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5. März 2015

Rumänien: Mittelalterlichen Kirchenburgen vom Verfall bedroht


An die 150 Kirchenburgen gibt es noch in Transsilvanien. Die deutschsprachigen Siebenbürger Sachsen haben sie im 12. Jahrhundert gebaut. Eine der schönsten Kirchenburgen ist die von Viscri, oder Deutsch-Weißkirch. Historiker gehen heute davon aus, dass die ersten Deutschen eigentlich auf einem Kreuzzug ins Heilige Land waren und auf dem Weg dorthin vom ungarischen König abgeworben und in Transsilvanien angesiedelt wurden. Bei einem Angriff war die Kirchenburg der letzter Rückzugsort für die Dorfgemeinschaft. Der Kirchturm wurde zum Ausguck umfunktioniert und mit einem Wachposten besetzt, rund um die Kirche mehrere Reihen von Türmen und bis zu 8 Meter hohe Wehrmauern errichtet. Doch die mittelalterlichen Kirchenburgen in Siebenbürgen sind jetzt vom Verfall bedroht, denn längst wohnen andere in den Dörfern.

Caroline Fernolend ist eine der letzten Siebernbürger Sächsinnen in Viscri. Sie versucht zu bewahren, was noch übrig ist an Deutschen Traditionen. Bis ins 20. Jahrhundert sprachen fast alle Deutsch hier, erzählt sie. Doch nach dem Ende der Ceausescu-Diktatur verließen die meisten Siebenbürger Sachsen ihre Heimat – Richtung Deutschland. Nach Jahrzenten der kommunistischen Herrschaft sahen sie keine Zukunft mehr in Rumänien, überließen ihre Dörfer und Burgen dem Zahn der Zeit. „In ein paar Monaten ist die ganze Dorfgemeinschaft, die sächsische weggegangen, und wir hatten Angst, dass dies alles kaputt geht.“ erzählt Caroline Fernolend.

Nur eine Handvoll der knapp 400 Einwohner von Deutsch-Weißkirch verstehen noch Deutsch. Die meisten Bewohner sind jetzt Roma – sprechen rumänisch. Sie leben -neben der Landwirtschaft – von der Renovierung der Burg, so Caroline Fernolend: „Dadurch, dass die Roma einen Lohn haben, wir habe sie nicht angestellt, sondern geholfen eine Ich-AG zu gründen, also dass sie Verantwortung übernehmen. So erhalten wird zum einen das Kulturerbe, zweitens haben sie ein Einkommen und sie sind stolz, dass sie da arbeiten dürfen, und was mein größtes Ziel ist, dass sie die Verantwortung übernehmen. Und in 50 Jahren werden nur noch Roma hier sein, aber ich bin mir sicher, sie werden die Kirchenburg erhalten, weil sie auch davon leben können.“

Mit viel Ausdauer und Überzeugungsarbeit hat Caroline Fernolend diese Idee umgesetzt. Inzwischen sind die Kirchenburg und das Dorf UNESCO- Weltkulturerbe – gemeinsam mit sechs anderen Orten in Siebenbürgen. Die Kirche von Viscri wurde innen zwar mehrfach renoviert, dennoch fühlt man sich in die Zeit des Mittelalters zurückversetzt. Die Kirchenburgen waren damals überlebensnotwendig: Ab dem 15. Jahrhundert drangen immer öfter wilde Horden der Osmanen bis nach Siebenbürgen vor  und plünderten die Dörfer.

Was auf Besucher romantisch wirkt, bedeutet für viele Bewohner wohl nichts anderes als Rückständigkeit. Hier gibt es weit und breit keinen Supermarkt, kein Kino, kein Restaurant. Rumänien gehört noch immer zu den ärmsten Ländern in der Europäischen Union. Jedes Jahr verlassen mehrere Zehntausend -vor allem junge Rumänen- ihr Land in Richtung Westen.

Er ist geblieben: Gheorghita. Erst seit drei Jahren ist der Rom ein Kalkbrenner. Moderne Baustoffe vertragen sich nicht mit den historischen Gemäuern, erklärt mir Caroline Fernolend. Industriebeton platzt nach wenigen Jahren ab und hinterlässt noch größere Löcher. Was also tun?

Man brauchte die althergebrachten Materialien. Doch der letzte Kalkbrenner hatte die Region schon in den 90er Jahren verlassen, sein Wissen war verloren. Drei Experten aus Großbritannien kamen mehrere Monate nach Siebenbürgen und brachten Gheorghita bei, wie man gelöschten Kalk und traditionelle Ziegel herstellt. Aus dem Tagelöhner wurde ein sesshafter Handwerker.

Mehr dazu auch in der TV-Sendung: Reportage im Ersten „Transsilvanien im Schnee – Reise in das kalte Herz Rumäniens“ am Samstag 7.3.2015 ab 16:30 Uhr bis 17:00 Uhr im der ARD.

http://youtu.be/h8BV-7A2rJA?hd=1

Kommentare (3)

Ingrid Kollmer am

Caroline Fernolend war für mich das High Light deiner Transsilvanien Geschichte…toll,was sie da wieder erschafft! Da waren lauter schöne Themen,und Bilder,die viel mehr Sendezeit verdient hätten.Schade…auch den wunderschönen Nebelschwaden,von Alex so gut eingefangen,hätte ich gerne länger zugesehen 🙂 Lg Ingrid aus TransDanubien

Matthias Wetzel am

Lieber Till!
Wir haben gerade Deine Reportage über „Transsilvanien im Winter“ gesehen. Für einen Hobbyfilmer wäre es ganz ok gewesen, aber wir haben recherchiert, dass Du ja sogar als ARD-Korri arbeitest. Das macht uns sehr betroffen. Wieso kommen außer Frau Fernolend keine anderen Einheimischen so richtig zu Wort? Wieso sehen wir öfter Dich, wie Du mit dem SUV durch die Gegend fährst oder auf einem Roß die Gegend erkundest, als die Leute um die es doch eigentlich gehen sollte? Wir kennen Transsilvanien sehr gut und sind ziemlich sicher, dass ein Reporter wie Du bestimmt keine interessanten Geschichten entdecken wird abgesehen davon, dass auch die Infos in dieser Reportage recht dünn oder falsch waren. Wir empfinden den Film als absolut oberflächlich. Er ist mit Abstand der schlechteste Bericht, den wir je gesehen haben. Um es ehrlich zu sagen: ein wenig dümmlich.

Jacqueline Hene am

Hallo Till!
Ich muss mich leider den Ausführungen meines Vorgängers anschließen. Auch ich kenne Siebenbürgen sehr gut, habe dort mehrere Jahre gelebt und kenne auch die Orte aus deiner Reportage. Ich hab den Eindruck, dass du den Geist in Siebenbürgens null erfasst hast. Was haben Adlige auf Pferden (und du dazu) oder ihre Anwesen, die mit sie mit EU-Geldern sanieren lassen (eigene skandalöse Geschichte) in einem Film über Siebenbürgen zu suchen? Mich macht das wütend, weil es unendlich viele lebendige, echte Ansprechpartner vor Ort gibt, die du nicht gefunden hast oder die dich vielleicht gar nicht interessieren? Oder standest Du unter extremem Zeitdruck? So ist leider nur ein Film herausgekommen, dem die Seele fehlt. Schade!
viele Grüße

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