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18. August 2014

Debatte um geplante Kertész-Ehrung spaltet Ungarn

„Streit um Kertesz-Auszeichnung“ – Ein Audiobeitrag von Stephan Ozsváth


 
Der ungarische Literaturnobelpreisträger und Holocaust-Überlebende Imre Kertész soll am Nationalfeiertag (20.August) die höchste ungarische Auszeichnung bekommen, den „Orden des Heiligen Stephan“. Die umstrittene Direktorin des Budapester Terrorhauses, Mária Schmidt, erklärte auf ARD-Anfrage die geplante Ehrung mit der „inneren Freiheit“ des Autors Kertész. Er habe sich nie vereinnahmen lassen.

Imre Kertesz als Gastredner während der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag am 29.01.2007. - Foto: picture-alliance/ dpa
Imre Kertesz als Gastredner während der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag am 29.01.2007. – Foto: picture-alliance/ dpa

Um die Auszeichnung ist in Ungarn nun ein heftiger Streit entbrannt. Die Rechtsextremen von Jobbik kritisieren die Ehrung, weil sich Kertész in der Vergangenheit kritisch über den Rechtsruck in Ungarn geäussert hatte. In einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ hatte der jüdische Autor seinen ungarischen Landsleuten vorgeworfen, die Vergangenheit nicht aufzuarbeiten, sondern zu verdrängen. Antisemiten und Rechtsextreme hätten heute in Ungarn das Sagen. Kertész werde mit der Annahme der Ehrung zum „Holocaust-Clown der Regierung Orbán“, kolportiert das unabhängige Online-Portal index.hu. Der Schriftsteller Rudolf Ungváry spricht im ARD-Interview von einem „Feigenblatt“ für die Regierung, die jüngst viel Kritik von jüdischer Seite wegen des umstrittenen Besatzungsdenkmals in Budapest hatte einstecken müssen. Die Auszeichnung anzunehmen, erteile der Regierung Orbán die Absolution, die die Demokratie in Ungarn abschaffe, kritisiert Ungváry. In ihrer Gedenkpolitik verfolge die Regierung das Ziel, „die Gesamtheit der Ungarn zu Opfern wie die Juden zu machen“, so der Autor. Dabei hätten vor 70 Jahren nicht deutsche Nazis die ungarischen Juden deportiert. Ungarn hätten Kertész ins Vernichtungslager gebracht.

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