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12. November 2014

Schulbuch-Skandal – Mazedonien will Untertanen und keine mündigen Bürger

Seit Wochen laufen Eltern in Mazedonien Sturm gegen Schulbücher, die ein autoritäres Bürgerverständnis propagieren. In dem Staatskunde-Buch „Gragansko obrazovanie za 8 oddelenie“(sinngemäß: Staatsbürgerkunde für die 8. Klasse), das Acht-Klässlern das Verständnis von Staat und Demokratie nahe bringen soll, heißt es etwa: „Loyale Bürger ehren alle, die die Staatsmacht in der Gesellschaft darstellen“. Und das geht so: „Die Hand der Älteren“ solle geküsst werden, denn das sei „Ausdruck der Achtung von Autoritäten“, heißt es. Der „loyale Bürger“ wird beschworen, das glatte Gegenteil des „citoyen“, des mündigen Staatsbürgers.

Ein loyaler Bürger „sei immer bereit, sich den gesellschaftlichen Regeln und Vorschriften zu unterwerfen – selbst zu dem Preis, dass er seine persönlichen Freiheiten aufgibt“, heißt es in dem Schulbuch weiter. Für sein Wohlergehen dürfe ein Bürger allerdings nicht der Gesellschaft zur Last fallen, so die Forderung: Dafür sei der loyale Bürger „selbst verantwortlich“.

Obwohl es nicht die Lehrer waren, die sich gegen solche Lehrinhalte aufgelehnt haben, schließen sich nun viele – ermuntert durch die allgemeine Debatte – der Protestwelle der Eltern an. Für Ljativ Ismaili, Lehrer in der Stadt Tetovo, sind die Formulierungen in dem Schulbuch kein Zufall, sondern politisches Kalkül: „Ich denke, das ist ein Versuchsballon der Regierung, die dieses konservative Untertan-Denken in der ganzen Gesellschaft verankern will“, glaubt er. Er ist aber zuversichtlich, dass sich die jungen Mazedonier nicht zu Untertanen machen lassen werden. „Die jungen Menschen werden das nicht hinnehmen“, sagt er, „denn es widerspricht ihrer Vorstellung von demokratischen Werten“.

Bildungsminister Abdilakim Ademi (links im Bild zusammen mit dem Generaldirektor für Forschung und Innovation der EU-Kommission Robert-Jan Smits  möchte das gesamte Schulwesen verändern.  Bildquelle: picture-alliance/dpa
Bildungsminister Abdilakim Ademi (links im Bild zusammen mit dem Generaldirektor für Forschung und Innovation der EU-Kommission Robert-Jan Smits) möchte das gesamte Schulwesen verändern. Bildquelle: picture-alliance/dpa

Die Schulbuch-Gegner fordern ein Einstampfen des umstrittenen Schulbuches. Und sie wollen eine Stellungnahme des zuständigen Bildungsministers Abdilakim Ademi. Der kündigte lediglich an, dass sich eine Untersuchungskommission mit dem Thema beschäftigen wird. Allerdings hat er ehrgeizige Pläne: Er will das gesamte Schulwesen in Mazedonien reformieren. Bleibt zu fragen, ob in die Richtung reaktionärer Staatsmacht-Phantasien oder europäischer Demokratie-Vorstellungen?

Mitarbeit: Lyubisha Nikolovski

Kommentare (2)

Aleksandar am

Überzogener Artikel es gibt keinen Skandal hier in Makedonien.

Makedonier am

Komisch das der BR Blog alle „Argumente“ unserer Opposition in Makedonien aufgreift. In dem Fall noch schlimmer, ein Albaner wird zitiert. Und gerade diese lassen jegliche Loyalität zum makedonischen Staat vermissen und würden am liebsten unser Land teilen und in den Abgrund schieben. Der Artikel ist eine Farce.

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