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2. März 2015

Serbien: Kikinda – die Welthauptstadt der Eulen

Kikinda ist eine ruhige und beschauliche Kleinstadt im Norden Serbiens, doch in den Wintermonaten tobt in der Innenstadt das Nachtleben. Hunderte Waldohreulen flattern auf ihren gemeinsamen nächtlichen Raubzügen durch die Gassen der Stadt und die umliegenden Felder.

https://soundcloud.com/ard_studio_wien/serbien-kikinda-welthauptstadt-der-eulen-beitrag-karla-engelhard

Es handelt sich um ein einzigartiges Phänomen, denn wie alle Raubvögel sind auch die Waldohreulen Einzelgänger. Doch über den Winter sammeln sie sich zu kleinen Gruppen, um die raue Jahreszeit besser überleben zu können. So viele wie in Kikinda kommen nirgendwo sonst auf der Welt zusammen. In den letzten Jahren sind es immer mehr geworden und 2010 wurden mit 742 gezählten Eulen alle Rekorde gebrochen. Der Grund dafür ist weniger mystisch, als ganz pragmatisch: die Folgen der hoch technologisierten Intensivlandwirtschaft in Mitteleuropa haben den Lebensraum der Waldohreulen so massiv verändert, dass er ihnen im Winter weder Schutz, noch genügend Nahrung bietet. In Kikinda bestimmt – wie im ganzen Land – die Wirtschaftskrise den Alltag der Menschen: Industriebetriebe schließen, landwirtschaftliche Großbetriebe brechen zusammen und viele Felder liegen brach. Somit ist in Kikinda die Welt für die Waldohreulen noch in Ordnung.

Das war anfangs nicht ganz so, denn das massenhafte Auftreten der neuen Besucher sorgte für Unruhe und Angst unter den Menschen, die soweit ging, dass Raubvögel auch abgeschossen wurden. Manchen gilt der Ruf der Eule in der Nähe des Hauses als Vorbote des Todes. Ein Aberglaube der aus alten Zeiten stammt und darauf beruht, dass sich Eulen nachts gerne in der Nähe von Lichtquellen aufhalten. In Zeiten vor der Elektrifizierung brannte nur selten in einem Haus das Kerzenlicht die ganze Nacht, es sei denn es galt einen Schwerkranken rund um die Uhr zu pflegen, oder ihm beim Sterben beizustehen.

Die meisten Menschen in Kikinda haben das nun auch begriffen und die anderen halten drakonische Geldstrafen der Stadtverwaltung von bis zu 2.000 Euro davon ab, den Eulen an den Kragen zu gehen. Zudem hat man in Kikinda erkannt, dass die Waldohreulen Tourismus sowie Souvenirhandel ankurbeln und somit in diesen schweren Zeiten Geld in die Stadt bringen. Ihr beträchtlicher Appetit, der 500.000 Mäusen und anderen Nagetieren pro Jahr das Leben kostet, bewahrt darüber hinaus die Bauern vor Schäden in Millionenhöhe.

Mit der immer größer werdenden Population der Eulen in der Stadt hat sich auch das Kurzgeschichten-Festival „Kikinda Short“ zu einem der wichtigsten Literatur-Ereignisse auf dem Balkan gemausert.

Da gleichzeitig die Bevölkerungszahlen nicht rückläufig sind, ist somit ganz offensichtlich endlich und endgültig nachgewiesen, dass der Aberglaube „Weisheitsvogel“ den Aberglauben „Todesbote“ aussticht!

Mitarbeit: Zoran Ikonic, Dejan Stefanovic und Gordan Godec

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