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7. Dezember 2014

Ungarn: Im Lotto-Dorf gehen die Lichter an

„Etwas höher, etwas nach links“, Attila Imre Nagy dirigiert seine Mitarbeiter auf dem Hauptplatz von Györújfalu. Der 37-Jährige ist Bürgermeister des kleinen Dorfes im Nordwesten Ungarns, nahe der Industriestadt Györ. Der Zwei-Meter-Mann steigt auch selbst auf die Leiter und packt mit an. Er hat ein Ziel: Die Weihnachtsbeleuchtung soll bald in den Bäumen hängen. „Es sind LED-Leuchten“, lacht er, „wir sind ja umweltfreundlich“.

Dass das 1800-Seelen-Dorf eine Weihnachtsbeleuchtung bekommt, verdankt es einem ganz besonderen Umstand:  „Wir haben sie mit unserem Lottogewinn gekauft“ , verrät der Politiker. Umgerechnet etwa 650 Euro haben sie in die LED-Girlanden investiert, die kommunale Selbstverwaltung hat die andere Hälfte beigesteuert.

Eine ungewöhnliche Idee, um die öffentliche Kasse zu sanieren. Schon seit einem Jahr spielt das Dorf Lotto. Dafür hat der Bürgermeister klare Regeln aufgestellt: „Wenn ungefähr 3,3 Millionen Euro im Jackpot sind,  dann kaufen wir Lottoscheine. Ein Hauptgewinn wird unter den Spielern verteilt. Wenn wir nicht das ganz große Los ziehen, bekommt das Dorf das Geld“, sagt er. Und so kam Györújfalu zu seiner Weihnachtsbeleuchtung.

Vor einigen Wochen waren knapp 3,2 Millionen Euro im Jackpot – weniger als eine Milliarde Forint. Das ist die Marke, wenn das Dorf einsteigt. „Ich habe Anrufe bekommen, ob wir schon spielen“, erzählt der Bürgermeister. „Ich habe abgelehnt“, sagt Nagy. Denn es sei gegen die Regel gewesen. Die Idee zu dem Kollektiv-Lotto kam ihm nachts, als ihn seine Tochter Rebeka wieder einmal aufweckte und mit ihm spielen wollte. Sie schlief schnell wieder ein, er aber nicht. Er machte den Fernseher an. „Da habe ich eine Lottowerbung im Fernsehen gesehen. Und die Idee war da: das ganze Dorf spielt Lotto“ , erinnert sich der Bürgermeister an seinen Geistesblitz.

Und das geht so: Jeder Einwohner kann mitmachen. Ein Losschein kostet etwa 70 Cent (225 Forint), jeder Spieler bezahlt entweder 500 oder 1000 Forint Einsatz. „Wir kaufen ungefähr 400 Lose pro Woche“, sagt der Bürgermeister, jeder zehnte Einwohner macht mit. Jeden Samstag löst der Bürgermeister die Scheine, die er scannt und auf der Facebook-Seite des Dorfes veröffentlicht.

„So können alle Mitspieler sofort sehen, ob wir gewonnen haben oder nicht“,  erklärt Attila Imre Nagy.

„Meine Eltern machen mit“, sagt eine blonde Schülerin. Auch Zoltán Szabó hat schon mehrfach Dorf-Lotto gespielt. „Es stärkt die Beziehungen im Dorf“, sagt der ältere Herr. „Ich bin ganz neu hier“, sagt Edit Simonyi, die erst seit ein paar Wochen im Dorf wohnt. Sie hat schon vom kollektiven Glücksspiel gehört, erzählt sie, hat aber selbst noch nicht mitgemacht. „Aber ich finde die Idee toll“. Eine andere Dame, die gerade vom Einkaufen kommt, sagt, dass sie zwar generell keine Glückspiele mag. „In meiner Familie spielt niemand“, erzählt sie.“ Aber ich wünsche den Dorf-Lotto-Spielern trotzdem viel Glück!“

Mitarbeit: Attila Poth

 

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