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11. Juni 2015

„Du hast ein Problem, wenn du nicht korrupt bist.”

Wegen ihrer scharfen Kritik an korrupten Machenschaften erntete die in Rumänien bekannte Journalistin Sorina Matei wütende Reaktionen von dem mittlerweile selber offiziell der Korruption beschuldigten  Premierminister Victor Ponta und von Ex-Präsident Traian Basescu. Schließlich brachten sie ihre Enthüllungen um ihren Job als Moderatorin und ihre Sendung „Rumänien Aktuell” wurde abgesetzt. „Rumänien ist, so wie das sämtliche internationalen Untersuchungen und Berichte bestätigen, durch eine über die letzten 25 Jahre hinweg in variantenreichen Koalitionen regierende politische Klasse zu einem von Korruption geprägtem Land geworden,” schreibt Sorina Matei für unsern Blog. „Gleichzeitig entwickelten sich die Medien und besonders das Fernsehen explosionsartig und unter zunehmender, heute besorgniserregender Kontrolle durch korrupte Politiker und Oligarchen, die um jeden Preis die Informationen für das Publikum zu filtern oder zu manipulieren suchen.”

 

Ein Gastbeitrag von Sorina Matei:

Was würdest du tun, wenn dich  eines schönen Tages dein Chef anruft und dir ganz einfach sagt, ab morgen brauchst du nicht mehr zur Arbeit zu kommen – nie mehr zur Arbeit zu kommen ? Du würdest wohl fragen: Was ist los, was hab ich falsch gemacht? Und was würdest du tun, wenn der Chef dir darauf nichts antwortet?

Was würdest du tun, wenn eine halbe Stunde vor dem Start deiner Sendung ausgerechnet dein eigenes Moderatoren-Pult dem über zehn Jahre hinweg  mächtigsten Mann im Staat, dem ehemaligen Präsidenten, für eine öffentliche Attacke gegen dich zur Verfügung gestellt wird, nur  weil du Details eines Korruptionsfalls präsentiert hattest, in dem seine Favoritin ein Rolle spielte?

Was würdest du tun, wenn auch der Premierminister Rumäniens aus dem anderen politischen Lager, ebenso wütend auf die Enthüllungen reagiert, die du auf einem Blog publizierst, einem einfachen, kleinen Blog in einem Land mit immerhin gut 20 Millionen Einwohnern?

Du würdest weitermachen, sagst du vielleicht. Du würdest einfach deinen Beruf so ausüben wie du es die letzten zwanzig Jahre über getan hast. Anständig und kompromisslos. Unangesehen der Folgen. Aber in Rumänien kannst du für sowas an einem Samstagnachmittag deinen Job verlieren.

Sturm fegt Korrupte weg

Eine heute so entschieden wie nie zuvor geführte Antikorruptionskampagne lässt die politische Klasse Rumäniens geradezu außer sich geraten und beschränkt die Mittel der durch Korruption finanzierten Medien auf schmerzhafte Weise. Aber wichtiger als die dadurch bei markanten öffentlichen Figuren hervorgerufenen Entzugs-Probleme ist der enorme Vertrauensgewinn der Justiz bei fast 90% aller Rumänen, die zur Zeit voll und ganz die Korruptionsbekämpfung  unterstützen. An die 70% haben Vertrauen in die Behörde zur Korruptionsbekämpfung und 50% setzen ihre Hoffnung in deren Chef-Staatsanwältin Laura Codruta Kövesi. Die von den rumänischen Politikern verhöhnten und verarmten Durchschnitts-Rumäninnen und -Rumänen haben erkannt, dass sie die Nutznießer eines nach diesem Antikorruptionssturm sauberer zurückgelassenen Landes sein werden. Für diese Rumäninnen und Rumänen habe ich meine  Sendungen gemacht.

Während des letzten Halbjahres begannen die Staatsanwälte gegen die meisten der wichtigen Politiker der Regierungspartei bis hin zum amtierenden Premierminister Ermittlungen oder brachten sie sogar hinter Gitter. Der Schwager des Premiers sitzt wegen Korruptionsermittlungen in Untersuchungshaft. Die Favoritin des ehemaligen Präsidenten war in Untersuchungshaft und steht unter Hausarrest – sie ist in einem Fall bereits der Korruption angeklagt und in weiteren Fällen wird gegen sie ermittelt. Auch gegen gewesene politische Freunde sowie Verwandte des ehemaligen Staatschefs laufen Ermittlungen wegen Korruption: Sein Bruder war in Untersuchungshaft, sein Schwiegersohn hatte sich zu Vernehmungen einzustellen.  Hunderte Millionen Euro sind aus dem öffentlichen Haushalt in die nun zunehmend aufgedeckten dunklen Kanäle von Spitzenpolitikern, Oligarchen, Medienzaren umgeleitet worden. Gleich acht Fernsehmogule stehen in Bukarest gegenwärtig wegen schwerwiegender Korruption unter Strafverfolgung oder vor Gericht oder sind bereits zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Es war einmal: Sorina Matei und Ex-Präsident Basescu sprechen noch miteinander. Heute attackiert der ehemals Mächtige die Korruptionskritikerin. Foto: Sorina Matei
Es war einmal: Sorina Matei und Ex-Präsident Basescu sprechen noch miteinander. Heute attackiert der ehemals Mächtige die Korruptionskritikerin. Foto: Sorina Matei

