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23. März 2015

Raus aus der Alpen-Nische – Filmland Österreich

Anlässlich der Diagonale, des Festivals des österreichischen Films, trifft sich die gesamte Branche in Graz. Foto: BR | Christine Dériaz
Anlässlich der Diagonale, des Festivals des österreichischen Films, trifft sich die gesamte Branche in Graz. Foto: BR | Christine Dériaz

Das kleine, beschauliche Graz, Landeshauptstadt der Steiermark, wird jedes Frühjahr für eine knappe Woche zu Österreichs Filmhauptstadt. Anlässlich der Diagonale, des Festivals des österreichischen Films, trifft sich dort die gesamte Branche; es gilt zu zeigen, zu sehen und gesehen zu werden. Noch vor einigen Jahren waren österreichische Filme international eher unbekannt, aber nach und nach ändert sich das, der Oscar Gewinn von „Die Fälscher“ (2008) hat da sicher auch einiges bewegt.

Bunt, thematisch vielfältig und variantenreich in der Ausdrucksform, es sollte also für jeden Geschmack etwas zu finden sein. Unsere ARD-Studio-Cutterin Christine Dériaz hat dort mehr als 21 Stunden in Kinosälen verbracht. Hier Ihre ganz subjektiven Perlen der diesjährigen Auswahl:

To be is to be connected, so der Leitsatz aus „Dreams Rewired“ von Manu Luksch und Martin Reinhart, eine märchenhafte Geschichtsstunde von den Anfängen der Industrialisierung bis zu den Anfängen der Technologien, die für unser Leben heute so unverzichtbar erscheinen. Der Traum vom Vernetzen, vom Kommunizieren mit Menschen in der Ferne, ist alt. Der Film ist eine experimentelle Collage aus historischem Material, Klangkompositionen und abstrakten Animationen, verbunden durch einen informativen und skurrilen Text, gesprochen von der wunderbaren Tilda Swinton. Und obwohl die Bilder, die Geschichte in der nahen Vergangenheit endet, ist unsere heutige Vernetzungssucht und Zukunft implizit immer im Vordergrund.

Relikte aus der Vergangenheit, das Schöne im Verfallenen, die Veränderung der geopolitischen Lage, all das verwebt sich in „minor border“ von Lisbeth Kovacic zu einem filmischen Essay. Während eine ehemalige und verfallene Grenzstation zwischen Ungarn und Österreich langsam abgetragen wird, hört man Interviews von Flüchtlingen, von ihren Problemen, von den Gefahren und Bedrängnissen, denen sie, besonders in Ungarn, ausgesetzt sind. Eine Vertonung, in der Musik und Umgebungsgeräusche ineinander fließen vervollständigt das Bild; ein perfekter Kurzdokumentarfilm.

Regisseur Constantin Wulff portraitiert in „Ulrich Seidl – A director at work“ den Regisseur Ulrich Seidl. Mit präzisem Blick auf dessen Arbeitsweise, während der Dreharbeiten von „Im Keller“, seziert er Seidls Vorgehen, setzt Drehbeobachtung mit Ausschnitten aus dem Film in Beziehung, verschachtelt das wieder mit Interviews und Theaterregie, und lässt Seidl so zu einer Seidl Figur werden. Spannend und schonungslos, trotzdem immer respektvoll, wenn einer demaskiert, dann ist das Seidl selbst, ganz so wie die Menschen in seinen Filmen.

Dass Wulff auch eine ganz andere Handschrift hat, kann man in „wie die anderen“ sehen. Über anderthalb Jahre hat er eine Jugendpsychiatrie in Tulln besucht, lang genug um dort nicht mehr aufzufallen, und so bekommt man Einblicke in den Alltag, die Bedürfnisse und Nöte in dieser Klinik, ist dabei wenn Ärzte Lagebesprechung haben, oder auch bei Gesprächen zwischen Psychiatern und kranken Jugendlichen und Kindern. Das geht ziemlich nah, die Störungen und Probleme der Betroffenen sind vielschichtig und dramatisch, über die Zeit enthüllen sich, auch ohne Kommentar, die Umstände, die zu den Krankheiten geführt haben. Schön wäre in dem Kontext das falsche Wort, aber ein sehr sensibler, sehr wichtiger und auch sehr anstrengender Film.

