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21. März 2015

Serbien: Geisterdörfer im Balkangebirge

Im letzten Jahrzehnt ist in Serbien der größte Bevölkerungsrückgang  ganz Europas zu verzeichnen; über 400.000 Einwohner zählt das Land heute weniger als Anfang des Jahrtausends. Serbien sieht sich zum ersten Mal seit es statistische Erhebungen gibt mit einem negativen Trend konfrontiert, der selbst nach dem jugoslawischen Zerfallskrieg zu Beginn der 90er Jahre nicht zu verzeichnen war. Viele sehen die Gründe für diesen Geburtenrückgang in der gesellschaftlichen Depression, ausgelöst durch  die jahrelange Wirtschaftskrise und politische Instabilität des Landes. Das Resultat ist verheerend, vor allem in den Gebieten Serbiens, die schon seit langem von der Landflucht gekennzeichnet sind.
Wir machen uns auf den Weg in die Ausläufer des Balkangebirges im Südosten Serbiens, „Stara Planina“ (altes Gebirge) genannt. Hier soll diese „statistische abstrakte Zahl“ sichtbar sein: verlassene Landstriche und Hunderte menschenleere Dörfer.

Nach einstündigem Marsch durchs Schneegestöber entdecken wir die ersten Häuser. Von weitem sieht Basara wie ein ganz normales Dorf aus. Foto: BR | Zoran Ikonic
Nach einstündigem Marsch durchs Schneegestöber entdecken wir die ersten Häuser. Von weitem sieht Basara wie ein ganz normales Dorf aus. Foto: BR | Zoran Ikonic

Dichtes Schneegestöber lässt die Gegend noch unwirtlicher und einsamer erscheinen, als wir die Hauptstraße verlassen.  „Wenn ihr Geisterdörfer sehen wollt, fahrt von der Nebenstraße rechts nach Basara“, hat man uns – mit bedeutungsschwangerem Lächeln – im Provinzstädtchen Pirot geraten. Die Abzweigung haben wir gefunden, aber hohen Schneeverwehungen versperren uns den Weg. Wir müssen unser Auto stehen lassen und uns zu Fuß nach Basara durchschlagen. Auf dem Straßenschild steht: 1,5 Kilometer, das sollte trotz Schnee zu schaffen sein, denken wir.  Erst nach einer Stunde entdecken wir die ersten Häuser. Die Kilometerangaben wurden bei der Aufstellung der Straßenschilder  nicht gemessen, sondern wurden von lokalen Bauern  aus dem Bauch heraus angegeben, erfahren wir später – „Bauernkilometer“ nennt man sie hier.

Basara muss mal ein großes und lebendiges Dorf gewesen sein mit einer kleinen Kirche, Schule und vielen Höfen – jetzt ist alles zerfallen, verwahrlost – totenstill.

Am Rande des Dorfes sehen wir aus einem Lehm-Häuschen Rauch aufsteigen.

Als wir anklopfen, öffnet uns ein altes Ehepaar. Überrascht sind sie nicht, schließlich hätte wir Lärm gemacht, wie eine wild gewordene Schafsherde, empfangen sie uns herzlich. Jagodinka und Vladimir Pesic sind beide 85 Jahre alt und freuen sich uns zu sehen. „Das letzte Mal haben wir vor zwei Wochen einen Menschen gesehen, als uns unser Enkel Mita Medikament und Nahrung gebracht hatte“, erzählt Vladimir. Im Winter sind die Beiden von der Außenwelt abgeschnitten und könnten ohne Hilfe nicht überleben.  In der Stadt leben wollen sie nicht. Sie hatten es mal versucht, aber es hat nicht geklappt. Seit dem Ende der 80er Jahre sind sie die einzigen Bewohner des Dorfes. „Das war nicht immer so“, erinnert sich Jagodinka, „über 300 Menschen haben hier in der Gegend gelebt und von der Schafszucht gelebt.“ Die autochthone Gattung „Pirotska Pramenka“ war für ihre besondere Wolle weit über die Landesgrenzen bekannt – heute sind sie fast ausgestorben. „Tito war es, der die Menschen aus dem Dorf geholt hatte. Er wollte Jugoslawien industrialisieren. Über Nacht wurde es eine Schande, Bauer oder Schafshirte zu sein. Die verlassenen Dörfer sind das Resultat dieser Politik“, erinnerte sich Vladimir, selbst heute noch voller Trauer und Verärgerung.

Wir sollen uns noch das Nachbardorf anschauen raten uns die Beiden beim Abschied, es sei nur einen Kilometer entfernt. Aber wir winken ab, die hiesigen „Bauernkilometer“ sind uns einfach zu lang.

Mitarbeit: Zoran Ikonic

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