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18. September 2014

Holunderbier und Dinkelweiße – der neue Wiener Kult um „Craft-Biere“

Auf Verkostung hat sich Eberhard Nembach befunden

Eberhard Nembach auf Erkundungsreise durch die Craft-Bier Szene in Wien. Foto - BR | Eberhard NembachWien ist bei Touristen bekannt und beliebt für Kaffee und Heurigen-Wein. Die Wiener selbst entdecken gerade ein anderes Getränk ganz neu: Bier, gebraut von jungen Selfmade-Braumeistern, die im Hauptberuf zum Beispiel als Webdesigner oder IT-Fachleute arbeiten. Der Kult um die so genannten Craft-Biere, die von den USA kommend auch Deutschland erobern, ist in den letzten Monaten endlich in Wien angekommen. Natürlich mischen auch deutsche Brauer kräftig mit. Gerade erst hat ein neues Craft-Bier-Lokal eröffnet, das handgemachte, fein mit verschiedenen Hopfensorten abgestimmte Biere bietet.

„Fassldippler“ heißt der neue Laden, der sich in einer Seitengasse in der Nähe des Wiener Hauptbahnhofs versteckt – wie es sich für Wiener Lokale gehört, an einer Hausecke, mit dunkler Holztäfelung und einfachen kleinen Tischen – alles wie gewohnt, der Name ist neu, die Besitzer – und das Konzept – der junge Wirt Gerald Kastner setzt nicht auf Kaffeespezialitäten und Heurigen-Wein, also die Lieblinge der deutschen Touristen, sondern ausgerechnet auf Bier. Ist das nicht mutig hier in Wien?
„Ja, Bier geht ein bisschen unter!“, sagt Kastner. „München ist mehr die Bierstadt und Wien die Weinstadt, weil sie selbst Wein anbauen. Aber die Österreicher und Wiener sind aufgeschlossen und kosten sich jetzt gerne durch.“


Na gut – Angebot gibt’s ja reichlich auf der Karte: Dirndlbier und Dinkelweiße, ein Bier namens Dunkle Materie, ein „Xaver Saisonbier“ und: Holunderblütenbier – also los!
…hmmm, schmeckt leicht und frisch, fruchtig, aber nicht süß – duftet – nach Holunder – „Brew Age“ steht auf der Flasche, dahinter stehen vier Selfmade-Nachwuchsbrauer – einer von ihnen ist der 29-jährige Thomas Mauer, der gerade frisches Bier anliefert.
„Holunderblütenbier ist ein leichtes Helles mit 4,6 Prozent“, erklärt Mauer, „es bekommt diese wunderschöne Note durch die Zugabe von echten Holunderblüten in der Hauptgärung.“


Erst seit ein paar Monaten braut Thomas mit seinen Freunden Bier, Geld verdienen sie immer noch in ihren Haupt-Jobs als Webdesigner oder städtische Angestellte. Manche kaufen alte Brauanlagen und stellen sie in winzigen Hinterhof-Werkstätten auf. Die Jungs von Brew Age gehören dagegen zu den Wanderbrauern, die tageweise die Anlagen der großen Industrie-Bier-Hersteller mieten.
„Man macht sich mit dem Braumerister dort Termine aus“, erzählt Mauer, „und kommt dort an mit eigenem Malz und eigenen Zutaten. Man bekommt dann für ein paar Stunden die Brauereianlage quasi geliehen.“
Bei den Zutaten kommt’s vor allem auf die Hopfensorten an, deren Düfte die Kenner beschreiben wie die Noten guter Weine.

„Magnum ist ein sehr intensiver Bitterhopfen, und Cascade ist mein Lieblingshopfen überhaupt, der ein Zitrus- und Orangenbouquet beisteuert“, erklärt Günther Thömmes. Er kommt aus Bitburg und braut seit mehr als 2 Jahrzehnten sogenannte Craft-Biere und ist ein Pionier der noch ganz jungen österreichischen Szene, die erst in den letzten Monaten so richtig an Fahrt gewonnen hat. Craft-Biere sind handgemacht, handwerklich hergestellt, tragen die Handschrift des Braumeisters. Kleine Kunstwerke aus der Flasche, die zuerst den US-Markt eroberten, bevor die Welle nach Europa schwappte, nun endlich auch bis an die Alpen. Österreich liegt im Bierkonsum zwar ziemlich gleich auf mit Deutschland, der Markt ist aber von ganz wenigen großen Industriebrauern beherrscht. „Fernsehbiere“ nennen die Craft-Fans diese Massenware und rümpfen die Nase – bevor sie sie wieder in eines ihrer Verkostungs-Gläser stecken, in denen immer neue naturtrübe Kostbarkeiten mit feinem cremigen Schaum prickeln – na dann: zum Wohl!

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