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9. Februar 2015

„Warum fehlt manchen eigentlich der Genozid so sehr?“ – der kroatische Schriftsteller Ante Tomic über das Völkermord-Urteil

Schriftsteller und Kolumnist Ante Tomic. Foto: BR | Petar Markovic
Schriftsteller und Kolumnist Ante Tomic. Foto: BR | Petar Markovic

Die Reaktionen auf das Urteil des internationalen Gerichtshofs, in dem Serbien vom Vorwurf des Völkermordes freigesprochen wurde, lösten in Kroatien Unverständnis und Bestürzung aus. Politiker aller Parteien, Medien und große Teile der Öffentlichkeit sehen Kroatien wieder einmal um sein Recht gebracht. Ante Tomic, Schriftsteller und mahnender Geist des Landes, hält analytisch scharf und humorvoll entlarvend dagegen:

 

 

 

 

Der Nationalismus hat das Wesen eines Vampirs, er ist süchtig nach Blut und kriegt nie genug. Von Ante Tomic (aus dem Kroatischen übersetzt von Anne-Kathrin Godec)

Tja, der Genozid ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Die Kriterien wurden ganz unerwartet verschärft, die Latte unanständig hoch gelegt und wir haben uns nicht qualifiziert. Das Haager Urteil, die Serben hätten an den Kroaten keinen Genozid begangen, aber auch nicht umgekehrt, hat viele empört. Das Ganze endete wie sonst auch, wenn wir uns international etwas beweisen müssen, genau wie bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien oder der Handballweltmeisterschaft in Katar. Kurz gesagt, die Schiedsrichter haben uns betrogen.
Man kommt zu einem fast einstimmigen Schluss. Reihum wetteifern die Politiker, diejenigen, die an der Regierung sind, ebenso wie die der Opposition, wer wohl bestürzter wirkt, betroffener, alle fassen sich wie Amateurschauspieler schockiert ans Herz und die Zeitungen überschlagen sich mit ihrer Entrüstung für den Haager Gerichtshof, der unserer Neunziger-Agonie gegenüber mal wieder völlig gleichgültig ist, aber das ist alles ein einziges feiges und scheinheiliges Theater, denn einen anderen Ausgang haben wir ohnehin nicht erwartet.

