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11. November 2014

Das albanisch-serbische Nichtverhältnis

Erstmals seit 68 Jahren besucht wieder ein albanischer Regierungschef Serbien. Doch Edi Rama und sein serbischer Amtskollege Aleksandar Vucic beharren auf ihren Standpunkten. Der Streit um den Kosovo bleibt bestehen – noch schlimmer: Rama sorgte für einen Eklat und Vucic ließ sich provozieren.

Der albanische Premierminister Edi Rama besucht seinen serbischen Amtskollegen Aleksandar Vucic in Belgrad - und ist damit der erste albanische Regierungschef seit 68 Jahren der offiziell Belgrad besucht. - Foto: picture alliance / dpa
Der albanische Premierminister Edi Rama besucht seinen serbischen Amtskollegen Aleksandar Vucic in Belgrad – und ist damit der erste albanische Regierungschef seit 68 Jahren der offiziell Belgrad besucht. – Foto: picture alliance / dpa

Kommentar von Karla Engelhard

68 Jahre lang kam kein albanischer Regierungschef offiziell nach Belgrad. Noch länger wurde kein serbischer Staatsmann in Tirana gesehen. Dass es jetzt zu einem Treffen kam, passierte auf Druck aus Brüssel, weniger aus der Überzeugung beider Seiten, dass es endlich Zeit dafür wird. Serben und Albaner sind sich im besten Falle gleichgültig, im schlechtesten Falle hassen sie sich. Was nicht zuletzt die nationalistischen Ausbrüche bei Fußballspielen zeigen. Wahlweise „Tod den Albanern!“ oder „Tötet die Serben“ ist die Verachtungsfolklore a la Balkan.

Dabei standen Serben und Albaner mal Seite an Seite, auf dem Amselfeld gegen die osmanischen Eroberer – doch das ist Jahrhunderte her. Heute ist das Amselfeld, auch Kosovo polje, ein diplomatisches Minenfeld zwischen Belgrad und Tirana. Seit dem Krieg 1999 um den Kosovo – und dessen Unabhängigkeitserklärung 2008 – gilt das Verhältnis als besonders angespannt. In der früheren jugoslawischen und später serbischen Provinz leben zu 90 Prozent ethnische Albaner, die von Tirana unterstützt werden, zumindest verbal.

„Kosovo ist unabhängig und das muss Serbien akzeptieren“, provozierte der albanische Premier Edi Rama jüngst in Belgrad und sein serbischer Amtskollege Aleksandar Vucic explodierte, wie erwartet und knallte zurück: „Kosovo ist Teil Serbiens, Serbien lässt sich nicht demütigen und Kosovo ist nicht Albanien“. Als der Rauch sich verzogen hatte, stellten beide Politiker jedoch klar, dass Albanien und Serbien natürlich zusammenarbeiten werden. Zum Beispiel beim Anträge schreiben für Brüssel. Denn Tirana und Belgrad wollen gemeinsam Geld von der Europäischen Union, für den Ausbau einer Eisenbahnlinie und für eine Autobahn, die sogar Kosovo miteinbindet. Gut, dass es die Europäische Union gibt und die gibt. Serbien und Albanien wollen dazugehören und das möglichst bald. Doch das wird dauern. Erstmal müssen beide ihre Hausaufgaben machen: Ihre Beziehungen normalisieren, Minderheitenrechte anerkennen, ihre Wirtschaft ankurbeln und ihre Zivilgesellschaft aufbauen. Dazu müssen beide Seiten weiter miteinander reden, auch wenn sie sich nach 68 Jahren Funkstille noch nicht verstehen.

Vor 68 Jahren besuchte der frischgebackene albanische Diktator Enver Hoxha seinen Amtskollegen Josip Bros Tito in Belgrad. Beide geprägt vom Partisanenkampf, beide glühende Verehrer der Sowjetunion. Dessen Diktator Stalin empfahl Tito jedoch Albanien zu schlucken. Aus Angst vor dem „Geschluckt werden“ igelte Hoxha sein Land ein und baute rund 740 000 Bunker, vor allem aus Angst vor dem großen Nachbarn Jugoslawien und den Serben.

 

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