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19. August 2015

Rumäniens Präsident Iohannis ist europäischer Facebook-Champion

Herbert Gruenwald analysiert, nach einem Treffen mit Vlad Tausance, dem ehemaligen Strategen von Iohannis Internet-Kampagne.

Unsichtbar sei er und kommuniziere nicht effizient, kritisierte eine bekannte Soziologin neulich den rumänischen Präsidenten Klaus Iohannis. Seine Wähler seien enttäuscht, weil er die ihn unterstützende Zivilgesellschaft nicht richtig mobilisiere, um die politische Klasse zu jener „anderen Politik“ des Anstands und der Wirksamkeit zu zwingen, die er vor seinem überraschenden Einzug ins Präsidialamt versprochen hat. Seit neun Monaten scheitere diese. Grund sei eine parlamentarische Mehrheit, die einen korruptionsverdächtigen Premierminister und dessen notorische Entourage beschütze.

Klaus Iohannis hat mehr Facebook-Fans als Angela Merkel, und mehr als David Cameron und Francois Hollande zusammen. Screenshot (18.08.2015) | https://www.facebook.com/klausiohannis/likes?ref=page_internal
Klaus Iohannis hat mehr Facebook-Fans als Angela Merkel, und mehr als David Cameron und Francois Hollande zusammen. Screenshot (18.08.2015) | https://www.facebook.com/klausiohannis/likes?ref=page_internal

Dabei kann sich der stets etwas zugeknöpft wirkende Staatschef des siebtgrößten EU-Mitgliedslandes der allergrößten Facebook Fan-Gemeinde unter den europäischen Spitzenpolitikern rühmen: Über 1,6 Millionen ‚Likes‘ entsprechen fast einem Viertel der insgesamt sieben Millionen rumänischen Facebook-Nutzer. Präsident Klaus Iohannis hat gut 400.000 Anhänger mehr als Angela Merkel. Auch etwa eine Million mehr als der britische Premier David Cameron oder Frankreichs Präsident Francois Hollande. Wie relevant ist die Facebook-Gefolgschaft für die Beliebtheit eines Politikers? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Doch ohne wirksame Kommunikation gäbe es sie andererseits auch wieder nicht.

Trotz seiner viel gescholtenen Reserviertheit hatte Iohannis nach nur sechs Monaten auf Facebook mehr als eine Million Anhänger und er gewann mit einem Vorsprung von mehr als 9% der Stimmen auch die Präsidentschaftswahlen. Diesen fulminanten Sieg verdankt er laut Statistik nicht nur den, als eher bedächtig geltenden, Bewohnern Transilvaniens, aus denen sich seine Stammwählerschaft zusammensetzt. Im zweiten, entscheidenden Wahlgang gaben auch die Stimmen der gebildeten, urbanen Jugend und der Rumänen in der Diaspora den Ausschlag. Sie zählen zur dynamischsten Gruppe Rumäniens. Zwei soziale Gruppen, die auch auf dem rumänischen Facebook den Ton angeben, und dort tummeln sich immerhin mehr als ein Drittel aller wahlberechtigten Rumänen.

„Sind Zurückhaltung und Beharrlichkeit ein Fehler? Ist Ernsthaftigkeit ein Handicap? Und warum sollte ein dezentes Auftreten langweilig sein?“ Mit diesen rhetorischen Fragen definierte Vlad Tausance, der damalige Stratege von Iohannis Internet-Kampagne, die Botschaft des Präsidentschaftskandidaten. Er hatte kurz entschlossen akzeptiert, dass Iohannis, sein Image nicht aufpeppen lassen wollte und setzte alles auf eine Karte, die Iohannis Programm generell kennzeichnete: Sauberkeit, common sense, solide Qualität: „Ich habe nichts anderes getan, als auf kohärente Weise seine wahre Persönlichkeit zu vermitteln. Dieser Mann ist ein BMW auf einem Markt der von koreanischen Gebrauchtwagen beherrscht wird.“

Vlad Tausance hat in der sieben Millionen starken rumänischen Facebook-Community für seinen Präsidenten geworben. Foto: BR | Herbert Gruenwald
Vlad Tausance hat in der sieben Millionen starken rumänischen Facebook-Community für seinen Präsidenten geworben. Foto: BR | Herbert Gruenwald

Neun Monate und eine halbe Million „Gefällt mir“ Klicks später, kümmert sich Tausance um die Bewerbung der nord-transilvanischen Stadt Baia-Mare als europäische Kulturhauptstadt im Jahr 2021. Er versteht sich als Trainer für kreative Fitness und betont, dass er auch Autor zweier Lyrikbände sei. „Der Mann hinter Iohannis‘ Facebook-Erfolg“, dieses Etikett sei nun allmählich Vergangenheit, sagte er der ARD. Doch sobald Kritik an den präsidialen Verlautbarungen im Internet laut wird, bezeichnet er diese als absurd. „Warum sollte ein Politiker die Kommunikationsplattform, die ihm Facebook bietet, nicht nutzen und sieben Millionen Menschen ansprechen, von denen die meisten zwischen 18 und 35 Jahre alt sind?“

Dass man die Facebook-Generation in Rumänien politisch ernst nehmen muss, hat sich auch bei den erfolgreichen Protesten gegen den Goldabbau mit Zyanid in Rosia Montana oder gegen Fracking gezeigt. Diese fanden ausschließlich im Internet statt. Dass unter den Kommentaren immer wieder auch Anfeindungen zu finden seien, sei normal erklärt Tausance. Etwa wenn Iohannis‘ Staatsbesuche zum Anlass genommen würden, um seinen Facebookauftritt als „travelblog“ zu verhöhnen. Schließlich handle es sich bei den Nutzern von social media um einen demokratischen Spiegel der Gesellschaft.

Auf die Frage wie cool der kühle rumänische Präsident denn nun tatsächlich ist, hat Vlad Tausance schon im November 2014 eine der schönsten Charakterisierungen von Klaus Iohannis geliefert: „Iohannis will keine Fotos von sich mit Katzen knipsen lassen, dabei gewährt er fünf Straßenkatzen auf seinem Hof Asyl. Er weigert sich, seine Familie im Wahlkampf einzusetzen, dabei ist seine Frau nicht nur elegant, sondern einfach wunderbar. Er gibt keinerlei Details über sein Privatleben preis, dabei ist er ein passionierter Radfahrer und Rosenzüchter. Ihm wird vorgeworfen, er sei nicht witzig, dabei verfügt er über einen ausgeprägten siebenbürgisch-sächsischen Sarkasmus. Und er menschele nicht gern, dabei ist er viel lieber ein ganz normaler Mensch wie du und ich, anstatt Politiker.“

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