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3. Dezember 2014

Bosnien: Fehim Lovic – der letzte Demonstrant von Sarajevo

Der letzte Demonstrant von Sarajevo: Fehim Lovic. Foto: BR | Eldina Jasarevic
Der letzte Demonstrant von Sarajevo: Fehim Lovic. Foto: BR | Eldina Jasarevic

Wenn aus etwas (fast) nichts wird, dann sagt man bei uns „spala knjiga na dva slova“ oder auf Deutsch „von dem ganzen Buch sind nur noch zwei Buchstaben geblieben“.
Fehim Lovic ist „der letzte Buchstabe“, der vom „bosnischen Frühling“ dieses Jahres übrig geblieben ist. Er ist der einzige Demonstrant, der seit neun Monaten immer noch Tag für Tag vor dem Gebäude des bosnischen Staatspräsidiums in Sarajevo protestiert.

http://youtu.be/E9ZvVorPDBU?hd=1

Beitrag: Sabine Pusch | Kamera: Mladen Pehar | Schnitt: Günter Stöger

Fehim hat vier Jahre lang in der bosnischen Armee für „seine Heimat Bosnien“ gekämpft. Zweimal wurde er verwundet und nach dem Krieg litt er lange an posttraumatischen Belastungsstörungen. Für seine Verdienste im Krieg bekommt er eine monatliche Kriegsrente von 25 Euro von einem Staat, für den er nicht gekämpft habe, sagt Fehim Lovic entschieden.

Stolz zeigt Fehim seinen Ausweis, der beweist, dass er vom ersten Tag an für die bosnische Armee gekämpft hat, die vor ihrer offiziellen Gründung noch „Patriotische Liga“ hieß. Foto: BR | Eldina Jasarevic
Stolz zeigt Fehim seinen Ausweis, der beweist, dass er vom ersten Tag an für die bosnische Armee gekämpft hat, die vor ihrer offiziellen Gründung noch „Patriotische Liga“ hieß. Foto: BR | Eldina Jasarevic

„Die Menschen haben keine Arbeit“, klagt er, „die jungen und hochqualifizierten Leute wandern aus.“ Das Land brauche dringend Reformen im Gerichts- und Schulwesen, sowie ein klares Antikorruptionsgesetz, meint der Aktivist. Denn „Korruption und Diebstahl haben hier derartige Ausmaße angenommen, dass das für alle zum Alltag gehört.“
Der letzte Demonstrant von Sarajevo ist nicht immer alleine. Manchmal kommen andere Sarajlija, Bewohner Sarajevos, um mit Fehim eine Zigarette zu rauchen, ihn ihre Unterstützung spüren lassen oder einfach ein paar Worte zu wechseln.
Fehim war sehr froh, als ich ihn vor kurzem besucht habe. Der Besuch eines deutschen Senders, der ARD, wecke bei ihm die Hoffnung, dass Frau Merkel von seinem tapferen und unnachgiebigen Protest erfahren könnte und die bosnischen Politiker unter Druck setze, sagt er. Denn vor ihr hätten sie hier große Angst.
Woraus Fehim seinen Optimismus schöpft, bleibt mir unklar. Die Wähler haben im Oktober den alten korrupten politischen Strukturen die Macht für weitere vier Jahre gegeben und viele gehen mittlerweile an Fehim und an seinen Protestsprüchen achtlos und desinteressiert vorbei. Er aber hofft noch immer auf den Erfolg seiner Ghandi-artigen Proteste und auf eine schönere Zukunft in „seinem Bosnien“.

Mitarbeit: Eldina Jasarevic

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