Jedem halbwegs Eingeweihten war von Anfang an klar, dass diese Anklage unbedacht war, eine dümmliche politische Angeberei zu hauseigenen Nutzungszwecken, ein durchsichtiger Bluff, das Fuchteln mit einem ungeladenen Gewehr. Zig Millionen haben wir für einen vergeblichen Gerichtsstreit ausgegeben, der nur unsere eigenen nationalistischen Illusionen nähren sollte.
Aus Liebe zur Wahrheit
Endlich hat sich in der vergangenen Woche bewahrheitet, was nüchterne Rechtsanwälte bereits jahrelang vorhergesagt haben. In Den Haag wurde das Urteil gefällt, dass es hier keinen Genozid gegeben hat. Und wirklich, jetzt mal Hand aufs Herz, den gab es auch nicht. Genozid, ein Begriff, den man am besten mit Ausrottung übersetzen könnte, ist ein schwerwiegendes Wort, das man nicht leichtsinnig aussprechen sollte. Ein Genozid ist das Verbrechen aller Verbrechen. Die Zerstörung Vukovars war blutig, war die menschenverachtende und militärisch ehrlose Belagerung einer Stadt bis zu ihrer vollständigen Auszehrung, und so manches dort verstieß gegen Gesetze und gegen bessere Kriegsgepflogenheiten, etwa massenhafte und unkontrollierte Bombardierungen von Häusern, Ermordungen ziviler Einwohner, kaltblütige Erschießungen von Verwundeten in Ovčara, und dennoch ist all das, was an sich schon furchtbar genug ist, schwerlich mit der Definition von Genozid zusammenzubringen, nämlich der „vollständigen oder teilweisen Vernichtung einer Gruppe aus nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gründen.“
Durch einen Korridor zwischen schlammigen Schützengräben und Panzern verließ die traurige Kolonne der Vertriebenen schließlich Vukovar, aber die meisten Gefangenen kehrten nach einigen Monaten durchgeprügelt doch aus den serbischen Lagern zurück. Hätte es wirklich einen Genozid gegeben, wäre niemand lebend heimgekehrt. Oder es wären weitaus weniger Überlebende gewesen.
Und genauso war es mit den Serben bei der Oluja, der Operation Sturm.
„Bei der Oluja ist ein Genozid begangen worden“, sagte mir kürzlich ein Freund, der ansonsten Historiker ist.
„Aber schau doch mal, das stimmt nicht“, antwortete ich, schon ein bisschen angenervt von dem größenwahnsinnigen Rückgriff auf den Genozid. „Bei der Oluja handelte es sich um eine ethnische Säuberung.“
Das ist natürlich nichts, worauf ich als Kroate besonders stolz wäre, aber aus Liebe zur Wahrheit muss man sagen, dass es bei der großangelegten Einnahme von Knin, Drniš, Benkovac, Gračac und hunderten anderer Dörfern der Krajina und Lika verhältnismäßig wenig Opfer gab. Die kroatische Politik- und Militärspitze hatte sich bewusst für eine Vertreibung und nicht für die Ausrottung des Feindes entschieden und hatte dafür, damit wir uns nicht in die Tasche lügen und uns dümmer stellen, als wir wirklich sind, die stillschweigende Zustimmung der serbischen Politik- und Militärspitze, die ebenso bewusst einsah, dass sie nicht mehr die Stärke hatte, dieses Territorium zu behalten.
Zwei verwandte Begriffe
Vielleicht kommt es Ihnen vor, als betriebe ich Haarspalterei, vielleicht sagen Sie, ich sei zynisch in meinem Insistieren auf das Auseinanderhalten zweier ähnlicher, verwandter Begriffe wie es ethnische Säuberung und Genozid, Vertreibung und Ausrottung sind, aber zwischen ihnen steht nun einmal ein wichtiger, eigentlich der wichtigste, ein existenzieller Unterschied, derjenige zwischen dem Fakt des biologisch Lebenden und des biologisch Toten. Die meisten haben doch überlebt, und mir ist jeder einzelne dieser Tausenden und Abertausenden Köpfe lieb und teuer, der auf den Schultern eines unglückseligen Serben auf dem Traktor davongefahren ist, ebenso wie mich jeder einzelne Bürger Vukovars mit unbeschreiblichem Glück erfüllt, der mit blauen Flecken aus einem serbischen Lager heimkehrte.
Von solchen vorsichtigen, empfindlichen rechtlichen Unterscheidungen ließen sich die Richter leiten, die entschieden, dass es einen Genozid, ein wutrasendes Schlachten „bis zu eurer oder unserer Vernichtung“, wie hier einmal einer vor vielen Jahren ziemlich präzise das Wort Genozid definierte, lange bevor wir diesen Begriff überhaupt kannten, nicht gegeben hat. Es gab ihn nicht, weder einen serbischen an den Kroaten, noch einen kroatischen an den Serben. Und sie haben richtig, weise und rechtmäßig entschieden. Sie gaben uns zu verstehen, dass wir – was wahr ist – furchtbare und unmenschliche Verbrechen begangen haben, dass wir uns unseren Nachbarn gegenüber wie Bestien benommen haben, aber dass wir doch nicht die Bestien sind, für die wir uns gegenseitig halten. Und das ist, wenn Sie mich fragen, eine gute Nachricht. Eine wunderbare Nachricht. Da schließe ich mich Ante Nobilo vorbehaltlos an, der vor ein paar Tagen zu dem folgenden Schluss kam: „Ich bin persönlich außerordentlich zufrieden, dass mein Volk in keinem Genozid vernichtet wurde, und genauso zufrieden bin ich, dass mein Volk keinen Genozid begangen hat.“ So sollte jeder mit gesundem Menschenverstand denken. Genozid? Wer in Teufels Namen braucht so was?!
Aber leider brauchen es manche doch. Und zwar viele. Das Volk liebt solche maßlosen, grauenhaften Wörter wie Genozid, das Verbrechen aller Verbrechen, denn sie verspüren eine perverse Lust, die anderen schlechter dastehen zu lassen, als sie sind. Das tut der Nationalismus ständig, keine Schweinerei ist ihm groß genug. Er muss sie bis zum Platzen aufblasen. Der Nationalismus hat das Wesen eines Vampirs, ist süchtig nach Blut und kriegt nie genug. In diesem Sinne ist die Aufregung über die Abweisung der Klage auf Genozid durch den Haager Gerichtshof vergleichbar mit dem Bemühen serbischer Pseudohistoriker, dieser chauvinistischen Schwachsinnigen, die unwirklich hohe Anzahl von siebzigtausend Ermordeten in Jasenovac zu verfälschen, weil sie ihnen nicht ausreicht und sie sie ganze zehnmal multiplizieren müssen, auf siebenhunderttausend.
Keine Illusionen
Ich mache mir, damit wir uns richtig verstehen, weder wegen der Serben noch wegen der Kroaten keine großen Illusionen, aber ich halte sie für viel moralischer und menschlicher, als sie sich gegenseitig einschätzen. Es ist auch ein glücklicher Umstand, dass sie auch dann, wenn sie wollten, einen Genozid gar nicht durchführen könnten. Der ist nämlich was für organisierte, hingebungsvolle und tüchtige Völker, für Japaner oder Deutsche etwa, für solche, die über Technologie und Management verfügen, die Transport-, Unterbringungs-, Kommunalprobleme und andere zahlreiche Schwierigkeiten lösen können, mit denen jeder zu tun bekommt, der ein so weitreichendes riesiges Schlachten durchführen will. Der Genozid ist der Mercedes unter den Verbrechen, und das sollen die Serben hinkriegen? Die Serben haben sogar den Yugo in Florida auf den Hund gebracht. Genauso steht es um die Kroaten. Da können Sie mal sehen, dass es manchmal gar nicht so schlecht ist, Angehöriger eines so unfähigen, nachlässigen, faulen und rückständigen Volkes zu sein.

Ante Tomić (geboren 1970) ist Kolumnist und einer der meistgelesenen Schriftsteller Kroatiens. Mehrere seiner Romane wurden verfilmt. Er lebt mit seiner Familie in Split.

 

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