Archiv
3. April 2015

„Andreas Lubitz – ein Kind seiner Zeit“ – der kroatische Schriftsteller Miljenko Jergovic über den Germanwings-Piloten

Die öffentliche Diskussion über den Absturz des Germanwings Flugzeuges und die möglichen Motive des Co-Piloten wird weltweit von Betroffenheit und Unverständnis bestimmt. Der kritische kroatische Schriftsteller Miljenko Jergovic sieht jedoch einen Zusammenhang zwischen der Art des vermutlichen Selbstmordes des Co-Piloten und des gesellschaftlichen Systems in dem er aufwuchs. Mit seinem Essay vertritt er seine Meinung provozierend und sicher polarisierend. Eine sehr persönliche Sicht, die zur Diskussion anregen soll.

„Andreas Lubitz – ein Kind seiner Zeit“

Ein Essay von Miljenko Jergovic (aus dem Kroatischen übersetzt von Anne-Kathrin Godec)

Andreas Lubitz, der Pilot des Flugzeugs, brachte sich um und nahm hundertfünfzig Menschen mit in den Tod. Zum Glück war er kein Moslem. Denn wäre er einer gewesen, hätten Untersuchungen längst ergeben, dass er einer moslemischen Terrororganisation angehörte. Oder im noch schlimmeren Fall, wenn sie nicht herausgefunden hätten, dass er Terrorist war, dann wären Analytiker, Politologen, Politiker und ganz gewöhnliche Bürger innerhalb Europas längst zu dem Schluss gekommen, dass ein solches Verhalten nicht nur Ausdruck islamistischer Terroristen sei, sondern dass eben in der muslimischen Identität etwas verankert sei, das Menschen generell dazu bringt, so etwas zu tun. Da Andreas Lubitz aber nun einmal Christ war, ein Protestant vielleicht oder ein Katholik, wird das erschütterte Publikum nun anders über seine Tat denken. Wäre Lubitz Moslem gewesen, hätte man zum Zeichen der Vergeltung wenigstens eine europäische Moschee angezündet, wonach sicher wenigstens ein jüdischer Laden zu Schaden gekommen wäre, oder es wären, trotz Polizeischutzes, Steine auf mindestens eine jüdische Synagoge in Europa geworfen worden. Jetzt aber interessiert sich die Öffentlichkeit für seine Krankenakte. Was er getan hat, erklärt man nun mit seiner Krankheit, wenn der Islam schon nicht der Grund ist.

Der Selbstmord ist, wie jedes andere Sterben, ein sehr intimes Unterfangen. Man sollte Selbstmördern mit Respekt begegnen. Aber Andreas Lubitz wollte auf maximal öffentliche Art und Weise sterben und auch noch Menschen mit in den Tod nehmen, nämlich die, die ihm ein, zwei Stunden lang ihre Leben anvertraut hatten. Man bringt sich viel leichter um, wenn um einen herum auch alle anderen sterben. Man stirbt leichter, wenn man weiß, dass niemand am Leben bleibt. Der Gedanke an den eigenen Tod ist furchtbar, aber schon der Gedanke an den Weltuntergang liegt außerhalb jeder Angst. Gerät der Mensch in schwierige Lebenslagen, dann ist der Gedanke geradezu verlockend. Und Lubitz hatte es aus irgendeinem Grund schwer.

