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8. März 2015

„Internationaler Frauentag“ – zwischen Feiertag und Kampftag!

Die Sozialistin Clara Zetkin hat vor 104 Jahren den Frauentag begründet und war davon überzeugt, dass mit dem Sozialismus auch die Gleichberechtigung erfolgt. Den Sozialismus gab es, die Gleichberechtigung nicht. - Foto: picture alliance | dpa
Die Sozialistin Clara Zetkin hat vor 104 Jahren den Frauentag begründet und war davon überzeugt, dass mit dem Sozialismus auch die Gleichberechtigung erfolgt. Den Sozialismus gab es, die Gleichberechtigung nicht. – Foto: picture alliance | dpa

Mit einer Frau fing alles an! Vor 104 Jahren begründete Clara Zetkin mit anderen mutigen Frauenrechtlerinnen den „Internationalen Frauentag“, als Frauenkampftag und Aktionstag für Wahlrecht und Gleichberechtigung.

Das Frauenwahlrecht wurde in Europa durchgesetzt und die Gleichberechtigung auch – zumindest im einst sozialistischen und kommunistischen Teil Europas. In diesen Ländern galt mit der Emanzipation und Herrschaft der Arbeiterklasse automatisch auch die Gleichberechtigung der Frau erreicht. Anders als im „Westen“, wo der 8. März für viele Frauen ein Kampftag um Gleichberechtigung und Emanzipation blieb, war im Sozialismus der Kampf vorbei und es galt nur noch das vermeintlich Erreichte zu feiern, wie sich unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den einst sozialistischen Ländern erinnern.

Neben den obligatorischen Reden in den Staatsbetrieben bekamen die Frauen am 8. März immer Blumen geschenkt – auf Betriebs- bzw. Staatskosten und privat von ihrem direkten Vorgesetzen (in der Regel Männer!).

Die Nelke war die Rose des Kommunismus und neben den Schneeglöckchen das Blumengeschenk per se für die Frauen in der „allseitig entwickelten Sozialistischen Gesellschaft” oder der „Goldenen Epoche Nicolae Ceausescus” in Rumänien, erinnert sich Herbert Gruenwald. Bei Betriebs- und Schulfeiern zu „Ehren des Internationalen Frauentags”  überreichte Mann den „Genossinnen” Nelkengestecke in Körben, oft relativ abenteuerliche Konstruktionen mit Bändern und Maschen. Gegebenenfalls wurden auch Gedichte rezitiert und die Genossin Lehrerin, die Genossin Abteilungsleiterin oder auch die Genossin Chefingenieurin freuten sich.

Doch die Sache mit den Blumen lief in der sozialistischen Planwirtschaft nicht immer wie geplant.

In Bulgarien waren Männer wie Minko Welkow heiß begehrt, erinnert sich Ekatarina Popova. Minko kommt aus Welingrad – einer Kleinstadt in Südbulgarien, wo in sozialistischen Zeiten das größte Treibhaus für Nelken in Bulgarien stand. Wie fast alles waren solche Blumen damals in Bulgarien Mangelware.

Anfang der 80er Jahre arbeitete Minko als junger Experte im Ministerium für Versorgung und staatliche Reserven in Sofia. Aber selbst dieses Ministerium hatte Probleme mit der eigenen Versorgung und so wurde Minko jedes Jahr als „Versorgungsexperte“ zum 8. März angehalten, die guten Beziehungen seiner Eltern in Welingrad zum Treibhaus auszunutzen, um das Unmögliche möglich zu machen. So wurden Jahr für Jahr zumindest die 50 Genossinnen aus dem  Versorgungsministerium gut versorgt.

Solche Beschaffungsmanöver waren in Albanien undenkbar. Für Astrit Ibro war das eine traurige Zeit.

Bei uns gab es keine Blumen und keine Blumengeschäfte. Deshalb mussten wir selbst auf einer Wiese in der Nähe der Schule pflücken, was gerade wuchs. Ich habe für meine Lehrerin immer einen kleinen Strauß mit Veilchen vorbereitet.

In einem Land,  wo das kommunistische Regime mit eiserner Hand regierte, wurde alles von der Partei organisiert.  Bei uns gab es keine Tanzparty aus diesem Anlass. Höchstens eine Konferenz, auf der über die Erfolge der Partei und den Beitrag der Frau als „eine große Kraft“ gesprochen wurde. 

In den sozialistischen Ländern war der „Internationale Frauentag“ gleichzeitig auch zum „Muttertag“ erkoren worden. Offen ist dabei, ob hier die Vorstellung ausschlaggebend war, dass die Frau in ihrer Ganzheit als gleichberechtigter Mensch und Mutter verstanden wurde oder Mann die Vorstellung hatte, dass nach der erfolgten Gleichberechtigung, sich die Frau wieder an ihre eigentliche Bestimmung als Mutter erinnern sollte.

