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7. Juli 2015

Sonja Karadzic – vom Umgang mit der Schuld

https://soundcloud.com/ard_studio_wien/sonja-karadzic-vom-umgang-mit-der-schuld-autor-stephan-ozsvath/s-MiPnN

Die Anfrage um ein Interview mit Sonja Karadzic hatte Wochen gedauert. Zwei Kollegen versuchten ihr Glück – in Sarajevo und in Belgrad. Dann kam kurzfristig die Zusage: Die Tochter des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Radovan Karadzic würde uns ein Interview geben – in Pale, dem Ort, von dem aus der ehemalige bosnische Serbenführer regiert hatte. Schon auf dem Weg nach Pale (20 Kilometer östlich von Sarajevo) begegnete uns Sonja Karadzic: Auf verblichenen Wahlplakaten. Denn im letzten Jahr ist die Ärztin als Abgeordnete der Serbischen Demokratischen Partei ins Parlament der serbischen Teilrepublik Bosniens gewählt worden. Wir sprechen mehr als eine Stunde mit ihr über ihren Vater, das Massaker von Srebrenica, konfrontieren sie mit einem Video, das die Täter selbst aufgenommen haben: Es zeigt Angehörige der „Skorpione“, einer berüchtigten Einheit des serbischen Innenministeriums bei der Erschießung von sechs jungen bosnischen Muslimen aus Srebrenica. Das Video konnte man in der Heimatstadt der „Skorpione“ – im serbischen Sid – in einer Videothek unter dem Ladentisch bekommen. Sonja Karadzic bleibt professionell-freundlich.


Sie räumt ein, dass es Verbrechen gegeben habe, sagt dann aber Unglaubliches in die Kamera: Das Massaker sei eine Inszenierung gewesen, der ehemalige US-Präsident Clinton und der ehemalige bosnische Präsident Izetbegovic hätten vereinbart, „5000 Muslime zu opfern“ – um einen Grund für die Bombardierung der Serben zu haben. Das Erschießungsvideo bezeichnete die Politikerin als „krank“, die Tat selbst aber als „Einzelfall“. In Srebrenica sei auch kein Völkermord verübt worden, das Massaker entspreche „nicht den Kriterien“. Geplant hätte ihr Vater die Verbrechen ohnehin nicht. In diesem Jahr fällt das Urteil gegen ihn vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. In ihrem Büro steht eine Uhr mit dem Konterfei ihres Vaters: „Die Zeit wird kommen“ steht dort – fast wie eine Drohung. Die Uhr ist stehen geblieben. An den Wänden ganz in der Nähe ihres Büros sind Graffiti zu sehen: „Radovan Karadzic – ein serbischer Held.“ Und das sagen uns auch die Leute in der Fußgängerzone von Pale, die wir befragen. Von Reue keine Spur.

 

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