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14. November 2014

Bosnische Kaffeekultur ist eine Lebenshaltung

Kaffeetrinken ist in Bosnien nicht nur ein ganz besonderer Genuss, sondern Gastfreundschaft und meist der Beginn einer Freundschaft für die Dauer mehrere Kaffees oder fürs Leben. Was als  bosnischer Kahva oder Mokka in Wien, der Hochburg der europäischen Kaffeehauskultur, zubereitet wird, gilt als ungenießbar. „Dünn, bitter, verbrannt, keine Crema, kein Körper, eine Brühe“, lautete die Abrechnung zu Wiens Mokka-Kultur in der Wochenzeitung „Falter“.

Um das zu ändern wird am Wochenende im Wiener Museumsquartier die größte Mokka-Kanne der Welt aufgestellt und bester bosnischer Kahva angeboten. Wir liefern dazu die Geschichte und Geschichten:

Wie man bosnischen Kaffee kocht. Eine Reportage von Karla Engelhard:

Kafenisanje – Kaffeekultur in Bosnien

Seit Jahrhunderten bestimmt die Kultur des bosnisches Kaffees (Mokkas) den Rhythmus und die Lebensart der Menschen in dem Gebiet auf dem Balkan, das wir heute Bosnien und Herzegowina nennen.
Nun hat die New York Times die bosnische Tradition des Kaffeetrinkens zu einem der zwölf größten europäischen Schätze erklärt. Die anderen Schätze Europas sind laut NYT auch ungarische Paprika, die Berliner Straßenkunst, Londoner Hüte und viele andere.
So Kaffee zu trinken, wie man es traditionell in Bosnien tut, öffnet Interessierten den Weg in den Zauber einer anderen Welt.

Kaffeetrinken ist hier keine hastige Koffein-Einnahme wie ein Espresso oder ein Mittel, um schnell wieder nüchtern zu werden. Kaffeetrinken ist in Bosnien ein Ritual. Der Kaffee wird unbedingt sitzend getrunken – aus kleinen Tassen. Man muss sich Zeit für sich oder noch besser für sich und für die anderen nehmen. Man genießt nicht nur die schwarze Flüssigkeit, sondern das Gespräch, das Beisammensein und eine gewisse Leichtigkeit des Lebens. Die bitteren Sorgen des Alltags, die Unbarmherzigkeit des Schicksals verschwinden nicht plötzlich, sondern werden erträglich, manchmal sogar annehmbar, wenn man sie mit anderen teilt.

Auf der Souvenierstraße findet man die handgemachten Kaffe-Sets. Foto: BR | Eldina Jasarevic
Auf der Souvenierstraße findet man die handgemachten Kaffee-Sets. Foto: BR | Eldina Jasarevic

In der Altstadt von Sarajevo werden noch immer die traditionellen Kaffee-Sets von Hand gemacht. Zu einem traditionellen Set gehören ein Serviertablett, eine Dzezva (Kaffeekanne) und Schmuckschalen für mindenstens zwei Fildzans (kleine henkellose Kaffeetassen).
Und selbst heute kann man manchmal noch bei den Sarajlija, den Bewohnern Sarajevos, zu Hause beobachten, dass sie einen Filidzan mehr decken, als Gäste am Tisch sind. Diese alte Tradition demonstriert die gesellschaftliche Bedeutung der bosnischen Kaffekultur – sollte zufällig noch jemand vorbeikommen, ist der zusätzliche Filidzan eine symbolisierte Einladung – niemand wird ausgeschlossen!

Mokka wird in der Dzezva ungesüßt zubereitet und danach in die kleinen Fildzans eingeschenkt. Zum Kaffee werden Würfelzucker oder weiche, leicht klebrige Rahat-Lokums serviert. Man tunkt die süßen Würfel in den Kaffee und beißt sie langsam ab. Dazu kann Wasser getrunken werden, niemals Säfte oder Cola!

Und noch etwas: Eine Einladung zum Kaffee bedeutet in Bosnien nicht immer unbedingt Kaffeetrinken! Eine Einladung zum Kaffee ist mehr eine Einladung zum Gespräch. Wenn Sie Tee oder sogar Bier trinken, ist das auch in Ordung. Wichtig ist es, sich zu setzen, sich den anderen zu öffnen, gemütlich zu unterhalten und die Zeit ein wenig zu vergessen…

Mitarbeit: Eldina Jasarevic

Hier geht es zum NYT-Artikel

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