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18. April 2015

Deutsche Start-ups in Wien

„Es ist ein bisschen wie bei einer Schwangerschaftsberatung“, sagt Arnim Wahls und lacht. Mit seiner Idee, ein Start-up zu gründen, saß er vor zwei Jahren in einem Büro der Wirtschaftsagentur in Wien. Er wollte sich beraten lassen, weil er Zweifel hatte – und weder Geld noch Mitarbeiter. „Alle haben mir Mut gemacht.“ Am Ende war klar: Er hält an der Idee fest und bringt sein Start-up in Wien zur Welt. Heute ist es zwei Jahre alt und heißt firstbird.

Die Start-up-Szene Wiens wächst kontinuierlich. 2013 waren 638 der gegründeten Unternehmen Start-ups, fast drei Prozent mehr als noch 2010. Gleichzeitig verzeichnet die Stadt eine Rekordanzahl an ausländischen Unternehmen und Gründern, die sich hier ansiedeln. Dabei machen traditionell Deutsche den größten Teil aus. 

Arnim Wahls kommt ursprünglich aus Donaueschingen in Baden-Württemberg. Nach seinem BWL-Studium arbeitete er in der Personalabteilung einer großen Wirtschaftskanzlei in Wien, wo sich auch die Idee für firstbird entwickelte. Es ist eine Software für Firmen, bei der Mitarbeiter selbst neues Personal werben können und damit aktiv am Recruiting mitwirken. Bei der Gründung sprach nichts gegen den Standort Wien, rein formell läuft hier alles wie in deutschen Städten auch. „Ich war sowieso hier und wurde gut an die Hand genommen.“ Der 31-Jährige bekam nicht nur kostenlose Beratung der Wirtschaftsagentur der Stadt Wien, sondern auch eine österreichische Förderung in Höhe von 30.000 Euro für sein Start-up. „Das ist nicht viel Geld, aber die Community hier in Wien spielt auch eine große Rolle“, sagt er.

Einer der wichtigsten Treffpunkte der Wiener Start-up-Community ist Sektor5, ein Coworking Space mit über 60 Arbeitsplätzen. Yves Schulz aus Leipzig hat es vor fünf Jahren als Start-up in Wien gegründet. Inzwischen ist er selbst Ansprechpartner für neue Gründer und veranstaltet in seinen Büroräumen regelmäßig Treffen für die Community. „Österreichische und ausländische Start-ups können sich hier austauschen, aber auch langjährige Selbstständige treffen und Tipps bekommen“, sagt er. Auch firstbird hat hier im Gemeinschaftsbüro angefangen, sowie einige andere Start-ups deutscher Gründer, zum Beispiel mySugr und Feinkoch.

Im Vergleich zu anderen großen Städten siedeln sich in Wien allerdings noch verhältnismäßig wenige Start-ups an. „Machen wir uns nichts vor: Wer mit seinem Start-up ins Ausland will, der denkt zuerst ans Silicon Valley“, sagt Yves Schulz. Er kennt keine jungen Ausländer, die extra nach Wien kommen, um ihr Start-up zu gründen. Dass hier ein internationales Start-up Hub etabliert werden könnte, wie Mitarbeiter der Stadt Wien es sich wünschen, hält er für unwahrscheinlich. Aber er will seinen Teil dazu beitragen, dass noch mehr Leute den Mut aufbringen, hier ihr eigenes Start-up zu gründen. „Wir müssen direkt in Wien und Umgebung anfangen, diejenigen ansprechen, die sowieso schon hier sind.“ Zusammen mit einem Freund will Yves Schulz in Zukunft direkt an die Universitäten gehen und dort Absolventen ermutigen, eigene Start-ups zu gründen. „Wir wollen auch Sommercamps veranstalten, um den Gründergeist zu wecken.“

Die Stadt Wien hat ebenfalls einiges in den letzten Jahren angestoßen. So gibt es hier verschiedene Förderprogramme, sowie ein „Start-up Welcome Package“ von der Wirtschaftsagentur. Es wird an ausgewählte ausländische Start-ups vergeben und beinhaltet den Flug nach Wien, Unterkunft, Arbeitsplatz in einem Coworking Space und ein Expansionscoaching. Fünf solcher Pakete werden dieses Jahr vergeben, das ist zumindest ein Anfang.

An Start-up-Städte wie Berlin kommt Wien damit noch nicht heran. Dort ist die Szene um ein vielfaches größer. Allerdings würde firstbird-Gründer Arnim Wahls nicht tauschen wollen. Er war zwischenzeitlich über ein Förderprogramm von Microsoft fünf Monate lang in Berlin. „Dort ist alles viel unübersichtlicher. Hier in Wien kennt jeder jeden – das ist sehr praktisch am Anfang.“ Inzwischen hat firstbird ein neues Büro, wieder in Wien. Erste Kunden aus verschiedenen Ländern konnte das Start-up schon gewinnen, unter ihnen zum Beispiel auch Holidaycheck. Bald wird das Unternehmen zehn Mitarbeiter zählen. Die Gründung hat sich also gelohnt, sowohl für Arnim Wahls, als auch für die Stadt Wien.

Christine Memminger, Wien

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