Sieben Jahre nach dessen Tod geht die Regisseurin Nathalie Borgers mit „Fang den Haider“ nach Kärnten auf Spurensuche. Was ist geblieben vom Phänomen Jörg Haider?Wenn man in Österreich lebt wird es einen nicht weiter wundern, dass der Geist des rechtspopulistischen Politikers noch sehr lebendig ist und die Verehrung sehr offen und sehr selbstbewusst zur Schau gestellt wird. Borgers schafft einen persönlichen Film, es ist stets ihre Suche, ihre Verwunderung, und ihre Erschöpfung, trotzdem lässt sie dem Zuschauer die Freiheit zu sehen was er sehen möchte. Mit fast wissenschaftlicher Akribie zeigt sie Haiders Lebensweg, Orte seines Wirkens, Filmausschnitte, führt Interviews mit Weggefährten, Nachbarn, Haiders Mutter und Schwester. Und sie zeigt nicht zustande gekommene Interviews. Mit Stefan Petzner zum Beispiel, der betont, dass er nur in einem positiven, aber auf keinem Fall in einem linken – was auch immer das sein soll – Film sprechen will. Über so viel Heimeligkeit, Heimattümelei und Heldenverehrung kann man nur den Kopf schütteln. Die Suche nach Haiders „Phantom“ zeigt aber auch, dass es sich hier nicht um ein singuläres, kärntnerisches Problem handelt. Der gleiche Geist der Verehrung umgibt auch alle anderen Rechtspopulisten in Europa.

Selbstverständlich gibt es nicht nur Dokumentarfilme in Österreich, auch wenn das eindeutig eine große Stärke hiesigen Filmschaffens ist. Immer ein Empfehlung: Filme von Peter Kern, der sich selber gerne als im eigenen Land Missverstandener gibt. Das „Enfant terrible“ ist der Fassbinder Schauspieler sicher. Alleine seine Publikumsbeschimpfungen anlässlich der Filmpremieren sind legendär, wiederholen sich allerdings auch irgendwie. Sein neuer Film „Der letzte Sommer der Reichen“ ist ein schräger, mysteriöser Thriller. Obsessiv. Blut, Sex und Gewalt inklusive, das ganze Spektrum Kernscher Filmwelten. Immer aber sind diese Welten geprägt von einer enormen Zartheit, die im Kontrast zur oft kruden Geschichte zu stehen scheint. Das ist auch diesmal nicht anders: Gier, Verrat und Korruption, lesbische Liebe, Kritik an der Jagd nach dem goldenen Kalb – und spannend bis zum Schluss.

Ein noch düstereres Bild zeichnet Thomas Woschitz mit „Bad Luck“, einer nichtlinear erzählten tragisch-komischen Ballade. Drei Tage in einem Nest im Nirgendwo, die Menschen dort sind irgendwie alle Verlierer. Sie haben sich eingefunden in das Motto, das den Film durchzieht: “das Leben ist nicht fair“. Und so kreuzen sich ihre Schicksale – auch ganz wörtlich in einer einsamen Tankstelle und auf abgelegenen Straßen – so lange bis das Motto zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird. Und fast, keiner mehr aus dem Knäuel raus kann. Düstere Farben, düstere Musik und wabernde Geräusche. Schatten und Furchen in Gesichtern erzeugen eine Intensität, die man sonst von alten, schwarz-weißen Portraitaufnahmen kennt.

Zum Schluss dann doch noch ein Dokumentarfilm. Einfach weil der Gegensatz von Form und Inhalt wirklich spannend und gelungen ist. „Homme Less“ von Thomas Wirthenson spielt mit der Bildästhetik von Modeclips; New York, da wo es schön, reich und glitzernd ist, ist das Zuhause des Protagonisten. Ex-Model, Modephotograph, Filmstatist, ein gut angezogener, rasierter, gut aussehender Mann Anfang 50. Er passt perfekt in die Filmbilder, die man sieht. Strahlend und schön und temporeich. Doch alles ist ganz anders. Anderthalb Jahre begleitet der Regisseur den Mann, der sich selbst als kompletten Verlierer sieht, denn seit mehreren Jahren lebt er auf der Straße, schläft, versteckt auf dem Dach eines Hauses in Manhattan. Das Einzige, das geblieben ist, ist der Stolz weder zu betteln noch sich gehen zu lassen, und so strahlt er auch wenn es eigentlich schon lange nichts mehr zu strahlen gibt.

Der österreichische Film kann also Vieles sein, seine Regisseure und Regisseurinnen sind Österreicher mit, manchmal, „exotischen“ Namen, die hier oder irgendwo auf der Welt zu Hause sind, oder sie sind Belgier, Bulgaren, Deutsche und Schweizer,…., die alle in Österreich leben und arbeiten, und genauso bunt wie diese Filmmenschen sind auch ihre Filme.

Es lohnt sich im Kino nach österreichischen Filmen Ausschau zu halten. Oder man fährt nächstes Jahr im März nach Graz, und schaut sich das Treiben aus der Nähe an. Foto: BR | Christine Dériaz
Es lohnt sich im Kino nach österreichischen Filmen Ausschau zu halten. Oder man fährt nächstes Jahr im März nach Graz, und schaut sich das Treiben aus der Nähe an. Foto: BR | Christine Dériaz

Es gibt ihn: Den österreichischen Film außerhalb des Alpen-Klischees! Es lohnt sich danach jetzt im Kino Ausschau zu halten. Oder man fährt nächstes Jahr im März nach Graz, und schaut sich das Treiben aus der Nähe an.

http://www.diagonale.at/

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