Er wollte nicht mehr leben, die anderen hätten allerdings gerne noch weitergelebt. Abgesehen davon, dass er das Versprechen brach, sie lebend auf die Erde zurückzubringen, abgesehen davon,  dass er als Co-Pilot den Flugkapitän aus dem Cockpit sperrte und daraufhin eine Weile in einer Höhe von hundert Metern flog, so dass dann auch die anderen merkten, dass sie im nächsten Augenblick sterben würden, abgesehen davon also, dass er tat, was er auch getan hätte, wäre er Moslem gewesen, benahm er sich wie ein Teilhaber der moralischen und weltanschaulichen Werte einer liberalen, kapitalistischen Gesellschaft. Von menschlicher Solidarität und der menschlichen Verpflichtung, sich gegenseitig zu helfen und sich gegenseitig ein würdevolles Leben zu ermöglichen, schien er keine Ahnung zu haben, Lubitz fühlte sich nur sich selbst und seinen Bedürfnissen verpflichtet – und brachte sich um. Klingt es übertrieben, wenn ich sage, dass sich Banker ihren Kunden gegenüber genauso verhalten? Klingt es so? Dann ist es gut, denn wir wollten nur sagen, dass Andreas Lubitz ein typisches Kind seiner Zeit war. Wäre er in einer anderen Zeit und innerhalb eines anderen gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Systems aufgewachsen, er hätte diese Menschen nicht mit in den Tod genommen, so krank oder verrückt er auch gewesen sein mag. Er hätte das Flugzeug gelandet, sich mit Kerosin übergossen und noch auf der Landepiste angezündet. So schlimm wir das auch finden mögen, aber in einer Gesellschaft ohne menschliche Solidarität steht sein Handeln nicht außerhalb gegebener gesellschaftlicher Normen.

Ein paar Tage zuvor war der Hubschrauberpilot Omer Mehic beim Versuch, einen fünf Tage alten Jungen zu retten, ums Leben gekommen. Dabei starben auch die drei Besatzungsmitglieder, ein Arzt und der Anästhesist. Ein undurchsichtiger, undurchdringlicher Nebel hatte sich am Flughafen in Surcin breitgemacht, der Pilot hatte zweimal versucht, den Hubschrauber zu landen und stürzte beim dritten Versuch ab. Hintergrund war, davon geht man aus, jemandes unvernünftige Anweisung. Als Offizier der serbischen Armee, mit dem Dienstgrad eines Majors, hatte Mehic also nur einen Befehl ausgeführt. Wäre es nach ihm gegangen, er hätte den Helikopter woanders gelandet.

Im Unterschied zu Andreas Lubitz wurde Omer Mehic als Moslem geboren, und diese Identität hört man seinem Namen auch an. Er wurde 1965 in Doboj geboren, in Zadar zum Piloten ausgebildet und trat am 21.7.1990 in den aktiven Militärdienst ein, ein Jahr vor Beginn des Krieges und zwei vor jenem Frühling und Sommer, in dem Doboj von Moslems gesäubert werden sollte. Er war Mitglied der Armee, die die Säuberung begann und dann die Waffen derjenigen Armee übergab, die sie zu Ende brachte. Hat sich Omer Mehic an den Kampfoperationen dieses Krieges beteiligt? Das hat er vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Die Hauptsache ist, dass er kein Kriegsverbrechen begangen hat. Alles andere gehört zu seiner persönlichen Geschichte und zu den dazugehörenden Lebensumständen. Nach dem Krieg wurde er zu einem der besten Piloten der serbischen Armee und nahm an hunderten von Rettungsaktionen teil, in Überschwemmungszeiten und bei Schneegestöbern oder wenn das Leben von Kranken oder Verletzten am seidenen Faden hing.

In manchen bosnischen Zeitungen konnte man folgende Schlagzeile lesen: „Der Bosnier, der 1000 Menschen gerettet hat, ist gestorben“. Es wäre wirklich schön, wenn dies keine Schlagzeile der Sensationspresse wäre und wenn man in Bosnien – unter Moslems – tatsächlich so über Omer Mehic dächte. Immerhin hatte er jahrelang Gutes vollbracht. Aber ist das Gute auch dann gut, wenn es in Serbien vollbracht wird? Das sind schwierige, aber wichtige Fragen. Und man muss sie stellen.

