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28. Mai 2015

Tito – genialer Staatsmann oder erbarmungsloser Diktator ?

Selbst heute feiern noch tausende Anhänger Josip Broz Titos von Ljubljana bis Skopje am 25.5. den Geburtstag des einstigen Staatspräsidenten des sozialistischen Jugoslawiens.

Eigentlich hatte Tito am 7. Mai Geburtstag – der 25. Mai wurde nachträglich zu seinem Geburtstag erklärt, da er an diesem Tag im Jahr 1944 nur knapp den deutschen Besatzern entkam. Von den einen verehrt, von den anderen verdammt wird der Streit um die historische Figur Tito in den jugoslawischen Nachfolgestaaten heute erbittert geführt und offenbart sich immer wieder an der ewigen Auseinandersetzung um Nationalismus und Antifaschismus.

Kumrovec -Titos Geburtsort in Kroatien

Ivo Godnic als Titodouble und "junge" Pioniere. Foto: BR | Stjepan Milcic
Ivo Godnic als Titodouble und „junge“ Pioniere. Foto: BR | Stjepan Milcic

Seit Jahren veranstalten Titos Verehrer an seinem Geburtstag ein riesiges Fest im kroatischen Kumrovec, wo Josip Broz Tito 1892 als Bauernsohn geboren wurde. Wie jedes Jahr kamen hier zwischen 5.000 bis 10.000 Tito- und Jugonostalgiker zusammen, um ihrem Idol Treue zu beweisen. „Je mehr Lügen und Verleumdungen es gibt, umso lieber ist uns Tito“, ist es unisono zu hören. Einer der Redner ist der letzte jugoslawische Präsident (Juni 1991 bis Oktober 1991) und zweimalige Präsident Kroatiens (2000 bis 2010)  Stjepan Mesic, der Titos Rolle positiv bewertet: Tito habe mit seinem Partisanen-Kampf gegen Nazifaschismus und Nationalismus Jugoslawien befreit, das unterentwickelte Land zu Frieden und Wohlstand geführt und mit der Initiierung der Blockfreien-Bewegung international behauptet. Tito habe sogar die Grundlagen für friedliche Loslösung der YU-Republiken (konföderative Verfassung 1974) geschaffen. Es sei nicht seine Schuld gewesen, dass die nationalistisch besessenen Politiker dann nicht imstande oder Willens waren, das umzusetzen und 1991 „sein“ jugoslawisches Modell im Krieg auseinanderfiel, so Mesic.

Ganz anders als Mesic sieht Titos Rolle der Zagreber Historiker Josip Jurcevic, der die Nostalgie-Feiern kritisiert. Zehntausende hingerichtete Soldaten und Zivilisten (Titos Kriegsgegner) nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, Tausende zu Tode oder zu langjährigen Haftstrafen verurteile politische Gegner in Schauprozessen, Killerkommandos im Ausland, wo Titos Kritiker verfolgt und oft brutal ermordet wurden, zeige nur eines: Trotz eventueller Verdienste, sei Tito ein machtbesessener rücksichtsloser Politiker gewesen, meint Jurcevic.
Um die Figur Tito wird in Kroatien heute ein ideologischer Krieg geführt. Die linksliberale Regierung würdigt seinen antifaschistischen Kampf als Grundlage des kroatischen Staates, während die neue national-konservative Präsidentin demonstrativ Titos Büste aus ihrem Präsidentensitz entfernen ließ.

Sarajevo – Party, Feuerwerk und Blumen

Die Hauptstraße in Sarajevo heißt heute noch „Marschall Tito“, an deren Beginn das „Ewige Feuer“ an den gemeinsamen Befreiungskampf der Kroaten, Serben und Muslime 1945 gegen Nazi-Deutschland erinnert. Die Flamme brennt unentwegt seit 1946 bis heute. Nur während der blutigen Belagerung Sarajevos (1992-1996) erlosch sie, allerdings nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil es in der Stadt keinen Brennstoff gab.
Es scheint paradox, aber in der Stadt, die im jugoslawischen Zerfallskrieg am meisten gelitten hat, ist das Andenken an Tito und sein Jugoslawien der „Brüderlichkeit und Einigkeit“ ungebrochen.