In jedem Fall führte die staatlich verordnete Mutterliebe zu traumatisch-verhassten Schulerlebnissen von Budapest bis Sofia. Attila Poth bastelte in Ungarn kleine Untersetzer mit Blumenmotiven, Herbert Gruenwald kitschige Nadelkissen in Rumänien während Dejan Stefanovic sich in Jugoslawien Aufsätze „für die Mutter“ aus den Fingern saugen musste, weil er noch zu klein war, um über die Emanzipation der Frau in der sozialistischen Gesellschaft zu schreiben.

Für Sasko Golov ist dies bis heute ein trauriger Tag geblieben.

Wie überall, in Mazedonien haben auch wir Mutterlieder zum 8. März singen müssen. Ich hasste den Tag und habe nur stumm meinen Mund geöffnet und nicht gesungen. Ich bin bei meinem Vater aufgewachsen – meine Eltern waren geschieden. Noch immer bin ich am 8. März am liebsten irgendwo „auf Dienstreise“.

Obwohl kein offizieller Feiertag, wurde in den Betrieben oft schon ab Mittag gefeiert, abends fanden Tanzveranstaltungen oder Essen statt und für Frauen wurden Ausflüge organisiert.

Eldina Jasarevic freute sich über die Vorzüge dieses Tages.

Als Gymnasiastin war der 8. März in Jugoslawien für mich eine Art „Schontag“, denn in der Schule hatten wir keine Prüfungen! An diesem Tag haben wir jungen Frauen uns immer besonders schick gemacht, was manchmal  zur Folge hatte, dass wir bitter frieren mussten, schließlich war es in Sarajevo oft noch winterlich kalt! Der Betrieb in dem meine Mutter arbeitete hat oft um den 8. März herum für die Frauen eine Fahrt nach Triest organisiert (Busse voller kaufwütiger Frauen!), und von dort hat sie dann „amerikanische“ Jeans und sich italienische Ledertaschen mitgebracht!

Die Zeiten des Sozialismus sind vorbei, aber der 8. März ist „Frauentag“ geblieben. Allerdings ist in diesen Ländern von Kampf der Frauen um Emanzipation und Gleichberechtigung kaum etwas zu spüren. Der Einzug von Kapitalismus und Konsumwirtschaft hat sie offenbar weniger an Clara Zetkins Worte erinnert, wie nicht nur Herbert Gruenwald in Rumänien feststellt.

Der einstmals als sozialistische Pflichtübung empfundene rumänische Frauentag hat sich zur „Lady’s Night” gemausert. In Bukarest, Constanța, Temeschwar und Klausenburg werden „She Parties” und 8. März-Sondermenüs angeboten – dazu als Augenschmaus Waschbrettbäuche und knackige Hintern von Taboo-, Flamingo-, Mystery- , Sugar- oder anderen Nackedei-Boys. - Bildcollage: BR | Herbert Gruenwald
Der einstmals als sozialistische Pflichtübung empfundene rumänische Frauentag hat sich zur „Lady’s Night” gemausert. In Bukarest, Constanța, Temeschwar und Klausenburg werden „She Parties” und 8. März-Sondermenüs angeboten – dazu als Augenschmaus Waschbrettbäuche und knackige Hintern von Taboo-, Flamingo-, Mystery- , Sugar- oder anderen Nackedei-Boys. – Bildcollage: BR | Herbert Gruenwald

Nach der Wende entdeckte die rumänische Frau den Stripper nicht nur als schmückendes Beiwerk, sondern auch als belebendes Element der Feiern zum Frauentag, die nun englisch globalisiert  in „Lady’s Night”, „Lady’s Karaoke-Party”, „Ladies On Top” umgetauft wurden. Spezialmenüs bieten delikate Gaumenfreuden  wie „Möhrenspitzen auf Broccoli” an, dazu deftigen Augenschmaus von den Taboo-, Mystery- oder Sugar-Boys. Die miefigen Feiern des Spießerkommunismus unter Ceausescu sind in den Großstädten einem, nicht unbedingt stilvollen, Hedonismus gewichen. Sonderspeisekarten und Nackttänzer prägen heute das Bild des 8. März im Angebot der Restaurants und Clubs zum Frauenwochenende.

Offensichtlich hat sich Clara Zetkins Vorstellung, dass „nur in der sozialistischen Gesellschaft die Frauen wie die Arbeiter in den Vollbesitz ihrer Rechte gelangen werden“ nicht bewahrheitet.

Mitarbeit: Gordan Godec, Sasko Golov, Herbert Gruenwald, Astrit Ibro, Eldina Jasarevic, Ekatarina Popova, Attila Poth, Dejan Stefanovic

 

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