Die Ursache für den Absturz des Germanwings Flugzeuges löste in der Öffentlichkeit weltweit Betroffenheit und Unverständnis aus. Foto: picture alliance | dpa
Die Ursache für den Absturz des Germanwings Flugzeuges löste in der Öffentlichkeit weltweit Betroffenheit und Unverständnis aus. Foto: picture alliance | dpa

Omers Witwe heißt Slavica. Sie haben zwei Söhne, David und Denis. Sie haben ihm Volleybälle ins Grab gelegt. Der Vater hatte den Söhnen die Liebe zum Volleyball mitgegeben. Slavica legte eine rote Rose auf den Sarg. Das steht in den Zeitungsberichten vom Begräbnis. Omer war atheistisch beerdigt worden, im Unterschied zu den drei anderen Kollegen, die ein orthodoxes Begräbnis bekamen. Ihr Gott wird sie dafür belohnen, der Himmel über Omer aber ist leer. Als sie ihn auf dem Friedhof in Novi Sad ins Grab hinabließen, wurde das serbische Kriegslied „Dort, weit weg“. („Tamo daleko“ war Nikola Teslas Lieblingslied, das ihm an jenem eisigen Wintertag bei seinem Begräbnis in New York der kroatische Violinist Zlatko Balokovic spielte…) Die Melodie hatte auf eine bestimmte Art den Lebensweg des Piloten definiert. Ob aus Liebe oder aus Überzeugung, Omer Mehic lebte und starb außerhalb der Paradigmen, in die er geboren worden war, außerhalb der Identität, die ihm vorgegeben war. War dieser Moslem, dieser Dobojer, dieser Bosnier als Verräter gestorben? Eine solche Frage wird sich nur ein nationalistischer Idiot stellen. Diese Frage werden sich zig, ja hunderte von Menschen stellen. Oder sie stellen sie eben nicht, weil die Antwort sich von selbst versteht.

Das Kind, das Omer Mehic rettete, hatte nicht einmal einen Namen. Der Junge war in Novi Pazar mit dem Nachnamen Ademovic geboren worden. Der kleine Ademovic war Moslem. Der „Verräter“ Omer Mehic, der Hubschrauberpilot, war bei dem Versuch gestorben, ein muslimisches Kind zu retten. Und  so schließt sich ein vollendeter Kreis. In diesem Kreis kann jeder finden, was er selbst schon in sich hat.

Andreas Lubitz war, so unglücklich und vielleicht krank er auch gewesen sein mag, ein Kind seiner Zeit. So schrecklich es auch ist, was er getan hat, seine Tat sticht aus den vorherrschenden Stimmlagen und Weltanschauungen des heutigen Europas nicht heraus. Niemand kann mehr über ihn richten, denn er ist ja nicht mehr da. Als er sich tötete, brachte er hundertfünfzig Menschen um. Die anderen waren Hundertneunundvierzig und er war der Hundertfünfzigste. Oder der Erste. Je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet. Es war kaum passiert, da musste die Polizei sein Haus schon abschirmen. Von überall her hätten wütende Rechtsvollzieher auftauchen können, die die Toten an dem rächen, den sie dafür verantwortlich machen. Und nochmal muss man es sagen: was für ein Glück, dass Lubitz kein Moslem war, denn wäre er einer gewesen, man hätte sich an Moscheen gerächt, an Islamschulen, an muslimischen Kindergärten… und diejenigen, die sich auf solche Art rächen, gehören derselben Gemeinschaft wie Lubitz an, mit dem einzigen Unterschied, dass sie bei sich keinen Hang zum Selbstmord entdeckt haben. Aber das Gefühl von menschlicher Solidarität ist ihnen fremd. Ihnen ist fremd, was Omer Mehic antrieb, als er den fünf Tage alten Jungen rettete. An Gott glaubte Mehic nicht, eine Heimat hatte er nicht mehr und mit dem Volk, von dem er abstammte, hatte er einige Rechnungen offen. Ist es möglich, dass nur noch solche Menschen solidarisch sein können?

