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17. August 2015

Flüchtlinge – Eindrücke aus dem serbisch/ungarischen Grenzgebiet

Andrea Beer über zwei Zelte an der serbisch/ungarischen Grenze 

https://soundcloud.com/ard_studio_wien/zwei-zelte-vor-der-grenze-unterwegs-im-transitland-serbien-autorin-andrea-beer

 

Attila Poth über Ignoranz und Halbwahrheiten

„Es ist jämmerlich“, brummt eine alte Frau am Hauptplatz der serbischen Kleinstadt Kanjiza. Mehr will sie nicht sagen und schiebt ihr Fahrrad schnell weiter. Der zentrale Platz, einst mit gepflegtem, grünem Rasen, ist voller Flüchtlinge. Viele sitzen auf den Parkbänken, andere auf dem Boden. Während die Kinder spielen, versuchen sich ihre müden Eltern ein wenig auszuruhen. Manche holen sich einen Burger ungarischer Art vom Imbiss am Platz. Einige beten sogar. Das klingt schon fast idyllisch.

Aber eben nur fast. Denn viele Einheimische sind sauer auf die erschöpften Flüchtlinge. „Sie campen hier seit Monaten, wir können uns nicht mehr auf die Bänke setzen“, empört sich ein zahnloser Mann. „Man sollte sie wegschaffen. Wenn es anders nicht geht, dann in ein Schlagloch.“, meint ein anderer. Es sind zwei von vier Freunden, die am Rand des Platzes zusammenstehen und die Menschen beobachten. Sie alle sind derselben Meinung. Diese Frauen, Kinder und Männer seien eigentlich keine Flüchtlinge. Jemand habe sie einfach nach Serbien geschickt. „Sie möchten Europa besetzen“, so einer von ihnen. „Warum gehen sie nicht nach Dubai, oder in andere muslimische Länder? Sie lehren ihren Kindern, dass sie Christen töten sollen, und dann kommen sie in ein christliches Land“, meint ein weiterer.

Schuhsohle auf der Straße: Viele Flüchtlinge legen täglich mehrere Stunden zu Fuß zurück, um nach Europa zu gelangen. Foto: BR | Attila Poth
Schuhsohle auf der Straße: Viele Flüchtlinge legen täglich mehrere Stunden zu Fuß zurück, um nach Europa zu gelangen. Foto: BR | Attila Poth

Die serbische Kleinstadt Kanjiza hat 9.000 Einwohner. Die vielen Ungarn die hier leben nennen sie auch Magyarkanizsa. Sie liegt am Ufer der Theiß, nahe der ungarischen Grenze. Deswegen kommen viele Flüchtlinge auch hier durch. Täglich sollen es nach Angaben des serbischen Flüchtlingskommissariats in Presevo bis zu 2.000 Menschen sein. Sie rasten, erholen sich, essen, trinken und laden ihre Handys auf. Dann versuchen sie weiter zu kommen, über den Grenzzaun nach Ungarn, in die Europäische Union.

Das ist auch einige Kilometer entfernt ein Thema. Im Grenzdorf Backi Vinogradi (ungarisch: Kiralyhalom) ist Bürgermeister Robert Katona besorgt. Er weiß, dass die Flüchtlinge nur durch Serbien durchziehen wollen, trotzdem hätten die Bewohner Ängste. „Im Dorf wohnen viele alte Leute und es stehen hier Häuser leer. Wir haben Angst vor dem Winter. Was werden wir machen, wenn sie in diese leeren Häuser einbrechen?“, fragt sich Robert Katona.

Vor dem Friedhof in Backi Vinogradi / Kiralyhalom (Serbien): Ein Schild verbietet nun das Betreten des Friedhofs. Vor einigen Wochen hatten Flüchtlinge hier vor einem Unwetter Schutz gesucht. Foto: BR | Attila Poth
Vor dem Friedhof in Backi Vinogradi / Kiralyhalom (Serbien): Ein Schild verbietet nun das Betreten des Friedhofs. Vor einigen Wochen hatten Flüchtlinge hier vor einem Unwetter Schutz gesucht. Foto: BR | Attila Poth

Vor zwei Wochen habe es bereits einen Vorfall gegeben. Flüchtlinge seien in die Kapelle des Friedhofs eingebrochen so der Bürgermeister. Seitdem machen viele Gerüchte die Runde, gefährliche Gerüchte. So hieß es unter den Einheimischen, die Flüchtlinge hätten die Kapelle ausgeraubt und Toten die Kleider ausgezogen. Gerüchte, die nicht stimmen. „Ja, Flüchtlinge haben eingebrochen“, bestätigt uns zwar der Polizist, der den Friedhof jetzt bewacht. „Aber sie haben Schutz vor einem Unwetter gesucht. Auf dem Friedhof gibt es Strom und Wasser. Sie haben getrunken, und ihre Handys aufgeladen“, erklärt er weiter. Die Gerüchte sind also schnell entkräftet. Doch beim Friedhof steht nun ein Schild, dass es verboten ist den Friedhof und die Kapelle zu betreten. Auf Englisch und Arabisch.

Einen Tag später sieht es im Zentrum Kanjizas dann ganz anders aus. Die Flüchtlinge sind verschwunden, die Bänke sind leer, nur auf einigen sitzen ein paar Einheimische. Die vier Freunde von gestern sind auch wieder da. „Ja, endlich sind sie weg, so soll es bleiben“, meint einer der Männer. Der Boden wurde umgegraben und der Rasen neu gesät. „Wir haben eine Raststation am Stadtrand eingerichtet. Dort gibt es Duschmöglichkeiten, Essen, Trinken, Ärzte, Strom und Internet“, erklärt Robert Laczko, Mitglied des Stadtrates von Kanjiza. „Es hat uns bisher 50.000 Euro gekostet. Ich weiß aber leider nicht, wie wir weiter das Geld für die Notunterkunft aufbringen werden“, sorgt sich der Politiker. Unterdessen kommen weitere Flüchtlinge im Zentrum von Kanjiza an, die meisten aus Südserbien. Die Polizei sammelt die Menschen auf und bringt sie im Polizeiwagen zur Notunterkunft am Rand der Stadt.

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