Wie jedes Jahr begann die „Geburtstagsfeier“ hier um 11 Uhr mit dem Marsch von Tito-Fans zu einer ehemaligen Kaserne der Jugoslawischen Volksarmee (heute Campus), um dort vor Titos Denkmal Blumen niederzulegen. Die meisten der älteren Damen und Herren sind Mitglieder des Vereins „Josip Broz Tito“. Neben den Blumen gehört die Traueranzeige in der Tageszeitung Oslobodjenje zu ihrem alljährlichen Gedenkritual.
Doch Tito hat in Sarajevo auch junge Anhänger, die am Abend im Café Tito mit Partisanenliedern und Rock-Musik aus der Jugo-Zeit an den Staatsgründer des multiethnischen Jugoslawien erinnern. Keiner der rund 300 20- bis 30-Jährigen hat Titos Jugoslawien selbst erlebt – Tito bedeutet für sie hippen Kult und die Sehnsucht nach einer Vision friedlichen Zusammenlebens.
Alles natürlich in entsprechender Kulisse voller Tito-Fotos und kommunistischen Sprüchen wie „Tod dem Faschismus, Freiheit für das Volk“ oder „Tito je naš“ (Tito ist einer von uns). Wie immer seit 10 Jahren wurde die Feier mit einem Feuerwerk abgeschlossen.

Skopje – Vorwärts in die Vergangenheit

In der mazedonischen Hauptstadt gibt es immer noch ein Gymnasium, das den Namen „Tito“ trägt und dessen Eingang eine „Tito“-Statue schmückt.

Vor der Titostatue in Mazedonien kommen junge und alte Verehrer zur Geburtstagsfeier zusammen. Foto: BR | Lyubisha Nikolovski
Vor der Titostatue in Mazedonien kommen junge und alte Verehrer zur Geburtstagsfeier zusammen. Foto: BR | Lyubisha Nikolovski

Hier versammelte sich eine illustre Gruppe mit roten Halstüchern, blauen Schiffchen-Mützen mit rotem Stern und Tito-Fotos. Es sind „junge Pioniere“, die sich zu Titos Lebezeiten an seinem Geburtstag, der auch als „Tag der Jugend“ gefeiert wurde, an der sogenannten „Stafette der Jugend“ beteiligten. Sie endete in Belgrad mit der Übergabe des Stafetten-Stabs an Tito persönlich. Slobodan Ugrinovski und seine „jungen Pioniere“ sind allerdings ins Alter gekommen und richtigen Nachwuchs gibt es ebenso wenig, wie die „Stafette der Jugend“.

 

Aber es gibt Erinnerungen und die möchte Slobodan weitergeben. „Über Tito und die Pioniere hat mir Opa viel erzählt, aber von Jugoslawien weiß ich nicht viel, denn darüber lernen wir in der Schule nichts“, erklärt seine 11-jährige Enkelin Ivana. Dabei hält sie stolz Opas Stafetten-Stab von damals in der Hand – und in der anderen Hand ihr Handy.

https://www.youtube.com/watch?v=BAExSQq3OHM

Wie damals machen sich die alten „jungen Pioniere“ auf den Weg nach Belgrad – einst überreichten sie dort Tito den Stab, nachdem sie ihn durch Dörfer und Städte des ganzes Landes getragen hatten. Heute legen sie Blumen auf sein Grab.

Belgrad – Haus der Blumen

An Titos Mausoleum „Haus der Blumen“ in Belgrad versammeln sich seine Anhänger aus allen ehemaligen Landesteilen Jugoslawiens regelmäßig an seinem Geburtstag wie auch Todestag. Josip Broz Tito starb am 4.5.1980 und seine Beerdigung wurde damals zu einem internationalem Großereignis, an dem Präsidenten, Premiers und Außenminister aus 127 Staaten teilnahmen – kein Begräbnis eines Staatspräsidenten im 20. Jahrhundert wurde von so vielen hochrangigen Politikern begleitet. Unter ihnen waren Leonid Breschnew, Margret Thatcher sowie Helmut Schmidt und Erich Honecker, die die Gelegenheit zu einem deutsch-deutschen Gipfeltreffen nutzten.
Noch heute schwelgen Titos Anhänger in diesen Erinnerungen und führen sie als Beweis für Titos Größe an!

https://www.youtube.com/watch?v=Ot19e_7vcV8

Doch nicht überall im ehemaligen Jugoslawien stößt man auf Bewunderer. Im Kosovo ist er als unerbittlicher Tyrann in Erinnerung.

