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30. April 2015

Ob Homo oder Hetero: Metelkova – Eine Kunst- und Clubszene mit viel Herz im Herzen Sloweniens

Katja wirft ihre langen blonden Locken zurück. „Živijo!“ ruft sie einem jungen Mann erfreut zur Begrüßung zu und drückt ihm einen langen feuchten Kuss auf den Mund. Genauso innig wird auch der nächste Mann von Katja begrüßt. Schnell nimmt sie einen Schluck Whiskey-Cockta aus ihrer kleinen Flasche, die sie in ihrer Handtasche aufbewahrt, und stürzt sich wieder ins Gedränge auf der Tanzfläche. Eng umschlungen tanzt sie mit Andrej, einem jungen Mann mit gezupften Augenbrauen, gepflegtem Bart und T-Shirt mit V-Ausschnitt.

Katja ist die selbsternannte Ikone der slowenischen Schwulenszene. Sie kennt alle Gäste im Klub Tiffany, kommt sie doch jeden Freitagabend hierher. Wirkliche Alternativen zum Ausgehen gibt es für Katja nicht. Tiffany ist der einzige Schwulenclub in ganz Slowenien, der jedes Wochenende seine Pforten öffnet. „Andere Clubs machen nur einmal im Monat auf, aber denen geht es sowieso vor allem ums Geld“, sagt Katja, „hier ist das anders. Die Veranstalter sind mit ganzem Herzen dabei.“

„Ein Ort mit viel Herz“ – das hört man oft hier, in der Metelkova in Ljubljana, wo sich der Klub Tiffany befindet. Die Metelkova wurde im 19. Jahrhundert als Kaserne für die österreichisch-ungarische Armee gebaut. Bis zur Unabhängigkeitserklärung Sloweniens im Jahr 1991 diente der Gebäudekomplex der Jugoslawischen Volksarmee. Das danach leerstehende Areal wurde 1993 von Künstlern und Intellektuellen besetzt. Heute ist die Metelkova das Zentrum der slowenischen alternativen Kunstszene und beherbergt verschiedene Musikclubs. Dass hier viele offen ihre Homosexualität ausleben, ist kein Thema. Denn anders als in vielen leider noch immer sehr homophoben Ländern Südosteuropas, wie etwa Serbien, hat Schwulsein in Slowenien einen ähnlichen Grad an Akzeptanz wie in Deutschland oder Österreich. Es existiert sogar schon länger eine gesetzlich anerkannte Partnerschaft als in Österreich.

„Die Metelkova ist der interessanteste Ort in Ljubljana, nein, in ganz Slowenien!“, meint die Studentin Nina. Sie sitzt mit ihren Freunden auf dem Turm in der Metelkova– einer aus Recyclingmaterialen gebauten mehrstöckigen Sitzgelegenheit im Freien. „Aber eigentlich nur am Freitag, weil am Samstag fahren alle Studenten nach Hause in ihre Dörfer“. Für Nina ist die Metelkova nicht nur ein Ort der Entspannung, sondern auch der Inspiration. Die Band, in der sie singt, hatte bisher zwar noch keinen Auftritt in der Metelkova. Bald wird es aber soweit sein, davon ist Nina überzeugt. Unstimmigkeiten gibt es bei den Bandmitgliedern nur noch bei der Frage, welche Art von Musik sie eigentlich machen. Der Bassist Tibor spricht von Indie-Musik, während für Nina klar ist, dass sie eine Hardrock-Band sind. Einig sind sie sich aber zumindest über die Vorzüge der Metelkova am Freitagabend. Nina, Tibor und ihr Schlagzeuger genießen die Aussicht vom Turm und stoßen mit einem Dosenbier an, während sie lautstark über die großartige Zukunft ihrer Band spekulieren.

Ein paar andere junge Leute warten nicht auf ein Angebot für den großen Auftritt, sondern schreiten gleich zur Tat. Miha kommt jede Woche mehrmals mit seiner Gitarre in die Metelkova und singt gemeinsam mit seinen Freunden slowenische Rockmusik. Er fühlt sich hier schon wie zu Hause und beneidet die Künstler, die über den Nachtclubs wohnen. Miha blickt auf die bunt bemalten Skulpturen auf dem Gelände und die Graffitis an den Wänden der ehemaligen Kaserne, die vom regen künstlerischen und politischen Austausch in der Metelkova zeugen. „Der Ort hat eine ganz spezielle Aura. Jeder hier trägt dazu bei, dass sich die Metelkova ständig verändert. Das gefällt mir“, sagt Miha.

So stellt sich wohl auch nächsten Freitag für viele junge Bewohner Ljubljanas gar nicht erst die Frage, wo sie ihren Abend verbringen werden. Sie werden wie jeden Freitagabend an einem der buntesten Orte in ganz Slowenien sein – in der Metelkova, wo sich Punks, alternative Studenten und Künstler unter die Partytiger aus der Schwulenszene mischen.

Mitarbeit: Isabella Purkart

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