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18. Juni 2015

„Z is for Zagreb“: Beginn einer neuen Ära des Zagreber Animationsfilms?

Pastellfarbene Aliens bei der Invasion eines neuen Planeten. Drei niedliche kleine Wölfe, die ihren eigenen Vater verspeisen. Kriegsverwüstungen und der darauffolgende Wiederaufbau. Die Bandbreite der Inhalte und der technischen Umsetzung des gegenwärtigen kroatischen Animationsfilms ist groß. Einige Filmemacher zeichnen klassisch mit der Hand, andere arbeiten mit modernster Computertechnik und wieder andere erwecken ihre Charaktere mit Stop-Motion, einer Aneinanderreihung von Fotos, zum Leben.

Die junge Animationskünstlerin Tea Strazicic – Ton in Ton mit ihrem Kurzfilm „Arcadian Fever“ über pastellfarbene Aliens. „Normalerweise wird Science-Fiction als männliches Genre charakterisiert und die Farben sind metallisch und dunkel. Im Kontrast dazu mache ich Science-Fiction in rosa und anderen Pastelltönen“, sagt die Filmemacherin. Foto: BR | Isabella Purkart
Die junge Animationskünstlerin Tea Strazicic – Ton in Ton mit ihrem Kurzfilm „Arcadian Fever“ über pastellfarbene Aliens. „Normalerweise wird Science-Fiction als männliches Genre charakterisiert und die Farben sind metallisch und dunkel. Im Kontrast dazu mache ich Science-Fiction in rosa und anderen Pastelltönen“, sagt die Filmemacherin. Foto: BR | Isabella Purkart

Vom „Beginn einer neuen Ära des kroatischen Animationsfilms“ spricht Tea Strazicic, die mit ihrem Film „Arcadian Fever“ beim Animafest im Wettbewerb für den besten studentischen sowie den besten kroatischen Film vertreten war. „Die Filme werden jedes Jahr interessanter“. Tea Strazicic ist bestens vernetzt in der Zagreber Kunstszene. Während des Gesprächs mit ihr vor dem Kino Europa vergeht keine Minute, in der sie nicht von Kollegen begrüßt wird. Neben ihren Animationsfilmen arbeitet sie an Videospielen, Musikvideos und Illustrationen für Kinderbücher. „Ich bin sehr gerne in Zagreb. Die Musikszene und das kulturelle Leben der Stadt sind sehr divers, deshalb habe ich hier viele Möglichkeiten mich zu verwirklichen“.
Dass der kroatische Animationsfilm im Aufschwung ist, zeigt auch das Festivalprogramm: Erstmals gibt es dieses Jahr neben dem internationalen auch einen kroatischen Wettbewerb. „Die Produktion der kroatischen Filme ist größer geworden und befindet sich momentan auf einem recht hohen Niveau“, sagt Animafest-Direktor Daniel Suljic. Auch Nikica Gilic, Professor für Filmwissenschaft in Zagreb und einer der Kuratoren des Animafests, ist begeistert von den neuen Entwicklungen in der kroatischen Animationsfilmszene. Er betont aber die Einmaligkeit der Zagreber Schule des Animationsfilms der 1950er und 60er Jahre. „Damals gab es diese dichte Konzentration von großen Talenten an einem Ort. Ich bezweifle, dass sich diese Situation wiederholen lässt. Heute ist die Konkurrenz ungemein größer.“

