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21. November 2014

Bosnien: Erinnerung an die Belagerung von Sarajevo

1425 Tage lang waren wir während des Bürgerkrieges eingeschlossen und wurden beschossen. 1425 Tage lang starben Menschen – 11.541 insgesamt. 1425 Tage lang hatten wir Angst und Hunger. Wie kann man die längste Belagerung im 20. Jahrhundert in einer Ausstellung darstellen ? Das wollte ich wissen – und so ging ich dann auch endlich vor einer Woche ins Historische Museum Bosniens in Sarajevo – obwohl die Dauer-Ausstellung über die Belagerung schon lange zu sehen ist.
Klipp und klar: Man kann das nicht darstellen. Im Museum pfeifen keine Granaten über deinen Kopf. Die Wut, die du spürst, wenn jemand auf dich schießt – wie soll man die zeigen ? Und die Verzweiflung, weil Menschen, die das verhindern könnten, nichts tun oder gar verleugnen, was geschieht …
Viele Fotos dokumentieren das Leben ohne Nahrung, ohne Strom, Wasser, Medikamente – und vor allem: Ohne Hoffnung. Am meisten haben mich die Bilder der Toten auf der Straße oder der amputierten Kinder im Krankenhaus erschüttert. So war das damals, erinnere ich mich.
Fast während der gesamten Belagerungszeit habe ich für die ARD – für das Fernsehen – in Sarajevo gearbeitet, ich habe übersetzt, Drehs organisiert, mit vielen Menschen gesprochen, und habe auch Vieles gesehen. Mit einer Ausnahme. In die Leichenhalle wollte ich nie gehen. Gespräche mit verwundeten Zivilisten und Soldaten konnte ich aber nicht vermeiden. Nach diesen Gesprächen habe ich oft stundenlang gar nichts mehr gesagt, einfach nur geschwiegen.

Im Museum sind viele Konserven-Dosen zu sehen: Hilfsgüter, die vom UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) damals per Luftbrücke oder mit LKW-Transporten in das belagerte Sarajevo gebracht wurden. Die Konvois brachten uns amerikanische Kekse, die noch aus dem Vietnamkrieg stammten und Tabasco-Soße (Mir ist bis heute nicht klar, warum dieses scharfe Gewürz zu einer Hilfslieferung gehören sollte!), Binden für die Frauen und schlechte Nudeln.
Ein Kuriosum aus dieser Zeit ist ein Kriegs-Kochbuch, das im Museum ausgestellt wird, darin sind viele Not-Rezepte aufgezeichnet. Da erfährt man, wie man Mayonnaise ohne Eier, oder Kuchen ohne Zucker machen kann. Der Mensch ist ein Überlebenstier, glaube ich, wir können uns an so viele Situationen anpassen. Und auch wir passten uns eben an, während der Belagerung. Auch die ARD versorgte uns damals. In meinem Büro stapelte ich Schokoladen-Tafeln. Ein lila Lichtblick für meinen hungrigen Magen.
Nach dem Museumsbesuch bin ich hin und her gerissen: Die Erinnerung an den Krieg macht mich traurig. Ich kann mich aber auch freuen: Darüber, dass das Vergangenheit ist. Vor 19 Jahren wurde der Dayton-Vertrag paraphiert, am 14.Dezember 1995 dann unterzeichnet – damit war der blutige Bürgerkrieg formal zu Ende.

Mitarbeit: Eldina Jasarevic

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