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17. Juli 2014

Kaviar-Mafia im Donaudelta – Der Stör am Ende seiner Tage?

Seit über 200 Millionen Jahren schwimmt der Stör durch unsere Gewässer. Geschätzt und gejagt vor allem wegen der wohlschmeckenden Eier der weiblichen Tiere – dem Kaviar. Heute sind fast alle Störarten gefährdet oder vom Aussterben bedroht, so auch der Donau-Stör, der in Bulgarien und Rumänien, um sein Überleben kämpft. Zerstörung seines Lebensraumes und die Behinderung der Laichwanderung sind neben der Überfischung die größten Bedrohungen für diese edlen Fische. Wir werfen einen Blick auf die Situation in Bulgarien und Rumänien.

 

BULGARIEN

Die Störe gehören seit Urzeiten zu den Wanderfischen und schwimmen vom Donaudelta flussaufwärts auf der Suche nach Laichplätzen. Doch seit 1972 endet ihre Reise – nach dem Bau des Donau-Staudamms „Eisernes Tor“ – an der serbischen Grenze. Die Fische müssen wieder zurückschwimmen und ihren Kaviar irgendwo an den Ufern Rumäniens und Bulgariens ablegen. Seitdem wird ein rapider Rückgang der Population beobachtet, doch genaue Zahlen gibt es nicht. Denn der WWF und andere Tierschutzorganisationen, die sich der Rettung des Donaustörs verschrieben haben, bekommen kaum öffentliche Mittel für ihre Arbeit. Weder von staatlicher Seite, noch von der breiten Bevölkerung scheint es Interesse zu geben, diese Ur-Fische zu retten. Im Gegenteil, erfreuen sich das feine, grätenlose, weiße Fleisch und natürlich der Kaviar der Störe weiterhin ungezügelter Beliebtheit.

Betroffen sind alle sechs Arten des Störs, fünf davon sind inzwischen besonders bedroht: Belugastör, russischer Stör, Stellate, Schiffstör, Sterlet und europäischer Stör. Wie gefährdet diese Fische sind zeigt der Umstand, dass es selbst Wissenschaftlern erst nach zwei Jahren intensiver Suche gelungen ist, Ende Juni in der Nähe der bulgarischen Stadt Tutrakan einen Jungfisch der Art Belugastör zu fangen. Der kleine Belugastör wiegt 46 Gramm und ist gerade mal ein paar Monate alt. Seit 2012 bemüht sich ein WWF-Team in Bulgarien und Rumänien mit einem Schutzprogramm die Störe zu retten. Sie konzentrieren sich vor allem auf die Kartierung und den Schutz der Laichgebiete. Der kleine Belugastör bekam den Namen „Apostel“, der Überbringer guter Nachrichten, denn er gilt als erster wissenschaftlicher Beweis, dass das Schutzprogramm Resultate zeigt.

Seit vier Jahren ist der Störfang in Bulgarien verboten und in Rumänien sogar schon seit 10 Jahren, aber der große Erfolg bleibt aus. Zu hoch ist die Gewinnspanne des „schwarzen Goldes“ für Fischer und Händler, und die Nachfrage ist nach wie vor enorm. Effektive Strafverfolgung muss keiner von ihnen befürchten, denn der illegale Fang von Stören gilt in Bulgarien nicht als Straftat, sondern nur als Ordnungswidrigkeit und selbst die wird juristisch kaum geahndet.

Die Wilderer fangen die Störe auf äußerst brutale Weise mit dem sogenannten „Karmak“. Ein langes Seil, an dem sich in kurzen Abständen 10 Zentimeter große Widerhaken befinden, wird mit Gewichten am Flussgrund gehalten. In diesen Haken verfangen sich die meterlangen Fische mit ihrem Körper und verenden qualvoll.

Diese handgemachten Fanggeräte kosten über 500 Euro. „Anstelle von Geldstrafen sollte man den Wilderern ihre brutalen Karmaks konfiszieren, das würde sie viel mehr treffen“, fordert Jordan Kutzarov vom WWF im bulgarischen Tutrakan. „Die Wilderer sind das eigentliche Problem“, bestätigt auch der 30 Jahre alte Fischer Andrian aus Tutrakan. Trotz dem allgemeinen Fangverbot und der Lizensierung offizieller Fischer gibt es immer weniger Störe. „Der Schwarzmarktpreis steigt immer weiter und die Wilderer holen Dutzende Störe aus dem Wasser. Wir fangen pro Jahr nur zwei Stück und müssen diese dann laut Gesetz wieder freilassen“, trotzdem würden Fischer wie er immer wieder kritisiert, ärgert sich Andrian, obwohl der kontrollierte Fang genau deshalb eingeführt wurde, um die Störe zu schützen.