Omer Mehic stand jenseits der Welt. Was ihn dorthin gebracht hat, wissen wir nicht. Wahrscheinlich Liebe. Er war kein typischer Vertreter seiner Gesellschaft und auch kein Kind seiner Zeit. Manche sprechen mit Herablassung über die, die in ihren Lebensentscheidungen wegen einer Frau diese oder jene Uniform gewählt haben, diese oder jene nationale Zugehörigkeit, diese oder jene Welt… Seine Frau wird wohl Serbin gewesen sein, sonst hätte man ihn nicht mit diesem Lied beerdigt, nicht auf diesem Friedhof und nicht in diesem Land. Und selbst wenn es so ist, Euer Gott steht doch für Liebe, oder nicht? Wenn Euer Gott Liebe ist, hat Omer Mehic bei der Wahl seiner Lebensentscheidungen nicht die allergottesfürchtigsten Entscheidungen getroffen?

Auch wenn die beiden Piloten heute nur die Tatsache verbindet, dass sie einer nach dem anderen mit ihrem jeweiligen Fluggerät vom Himmel fielen, kommt es einem doch so vor, als verträten sie die beiden gegensätzlichen Prinzipien, die ein Mensch zur Auswahl haben kann. Wenn er das eine tut, gehört er zur Masse. Tut er das andere, bleibt er für immer allein.

Der Schriftsteller Miljenko Jergovic. Foto: Ivan Posavec
Der Schriftsteller Miljenko Jergovic. Foto: Ivan Posavec

Der Schriftsteller Miljenko Jergovic wurde 1966 in Sarajevo geborene und lebt heute in Kroatien. Seit den 80er Jahren veröffentlicht er literarische und journalistische Texte. Sein erstes Buch, der Gedichtband Opservatorija Varsava (1988) wurde mit dem „Goran“ ausgezeichnet und mit dem Mak Dizdar Preis. Es folgten zahlreiche Preise und Auszeichnungen, sowohl in Kroatien und Bosnien, wie auch in Italien, Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern. Seine Bücher haben von der deutschen Literaturkritik begeisterte Rezensionen erhalten.

Kommentare (6)

Hannah am

Der Autor scheint zu verdrängen das es leider nichts ungewöhnliches mehr ist das ‚Moslems‘ religiös motivierte (Selbstmord-) Anschläge mit unschuldigen Toten begehen … Wäre Lubitz Moslem gewesen – natürlich wäre die Assoziation erstmal eine andere gewesen. Lächerlich allerdings die Übertreibungen – brennende muslimische Kindergärten?? Schlechter Artikel, sehr schlecht.

Ergo Laktans am

Typisches „Balkan-Dichter-Geschwafel“, schwerfällig und sinnleer formuliert und zäh in der „kritisch angedachten“ Aussage („…ach wo ist sie denn…? Sie dräuet gaaanz intelläktuell…“).
Solche Leute sollten, wenn sie schon nicht schreiben können, besser Körbe flechten oder die Nachbarn belästigen. Dann werden wir nicht weiter belästigt.
(Der Kommentar wurde auf Grund der Kommentarrichtlinien redaktionell gekürzt)

Angela Seidel am

Was der Verfasser wohl damit bezweckt?! Ich ahne es… und mache mir selbst meine Gedanken.
Was waere, wenn….

de Martino am

Deutcher, Empathie weis nicht was beteutet…

Evelin am

Miijenko hat es auf den Punkt gebracht. Ein Kommentar, der einen wachrüttelt. Wir müssen aus unserer „gleichgeschalteten“ Denke raus. Wir brauchen mehr Empathie und weniger selbsternannte Richter.

Und an alle Juttas dieser Welt: Wenn ihr Klatsch sucht, dann verblödet weiterhin mit der Boulevardpresse.

jutta am

ich dachte hier steht was über kathrin G. nämlich andreas lubitz freundin weil ich unter dem suchbegriff gesucht habe bei google. stattdessen so ein blöder artikel. in zukunft nie wieder auf diesen blog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.