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25. Juli 2015

Unheilbringende Symbole der Trennung. Ein Essay von Slavenka Drakulic.

Die international bekannte kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulić, deren Essays und Einschätzungen auch in englischen und deutschen Feuilletons (Die Zeit, FAZ, The Guardian) häufig zu lesen sind, betrachtet die letzten Entwicklung an der EU Grenze mit großer Sorge. Sie wirft exklusiv für unseren Blog die Grundfragen auf, die sich die Europäer im Zusammenhang mit der Auswanderungs- und Flüchtlingspolitik stellen sollten…

Eines der Dinge, von denen wir glaubten, dass sie nach 1989 in Europa nicht mehr geschehen könnten, ist das erneute Errichten eines Walls wie die Berliner Mauer. Zumindest nicht in Osteuropa, und schon gar nicht gerade einmal fünfundzwanzig Jahre nachdem sie eingerissen wurde. Aber Ungarn baut schon.

Es ist eine furchtbare Entscheidung derjenigen, die noch vor kurzem selbst Gefangene des Sowjetblocks waren und aus politischen Gründen massenhaft auswanderten, zum Beispiel als sie nach der Revolution von 1956 im Westen Obdach suchten. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts sind Millionen und Abermillionen Menschen auf der Flucht vor Hungersnot und Krieg. Rettung fanden sie meist in Amerika. Dieser einstige Emigrationskontinent zeigt aber heute anderen gegenüber keine besondere Gastfreundschaft mehr, besonders denen nicht, die – seien wir ehrlich – nicht diesselbe Hautfarbe oder denselben Glauben haben. Und waren die Europäer bis vor kurzem  nicht noch  sehr entsetzt, wenn es um die Mauer in Israel ging oder um die amerikanische an der Grenze zu Mexiko? Wie kommt es, dass diese unheilbringenden Symbole der Trennung nun wieder auftauchen, und dies auch noch in jenem Teil Europas, der sich gerade erst von Mauern befreit hat?

Es ist wahr, dass die EU gerade von einem Flüchtlingsfieber befallen ist, oder besser gesagt, von einer Angst vor den Immigranten angesichts der furchterregenden Bilder vom Sterben im Meer vor der italienischen Küste. Denn trotz des hohen Preises, den sie zahlen, sind sie scheinbar unaufhaltbar. Sie kommen über Land und Meer, es werden immer mehr und man hat das Gefühl – oder das Gefühl wird absichtlich von den Medien erzeugt -, dass das ganze Phänomen außer Kontrolle gerät. Es ist offensichtlich, dass es weder Absprachen noch eine sichtbare einheitliche Einwanderungspolitik der EU gibt. Der neuesten Entscheidung zufolge sollen den Mitgliedsstaaten Flüchtlingsquoten vergeben werden, die die Last der Sorge um diese Menschen etwas gleichmäßiger verteilen sollen, was natürlich nur eine kurzfristige Lösung sein kann, nicht etwa eine dauerhafte, und dabei überhaupt nicht klar ist, ob es zu einer Verringerung der Flüchtlingszahl führt – oder die Emigrationszahlen noch stimuliert. Dies muss man auch beim Bau der Mauer in Serbien im Hinterkopf behalten. Innerhalb der EU-Länder stieß die Mauer nicht gerade auf großen Widerstand, es hat nur die Tatsache bestätigt, dass eine vernünftige Lösung für die Frage massenhafter Einwanderungen nicht erkennbar ist. Es gibt keine ernsthafte Absprache, weil man sich in einer Grundfrage nicht einig ist: brauchen wir überhaupt Einwanderer? Anscheinend schon, denn es fehlt bei den immer älter werdenden Einwohnern an Arbeitskräften. In diesem Fall muss doch der Schluss folgern, dass die EU es sich nicht leisten kann, sie NICHT aufzunehmen. Worauf warten wir also noch? Wozu also all die Manöver gegen Flüchtlinge und Einwanderer, besonders, wenn sie Arbeit suchen?

Das Problem mit den Einwanderern hat zwei Schlüsselelemente. Das eine ist die Unmöglichkeit Einwanderer auszuselektieren. Australien und Kanada, zum Beispiel, wählen ihre Einwanderer nach strengen und sehr eingeschränkten Kriterien aus – nach Alter, Bildungsgrad, Sprachkenntnis und ähnlichem, wobei dort vor allem nach eigenen Bedürfnissen entschieden wird. Ein solches Verfahren ist in Europa schon aus historischen Gründen undenkbar und würde sofort als unmenschlich oder schlimmer bezeichnet. Das zweite Element begreifen wir, wenn wir die ganze Geschichte einmal gänzlich vereinfachen und zur Frage der Finanzierung aus der Staatskasse, bzw. zur Steuerlast kommen. Bei ärmeren und wenig gebildeten Einwanderern bestünde eher die Möglichkeit, so die Sorge, dass sie auf Kosten der Sozialämter leben könnten und so wird bei der lokalen Einwohnerschaft die Angst geschürt, man nähme ihnen die Arbeit weg. Das wiederum verschafft die nötigen Argumente für die Anti-Einwanderer-Parteien, die ihre Politik auf dem demagogischen Versprechen aufbauen, ihre Länder von Eindringlingen „säubern“ zu wollen. Und diese Versprechen greifen, das beweist der Anstieg der Anzahl radikaler populistischer Parteien, die soeben einen neuen Block im Europaparlament gebildet haben. Es ist offensichtlich, dass sich die Wähler der EU-Länder, unzufrieden mit den großen Parteien und deren Politik, von denjenigen abwenden, bei denen ihre Ängste kein Gehör findet. Wenn sich diese Parteien also nicht ändern – dann werden sie ausgewechselt, was man am Beispiel der vor kurzem stattgefundenen Wahlen in Dänemark, Finnland und Schweden sehen kann, was keinen Fortschritt für die Einwanderer bedeutet, ganz sicher nicht. Die Zeit für eine ernsthaft durchdachte und einheitliche Politik verstreicht unaufhaltsam, und währendessen wachsen in uns größere und kleinere, eiserne und mentale Mauern.

