jungen Frau, seiner Tochter aus erster Ehe, der er versucht die alte Heimat schmackhaft zu machen, und sie zeigt ihn am Bett seiner schwerkranken ersten Frau, aber etwas stimmt an dieser Ebene nicht, und zunehmend zeigt sich, dass sie eine Phantasiewelt ist, eine erdachte Parallelwelt, in die er sein Heimweh, seine Wurzeln und auch seine Schuldgefühle legt, um sich nicht völlig verloren zu gehen.

Der rumänische Kurzfilm „Km 73“ von Radu Ghelbereu spielt fast gänzlich während einer Autofahrt, zwei Freunde, Väter, auf dem Weg von irgendwo nach Bukarest, während der eine ständig versucht seinen Sohn telefonisch zu erreichen, scheint dem anderen etwas auf der Seele zu liegen, etwas, das er sagen sollte, aber nicht sagen will. Bald wird klar, dass er etwas über den Verbleib des Sohns weiß, aber in der Enge des Wagens ist ein Ausbrechen aus den üblichen Gesprächen und somit eine Klärung nicht möglich. Die letzten Bilder finden am Straßenrand statt, Weite, Öde, eine letzte Zigarette vor dem entscheidenden Satz. Das ist sehr berührend und auch sehr bedrückend und sehr schön gemacht.

Die bulgarisch-deutsche Koproduktion des Kurzfilms „Zeus“ von Pavel Vesnakov erzählt von zwei Brüdern, Halbbrüdern eigentlich, die der Tod des Vaters zusammenbringt. Eine raue, karge dörfliche Landschaft, zwei streitende Brüder, Waffen, Autos, eine archaische Welt, die unvermittelt in sich zusammenbricht, als der eine Bruder einen Polizisten erschießt. Zwar eint diese Tat kurzzeitig die Brüder, aber dem unausweichlichen Ende entkommen sie damit nicht.

Die Kurzfilme wird man wohl leider nur auf Festivals zu sehen bekommen, aber nach den anderen Filmen lohnt es sich auf jeden Fall Ausschau zu halten, „Jack“ kommt zumindest in Österreich Anfang September in die Kinos. Und die 69. Ausgabe des Filmfestivals von Locarno findet am 3. August 2016 statt.

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