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20. August 2014

„Sehnsucht nach Konsens“ – Literaturnobelpreisträger Kertész erhält höchste ungarische Auszeichnung

Kertesz`Auszeichnung von Debatte begleitet – Ein Audiobeitrag von Stephan Ozsvath

Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz hat die höchste staatliche Auszeichnung seines Heimatlandes erhalten. Staatspräsident Ader würdigte in Budapest das „außergewöhnliche Lebenswerk“ des Autors. Zeitgleich wurde auch der Erfinder des „Zauberwürfels“, Ernö Rubik, geehrt. Präsident Janos Ader sagte über die Geehrten, sie weckten mit ihrer Leistung den „Nationalstolz“. Und im Ausland verewigten sie den „guten Ruf der Heimat“.

Premierminister Viktor Orban überreicht Imre Kertesz den Preis - Foto: picture alliance / dpa
Premierminister Viktor Orban überreicht Imre Kertesz den Preis – Foto: picture alliance / dpa

Die Auszeichnung für Kertesz ist von einer kritischen Debatte begleitet. Rechtsextreme Kritiker werfen Kertesz vor, sich mit seinen Äußerungen über Ungarn als nicht würdig erwiesen zu haben. Der 84-Jährige hatte den Rechtsruck in Ungarn kritisiert und seinen Landsleuten vorgeworfen, die Geschichte nicht aufzuarbeiten. Kritiker von links halten die Ehrung für ein Feigenblatt. Der Autor Rudolf Ungváry bezeichnete die Ehrung im ARD-Interview als „politische Mimikry“. „Das erweckt den Anschein, als ob diese Regierung auf der Seite derer stehe“, die den Holocaust erlitten hätten, so Ungvary. Erst jüngst hatte die national-konservative Regierung massive Kritik geerntet, weil sie ein umstrittenes Denkmal in Budapest aufstellen ließ, dass an die Besatzung Ungarns durch die Nazis vor 70 Jahren erinnern soll. Es zeigt einen Adler – als Symbol für deutsche Nazis und den Erzengel Gabriel, er soll die „unschuldigen ungarischen Opfer“ darstellen.
Führende Historiker und der Verband der Jüdischen Gemeinden hatten kritisiert, das Denkmal erteile ungarischen Tätern im Zusammenhang mit dem Holocaust einen Persilschein. Ungarische Behörden hatten die Deportationen von einer halben Million ungarischer Juden in die Vernichtungslager organisiert. Ungvary sagt: „Es waren nicht die Deutschen, die Imre Kertesz verhafteten und ins Ausland deportierten.“
Ungarische Regierungsvertreter hatten in den letzten Monaten anlässlich des Holocaust-Gedenkjahres eine ungarische Täterschaft im Holocaust durchaus eingeräumt. Dies wurde jedoch immer wieder konterkariert. So wurden letztes Jahr mehrere Rechtsextreme mit einem wichtigen Kulturpreis ausgezeichnet. Und Imre Kertesz selbst war aus dem Regierungsumfeld immer wieder angefeindet worden. So hatte der mächtige Präsident der Akademie der Künste mit deutlich antisemitischem Zungenschlag gelästert, Imre Kertesz sei ein Autor, den man im Ausland fälschlicherweise für einen Ungarn halte.
Imre Kertesz selbst gab angesichts der hohen staatlichen Ehrung im Budapester Präsidentenpalast keine Interviews. Über seine Frau hatte er öffentlich verbreiten lassen, „es gehe bei der Preisannahme um die Sehnsucht nach Konsens und sei eine unaufschiebbare Notwendigkeit“. Kertesz ist an Parkinson erkrankt. Im November wird er 85 Jahre alt.
Der erste ARD-Bericht über die Kertesz-Debatte wurde übrigens auch von der regierungsnahen ungarischen Tageszeitung „Magyar Nemzet“ zitiert.
Allerdings wurden nur die Passagen erwähnt, in denen die regierungsnahe Historikerin Maria Schmidt vorkommt. Darin würdigt sie Imre Kertesz als Persönlichkeit, die sich politisch nie habe vereinnahmen lassen. Die Kritiker werden in dem Artikel nicht erwähnt. Es folgt lediglich ein Link zum Audio und der Verweis, „Deutschkenntnisse seien nicht von Schaden“.

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