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24. Juni 2015

Klein, aber mein – das erste mobile Haus für Obdachlose in Bulgarien

Besonders stolz ist Bojan (Bobi) Kondow auf seine neue Postanschrift:

Fürstengarten an der Adlerbrücke
unter dem großen Baum auf dem Parkplatz
Sofia 1000 Bulgarien

Er zeigt stolz auf den weißen Briefkasten mit seinem Namen links an der Tür und schließt das Vorhängeschloss  zu seinem Eigenheim auf. „Mit dem eigenen Schlüssel!“, betont Bobi. Nach fast 8 Monaten unter freiem Himmel bei Schnee und Regen freut sich der 35-jährige wie ein Kind auf sein neues Dach über dem Kopf. Seit 10 Tagen bewohnt er das erste mobile Haus für Obdachlose in Bulgarien.

„Mein Häuschen ist bescheiden, klein, süß“, beschreibt es Bobi, der es sich in seinen neuen vier Wänden gemütlich gemacht hat. Auf dem Regal stehen, Kerzenständer, Spiegel und daneben platziert seinе neueste Erwerbung – ein kleines Radio. Die Bibliothek besteht vorerst nur aus drei Büchern, aber bald sollen es mehr werden, denn Bobi liest gern.  Aber seine wahre Leidenschaft gehört dem Zeichnen, wie Skizzenblock und Bleistift verraten. Ein kleines Gemälde eines unbekannten Malers ist an der Wand angelehnt: „Ich suche immer noch nach dem richtigen Platz dafür“, erklärt er.

Platz ist das, woran es hier ein wenig mangelt. Das Haus ist gerade mal so groß, dass sich sein Bewohner hinlegen kann. Dafür ist der Raum jedoch innovativ organisiert: Ein Teil des Bettes kann man hochklappen und es verwandelt sich in ein Sofa mit zwei Sitzplätzen. Darunter kann Bobi seinen spärlichen Besitz lagern.
Das Häuschen wurde aus Abfallmaterialien zusammengebaut: aus alten Holzpaletten, Überresten von Isolierplatten, Vinyl von einer Plakatwand, Montageschaum, Klammern, Nägeln, Klebstoff, Farbe. „Fast alles haben wir von Freunden geschenkt bekommen, deswegen sind die Kosten niedrig“, erzählt die dreißigjährige Mia Agowa.

Mia und ihren Freundinnen Joana und Eleonor  verdankt Bobi sein neues Zuhause. , Inspiriert von ihren Gesprächen mit Obdachlosen in Sofia, haben die drei die NGO „Stadtnomaden“ (Urban Nomads) gegründet. Im Unterschied zu den meisten „normalen“ Bulgaren, haben die jungen Frauen selbst Kontakt zu den Menschen auf der Straße gesucht und ihnen Hilfe angeboten. Ihre Erklärung für dieses, in Bulgarien ungewöhnliche, Verhalten: sie haben lange im Ausland gelebt, wo Obdachlose mehr geachtet werden.

Die Inspiration kam aus den USA. Im Internet sind die drei Freundinnen auf die Initiative von Gregory Kloehn gestoßen, der mobile Häuschen für Obdachlose in Kalifornien (USA) baut. „Greg hat uns ermutigt und wichtige Ratschläge für das erste Haus gegeben“, sagt Mia. Nun planen die „Stadtnomaden“, mindestens 25 solche Häuschen pro Jahr zu errichten. Dafür benötigt man nicht viel Geld, wenn sich genug Freiwillige beteiligen, die Materialien, Zeit und Arbeitskraft anbieten. Daran mangelt es zum Glück nicht: „Seitdem das erste Haus fertig steht, melden sich jeden Tag viele Menschen, die helfen wollen“, freut sich Mia.
Die jungen Frauen bleiben aber nicht dabei. Inzwischen haben sie erfahren, dass in alten Bussen in San Francisco mobile Duschen und Wäschereien für Obdachlose eingerichtet werden. Mia, Joana und Eleonor haben vor, die alten Ikarus-Busse des öffentlichen Nahverkehrs in Sofia dafür zu benutzen und verhandeln darüber schon mit der Gemeinde. Gleichzeitig suchen sie auch nach Geld, um die neue Idee zu finanzieren.

Langfristig planen die „Stadtnomaden“, einen sozialen Recycling-Betrieb für Obdachlose zu gründen. „Sie sammeln so wie so Altpapier und anderen Müll, den sie für Verarbeitung abgeben, um Kleingeld zu verdienen. Das könnten sie doch beruflich machen“, glaubt Mia. Für dieses Projekt braucht die NGO aber einen korporativen Investor.

Auch der Bewohner des ersten mobilen Hauses der „Stadtnomaden“ schmiedet Pläne für die Zukunft. Als Allererstes will Bobi Arbeit suchen. Er ist ausgebildeter Barmann, hat vor seiner „schlechten Periode“ 7 Jahre lang als Barmann gearbeitet und würde es gern wieder tun. „Alles wird wieder gut, ich glaube fest daran. Der erste Schritt ist schon getan – ich habe wieder ein Zuhause“, sagt Bobi optimistisch und voller Stolz.

Mitarbeit: Ekaterina Popova

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