Die Nachwirkungen dieser glanzvollen Zeit der Zagreber Schule sind noch bis heute spürbar. Egal wo auf der Welt – wer sich mit Animationsfilm auseinandersetzt, stößt schnell auf Zagreb und die alten Meister des Animationsfilms. Einige Vertreter der Zagreber Schule arbeiten noch heute und gewinnen Preise bei internationalen Festivals. „Auch für die jungen Künstler ist es von Vorteil, aus Zagreb zu kommen – auf dem globalen Markt werden sie leichter bemerkt“, sagt Nikica Gilic. Und diese Nachwuchstalente sind bereits früh mit Animationsfilm abseits von Disneyproduktionen in Berührung gekommen. „Schon als Kind habe ich mir die Sendung ‚Animavizija‘ im kroatischen Fernsehen angeschaut. Die Themen waren eher für Erwachsene, aber ich war gleich fasziniert davon und habe beschlossen, Animationsfilmemacherin zu werden“, sagt Jelena Oroz. Sie gehört einer neuen Generation von Künstlern an, die die neuen Medien für ihre Filme selbstverständlich nutzt. „Mit der neuen Technologie ist der Produktionsprozess schneller. Aber die Technologie macht den Film nicht von selbst, wie viele Leute glauben“, sagt die Künstlerin. „Zeichnen müssen wir schon noch selbst“.
Der jüngste Aufwind der kroatischen Animationsszene ist vor allem auf großzügige öffentliche Förderungen zurückzuführen. „Es gibt in Kroatien die Möglichkeit, nur vom Animationsfilm zu leben“, sagt die Animationsfilmemacherin Ivana Bosnjak. „Zwei Mal im Jahr kann man Projekte einreichen. Wenn man damit erfolgreich ist, braucht man nebenher keinen anderen Job, wie das etwa bei meinen Freunden in England der Fall ist“. Die staatlichen Gelder werden durch einen Fonds verteilt. Experten entscheiden darüber, welche Projekte gefördert werden. „Das macht kein Beamter im Ministerium, sondern Künstler oder Kritiker, die sich wirklich mit Kunst auskennen“, sagt Nikica Gilic. „Wir sind mit dieser Vorgangsweise zufrieden.“

Der Kreativität der kroatischen Animationskünstler sind also zumindest in finanzieller Hinsicht kaum Grenzen gesetzt. Zur goldenen Ära der Zagreber Schule des Animationsfilms führt aber wohl kein Weg mehr zurück – die Welt hat sich weitergedreht, ist komplexer geworden. Dennoch blicken die jungen Animationsfilmemacher enthusiastisch in die Zukunft. Durch die internationale Vernetzung ergeben sich neue Möglichkeiten für die Filmschaffenden. Das zeigt wohl am besten der diesjährige Gewinnerfilm des kroatischen Wettbewerbs: „Life with Herman H. Rott“ ist eine dänisch-estnisch-kroatische Koproduktion.

Mitarbeit: Isabella Purkart

Auch das Museums für zeitgenössische Kunst ist im Animationsfieber. Dort werden vom 09. bis 14.06. an die Außenwände animierte Bilder gestrahlt. Foto: BR | Stjepan Milcic
Auch das Museums für zeitgenössische Kunst ist im Animationsfieber. Dort werden vom 09. bis 14.06. an die Außenwände animierte Bilder gestrahlt. Foto: BR | Stjepan Milcic

Rückblick:

Setzen wir uns in eine  Zeitmaschine und reisen ein gutes halbes Jahrhundert in die Vergangenheit, im Animationsverfahren ist das gar kein Problem. Als im Jahr 1962 ein Zeichentrickfilm aus dem damaligen sozialistischen Jugoslawien den Oscarfilmpreis bekommen hat,  war das eine Weltsensation. Überraschung auch für seinen Autor, Dusan Vukotic, der erst gar nicht zur Oskar-Verleihung in die USA geflogen ist. Aber er und seine Kollegen beim Zagrebfilm wussten wohl, dass sie mit diesem Film und was sie sonst machen, international mithalten konnten.