(aus dem Kroatischen von Anne-Kathrin Godec)

Slavenka Drakulic. Rechteinhaber Fraktura. Fotograf: Roko Crnic
Slavenka Drakulic. Rechteinhaber Fraktura. Fotograf: Roko Crnic

Slavenka Drakulić, wurde 1949 in Rijeka ( Kroatien) geboren. Heute lebt sie in Zagreb und Stockholm. Ihre Werke sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. In ihren Büchern thematisiert sie gesellschaftlich relevante Phänomene, fokussiert oft die Situation der Frauen in der Gesellschaft und nimmt nicht selten den weiblichen Körper als individuelle Schnittstelle mit der Wirklichkeit in den Blick. 2005 erhielt sie den Preis der Leipziger Buchmesse für Frieden und Verständigung (Für das Buch: Keiner war dabei). Zuletzt erschien in Kroatien Dora und der Minotaurus, ein Buch über das Verhältnis von Dora Maar und Pablo Picasso.

 

Jedna od stvari za koje smo vjerovali da se u Europi ne može dogoditi nakon 1989. je ponovo dizanje zida poput Berlinskog. Barem ne u istočnoj Europi, i ne svega dvadeset pet  godina nakon što je srušen. Ali Mađarska ga već gradi.

Zastrašujuća je to odluka onih koji su još nedavno i sami bili zatvorenici unutar sovjetskog bloka i masovno emigrirali iz političkih razloga, na primjer nakon revolucije 1956., tražeći utočište na zapadu. Od sredine 19 st. milijuni  i milijuni emigrirali iz Europe u bijegu od gladi i ratova. Našli su spas uglavnom u Americi. Danas kontinent emigracije međutim odbija pružiti gostoprimstvo drugima, a naročito – budimo iskreni – onima koji nisu iste boje kože i iste vjere. Uz to, do jučer su se Europljani zgražali nad zidom u Izraelu kao i onim američkim, na granici s Meksikom. Zašto se ti zlokobni simboli podjela ponovo javljaju, i to u dijelu Europe koji se tek oslobodio zidova?

Istina je da EU trese izbjeglička groznica, bolje rečeno strah od imigranata potaknut strašnim prizorima umiranja na moru u blizini talijanske obale. Jer bez obzira na visoku cijenu, oni su nezaustavljivi. Stižu morem i kopnom, sve ih je više i čovjek ima osjećaj – ili se taj osjećaj namjerno stvara kroz medije – da cijeli fenomen pomalo izmiče kontroli. Jer očito je da nema ni zajedničkog dogovora niti vidljive jedinstvene imigracijske politike EU. Najnovija je odluka da se kvote izbjeglica dodijele zemljama članicama, ne bi li se tako pravednije rasporedio  teret brige za ove ljude tek je privremena vatrogasna mjera a ne rješenje i nije jasno hoće li djelovati na smanjenje – ili će možda stimulirati imigraciju.Tako treba gledati i na  gradnju zida na granici sa Srbijom.  Zid nije naišao na veliki otpor unutar EU, nego tek osvjetlio  činjenicu da se ne nazire razumno rješenje za masovnu imigraciju. Ozbiljnog dogovora nema jer ne postoji suglasnost o osnovnom pitanju: trebaju li nam uopće imigranti? Navodno trebaju, jer nedostaje radne snage u sve starijoj populaciji. U tom slučaju je zaključak da si EU zapravo ne može priuštiti da ih NE primi. Pa što se onda čeka? Čemu svi ti manevri protiv izbjeglica i imigranta, pogotovo ako traže posao?

U problemu s imigracijom postoje dva ključna elementa. Jedan je nemogućnost izbora imigranata. Na primjer, Australija ili Kanada biraju svoje imigrante prema strogim i vrlo uskim kriterijima – s obzirom na dob, obrazovanje, poznavanje jezika i sl.,  pri čemu se rukovode vlastitim potrebama. Tako što je u EU iz povijesnih razloga nezamislivo i odmah se proglašava nehumanim, ako ne i nečim puno gorim. Drugi element ćemo shvatiti ako krajnje pojednostavnimo cijelu priču, da bismo došli do razine financiranja iz državnog budžeta odnosno poreza. Siromašni i neobrazovani imigranti vjerojatno imaju veću šansu da padnu na teret socijalnih službi i tako, uz strah od otimanja posla, antagoniziraju domaće stanovništvo. To pak daje argument anti-imigrantskim strankama koje grade svoju politiku na demagoškim obećanjima da će “očistiti” zemlju od uljeza. Da obećanja pale, dokaz je porast broja radikalno populističkih stranki, koje su upravo formirale novi blok u Europarlamentu. Očito, glasači EU zemalja, nezadovoljni velikim partijama i njihovom politikom, okreću se od onih za koje imaju osjećaj da nemaju sluha za njihove strahove. Pa ako se te stranke ne promijene – biti će zamijenjene, pogledajmo primjer nedavnih izbora u Danskoj, Finskoj, Švedskoj… koji ne znače pomak na bolje za imigrante, sasvim sigurno ne. Vrijeme za ozbiljno promišljenu i jedinstvenu imigracijsku politiku čini se da nezaustavljivo prolazi, dok oko nas i u nama niču manje ili veće žičane i mentalne ograde.

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