Medienoffensive der Korrupten

Ein Erdbeben erschüttert ein wahres Heer von bisher als unantastbar geltenden Spitzenfiguren der Politik und Gesellschaft. Die Unantastbaren tragen plötzlich Handschellen , stehen vor Gericht , kommen ins Gefängnis und ein Ende der Ermittlungen und Gerichtsverhandlungen ist angesichts der Dimensionen dieses Korruptionssumpfes noch nicht wirklich abzusehen. Das ist der Grund dafür, dass die von Premierminister und Ex-Präsident sowie von Parlamentariern und Oligarchen beeinflussten Medien eine erbitterte Gegenoffensive entfesselt haben, die nur noch von  wenigen unabhängig gebliebenen Journalisten und Publikationen entlarvt und erwidert wird. Um Freiheit und illegalen Besitz zu bewahren, versuchen die Korrupten nun um jeden Preis, die Ermittlungen der Staatsanwälte zu stoppen und die Behörden der Korruptionsbekämpfung durch journalistische Hetzkampagnen unglaubwürdig zu machen.  Parallel dazu haben die Parlamentarier ihr eigenes Hauptangiffsziel definiert: Eine Veränderung des Strafgesetzes aufgrund von zahlreichen Novellierungsanträgen soll fortan die Ermittlungen behindern.

Es geht um Freiheit und Rechtsstaat

In diesem Kontext eines Kampfes auf Leben und Tod zwischen Korruption und Justiz fand jenes Telefonat statt. Ich war zwar schon früher gewarnt worden: „Du hast ein Problem. Du bist nicht korrupt.” Dennoch kam der Anruf unerwartet. Ich war immer des Glaubens gewesen, dass nicht korrupt zu sein als positiv gelten müsse. Doch wenn du in Rumänien anständig bist und ehrlich, dann hast nicht nur du ein Problem, sondern du wirst auch zu einem Problem für gewisse Andere, für die Korrupten des Landes.  Dann können sie dich nämlich nicht kontrollieren, nicht erpressen, nicht daran hindern deinen Beruf auszuüben, der darin besteht den Menschen in Rumänien mitzuteilen, was du weißt.

Ich lerne heute erneut, was ich in diesem Beruf allerdings bereits Gelegenheit hatte zu erfahren, doch immer wieder verdrängte, um nicht meine Energie zu verlieren: In einem Land, in dem ein Großteil der Politiker  sich gegen die Justiz vereinigt weil diese die korrupte politische Klasse abschafft, ist es nicht allein eine Herausforderung, den Menschen nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit  über die Korruption zu sagen, sondern es kann auch zu einem  Alptraum werden. Aber ich habe noch mehr  gelernt: Nur ein nicht korrupter Journalist ist ein freier Mensch. Und nur ein freier Mensch ist auch frei genug, um die Wahrheit zu sagen. Eine unabhängige Justiz und eine unabhängige Presse sind fundamentale Bestandteile eines demokratischen und starken Rechtsstaats. Korruption zerstört Nationen. Das ist es, wovon ich überzeugt bin. Oder irre ich mich?

 (Aus dem Rumänischen: Herbert Gruenwald)

Kommentare (4)

Doris am

Viel Glück den tapferen Vorreitern, die gegen Korruption kämpfen und standhaft bleiben!

vasile am

Gut geschrieben Soria! Glückwunsch! Auf´s Punkt getroffen !

Erwin Weigl am

Hallo,
Ich bin Auslansoesterreicher und lebe seit gut 12 Jahren in Rumaenien. Ich kann nur bestaetigen was hier veroeffentlicht wurde und es ist noch sehr sehr schwierig die Rumaenen, z.B. meinen Freundeskreis zu ueberzeugen, endlich gegen diese Maechtigen aufzustehen und Korruption zu bekaempfen, verbal oder selbst schon beim einfachen Strafe zahlen, Arztbesuch, Spitalsbesuch (wo man immer noch mit kleinen Betraegen den gewuenschten Erfolg erreichen kann). Wo immer es moeglich ist, auch im privaten Umfeld endlich mit dieser Gewohnheit (noch dazu ein Relikt aus der kommunistische Aera) schluss zu machen und sich mit einem Land zu identifizieren, wo Gelder (auch Steuergelder), fuer Gesundheitswesen, Pension, Infrastruktur auch Zweckgebunden verwendet werden und nicht in dunkle Kanele fliessen.

Bogdan am

Sehr gut Sorina

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