https://www.youtube.com/watch?v=xhfHXLuiTd8

In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben zwei Zagreber Deutsche, die Brüder Walter und Norbert Neugebauer eine Gruppe junger Karikaturisten und Zeichner um sich versammelt, um Zeichentrickfilme zu machen. Daraus entwickelte sich etwas, was in der Fachwelt als „Zagreber Schule des Zeichentrick/Animationsfilms“ bekannt geworden ist. „Surogat“ (Der Ersatz), der anfangs erwähnte Oscar Preisträger war der Höhepunkt dieser Schule, die aus der Not eine Tugend machte und die eine Revolution in die Animationsszene brachte.
„Wir wollten eigentlich alle wie Disney zeichnen und solche Filme machen, aber wir hatten nicht die technischen und finanziellen Mitteln, und auch nicht genügend Menschen, um das zu verwirklichen. Daher mussten wir uns was Einfacheres einfallen lassen“, erinnert sich Borivoj Dovnikovic Bordo, einer der letzten lebenden Zeitzeugen. „So kamen wir zur einer Art Minimalismus oder Reduktion der Bewegungen, der Fläche, des Raums, und wir haben, anders als bis dato, die Musik, Töne und Geräusche in den Filmen verwendet. Außerdem wollten wir den Zeichentrickfilm als eigene Kunstform etablieren, also etwas, was nicht nur für Kinder und die sich als Kinder fühlen, interessant sein sollte. Der  „Oscar“ selbst hat uns sicher viel bedeutet, aber eher für unser Land als für die Kunst, uns waren andere Fachpreise wichtiger.“

Man muss hierbei erwähnen, dass Zagrebfilm als Produzent bisher über 400 internationale Preise bekommen hat, und die Autoren, die daraus hervorgegangen sind, noch mehr. „Ja, das hat uns in der Welt bekannt gemacht, ehrlich gesagt, viel mehr im Osten und in Asien als im Westen“, sagt Bordo. „Gab es nach diesen Erfolgen politischen Druck, Propagandafilme für den Staat zu machen?“, frage ich den alten Meister. „Nein“, meinte der rüstige 84-jährige Bordo entschieden, „wir konnten immer machen, was wir wollten. Tito als Person und Staat-mann sowie Jugoslawien als Staat waren allerdings unantastbar, aber mich hat das nicht gestört, ich war nicht gegen Jugoslawien, wie ich auch heute nicht gegen Kroatien oder die EU bin, und Tito war bekannt als ein großer Filmliebhaber, also warum sollte ich ihn angreifen? Und Geld gab es auch, nicht das wir in Luxus schwammen, aber wir konnten arbeiten, das war das Wichtigste, man konnte von seiner Arbeit gut leben.“ Die heutige Animation, die größtenteils als „ein Mann/Frau Produkt“ hinter dem Computer entsteht, gefällt dem Altmeister gar nicht. „Da kann jemand mit einem Punkt oder einem Strich beliebig spielen, und ich sage nicht, dass dabei nicht etwas Kreatives und Interessantes entstehen kann, aber wo bleiben die zwischenmenschlichen Beziehungen, die kreativen Auseinandersetzungen, wobei sich vier, fünf, zehn Leute beim Glas Wein gegenseitig ergänzen und korrigieren, denn die Kunst ist nicht nur einsame Arbeit sondern auch Austausch der Ideen, und wie kann man die Ideen mit einer Maschine austauschen…“

Bordo hat irgendwo Recht. Das Festival des Animationsfilms hat heute nicht mehr die Bedeutung für Zagreb, das es früher hatte, am Anfang in den 70-er Jahren oder in den Kriegsjahren in den 1990-ern, wo die Stadt nicht nur knapp eine Woche mit dem Festival lebte,  sondern Wochen davor und danach. Damit kam ein Touch von Europa und der großen Welt hierher.  Heute gibt es in Zagreb zig Filmfestivals, Konzerte und andere hochkarätige internationale kulturelle Veranstaltungen.  „Z is for Zagreb“, der Slogan des Kritikers Roland Holloway dürfte jedoch so nach wie vor ein Geheimtipp für Liebhaber dieser Kunstform bleiben.

Mitarbeit: Stjepan Milcic

Kommentare (1)

Dominik Ešegović am

Toller Beitrag! Schön zu sehen, dass sich der Animationsfilm auf dem Balkan einer gewissen Beliebtheit erfreut.

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