Kosovo – Tito der Tyrann
In den Augen der meisten Kosovo-Albaner war Tito nichts anderes als ein Diktator. Schon bei der Staatsgründung fühlten sie sich die Kosovaren von Tito betrogen: Er versprach ihnen einen Volksentscheid über den Anschluss an Albanien. Diese Abstimmung hat es nie gegeben und das ökonomisch rückständige Kosovo wurde nie zu einem gleichberechtigten Teil des neuen Vielvölkerstaates. Sie waren die einzige nicht-slawische Nation mit vollkommen anderer Kultur und Sprache und wurden jahrzehntelang von Titos Regime unterdrückt. Autonomiebestrebungen und Demonstration wurden in den 60er Jahren brutal niedergeschlagen. Von 1945 bis 1995 sollen Kosovo-Albaner, die den Großteil der politischen Gefangenen in Jugoslawien ausmachten, zu insgesamt 50.000 Jahren Gefängnis verurteilt worden sein. Das prägt die kollektive Erinnerung, sodass auch junge Kosovaren sich Titos Regime sehr bewusst sind. Für sie gibt es keinen Raum für eine Bewunderung seiner vermeintlichen Leistungen.

Mitarbeit: Gordan Godec, Besnik Hamiti, Zoran Ikonic, Eldina Jasarevic, Stjepan Milcic, Lyubisha Nikolovski

Kommentare (5)

Ivica Bušić am

Tito war der größte Verbrecher im Ehemaligen Jugoslawien seinerzeit. Es wurde tausende Menschen nach dem 2. Weltkrieg hingerichtet ohne Prozess. Viele nur weil sie anderes Dachten oder Demokratie gewollt haben. Er ist das größte Unheil. Seine Leute haben 50 Jahre Propaganda betrieben und die Wahrheit verschleiert.

Lügen über Lügen am

Dieser Artikel ist eine Schande und eine Lüge. Genau so sagte Scharping, wie im Kosovo auf dem Fussballfeld ein Massaker stattfand…. Nie geschehen, die Bomben fielen trotzdem auf Belgrad. Schämt euch, die an diesem Artikel mitwirkten und so einen Artikel schrieben. Man hätte ja auch aus dem Kosovo ins schöne Albanien ziehen können, der Enver Hoxha war ein feiner Kerl zu seiner Zeit.

    selber lüchner am

    Ja, das mir Scharping ist denkwürdig. Heute ist jeder Kosovar dankbar, dass er sich für sie einsetze weil sonst sehr viel mehr Bürger ihr leben im Kosovo gelassen hätten. Kurze Frage, wie oft wurde von Politikern im Balkan falsches behauptet? Also bitte.
    Genauso wie die Kosovaren angeblich „eInfAcH iNs ScHönE aLbANiEn“ hätten ziehen können (lächerlich wie viel mehr Kosovaren lebten dort als jede andere Ethnie?!), hätten die serbo-kroaten, serbo-bosniaken, serbo-montenegriner, serbo-slowenen nach Serbien ziehen können. Stattdessen nutze Milosevic das als Grundlage ein „brüderliches“ Jugoslawien (= Großserbien) gründen zu wollen und marschierte überallein. Klarer Hintergrund:
    er wollte möglichst viel Land = Macht.
    Wenn wir schon beim Thema sind; warum ziehen die Serben aus den Teilen Kosovos jetzt nicht einfach nach Serbien? Ja, also.

    Anm. d. Red.: Dieser Beitrag musste aufgrund unserer Kommentarrichtlinien gekürzt werden. Kommentieren Sie sachlich, ohne persönliche oder gar beleidigende, ruf- oder geschäftsschädigende Angriffe.

James am

Dont’t f.ck with Marshal!Marshal is bigger than Jesus!

alex roth am

zufälig habe ich ein buch gekriegt und gelesen,name „hochstapler“.da ich ehemalige yu sehr gut kenne.auch d.sprache
bechersche,auch d.geschichte dortigen stämme,möchte ich,da ich buch gelesen habe,das buch empfehlen aber ich muss
dazu schreiben,zu d.titel „hochstapler“ gehörten noch „kriminele“ und „mörder“.so muss d.titel heissen.

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