Der Fischfang gehört seit jeher zum Leben der Menschen in Tutrakan. Insbesondere in schwierigen Zeiten gilt diese Tradition als Überlebensstrategie. Heute sind 21,4% der 9.000 Einwohner von Tutrakan arbeitslos. Es sind nur 200 professionelle Fischer registriert, aber jeder hier geht am Nachmittag fischen, um frischen Fisch auf dem Tisch zu haben und das Familienbudget aufzubessern. Für den Eigenverbrauch gibt es Karpfen, für den gewinnträchtigen Schwarzmarkt Stör und Kaviar. Aus EU-Fördermitteln werden Programme finanziert, die alternative Erwerbsquellen für die einheimische Bevölkerung erschließen sollen. Über 3,5 Millionen Euro wurden in den letzten zwei Jahren in der Region investiert, um den Tourismussektor zu stärken. „Diese Strukturveränderungen werden allerdings erst in Jahren Erfolge bringen“, befürchtet Juzkan Osman von der Stadtverwaltung in Tutrakan. Derweil bringt Andrian seinem sechsjährigen Sohn Vladimir das Fischen mit dem Netz und der Angel bei, so wie er es auch von seinem Vater gelernt hatte, denn die Zeiten sind schlecht in Bulgarien!

Störe – Schützt den Schatz der Donau! Quelle: WWF Bulgarien

http://youtu.be/zx5xNiBvWMA

http://youtu.be/icernG4cy-4

 

RUMÄNIEN

In den Morgenstunden des 16. Mai begann zu Lande, zu Wasser und mit dem Hubschrauber aus der Luft die Operation gegen die Kaviar-Mafia: über 400 Polizisten waren im Einsatz, um in Bukarest und sechs Landkreisen entlang der Donau ein Netzwerk von Fischwilderern und deren Komplizen in Restaurants und Fischmärkten hochgehen zu lassen. Mit dem Großeinsatz sollte vor Gericht verwendbares Beweismaterial gegen die rumänische Fischereimafia gesichert werden. Sie hatten Erfolg: unter anderem wurden 4.000 kg Störe und 80 kg Kaviar beschlagnahmt. Allein der Marktwert dieses Kaviars macht in Rumänien mindestens 80.000 Euro aus, 1.000 Euro pro Kilo. In westlichen Feinschmeckerläden und -lokalen hingegen zahlt man für ein Kilo bis zu 6.000 Euro.  Ein lohnendes, aber kriminelles Geschäft. Die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher. Die Störe, die „lebenden Fossilien” der Donau, die schon zur Zeit der Dinosaurier in den Urgewässern der Erde schwammen, sind vom Aussterben bedroht.

Rumänien – Beschlagnahmter Stör und Kaviar – Quelle: Polizei Rumänien | www.politiaromana.ro

Weil die offiziell gemeldeten Fangmengen von knapp 700 Tonnen in den Siebzigerjahren auf nur noch 11 Tonnen nach dem Jahr 2000 dramatisch gesunken waren, gelang es dem World Wildlife Fund (WWF) Rumänien und anderen lokalen Artenschützern ab 2006 eine 10-jährige Schonzeit für Donaustöre durchzusetzen. Dass diese nun Ende 2015 ausläuft erfüllt Cristina Munteanu, WWF-Managerin des Projekts „Donaustöre“, mit tiefer Sorge, denn das Hauptanliegen der Rettungsaktion, das Überleben der Störe zu sichern, sei längst noch nicht durchgesetzt.

Von den heute noch in der rumänischen Donau lebenden und bedrohten vier Störarten, erreichen drei eine Länge von zwei bis sechs Metern. Es benötigt einen beträchtlichen Aufwand an Kraft und Geschick diese Riesen aus der Urzeit mit traditionellem Fischereiwerkzeug zu fangen. Die Störfischerei wird vom Vater auf den Sohn vererbt, und ist im Donaudelta von Alters her das Metier der Haholi genannten Angehörigen der ukrainischen Minderheit. Für sie sind der Stör und sein Kaviar die wichtigste Einnahmequelle. Cristina Munteanu bezweifelt allerdings, dass Schonzeiten überhaupt sinnvoll durchgesetzt werden können, solange den traditionellen Störfischern im Donaudelta nicht alternative Erwerbsmöglichkeiten angeboten werden. Doch es geht nicht nur um Jobalternativen, denn die Haholi sind eine fest verwurzelte Kulturgemeinschaft, die mit ihrer Fischerei-Tradition das Leben und Arbeiten im Donaudelta geprägt hat.

Rumänien | Donaudelta - Die Idylle trügt - Umweltaktivist Liviu Mihaiu (Mitte) ist ein streitbarer Mann. Hier nach Überzeugungsarbeit mit den EU-Kommissaren Dacian Ciolos und Janez Ptocnik. Foto: BR | Liviu Mihaiu
Rumänien | Donaudelta – Die Idylle trügt – Umweltaktivist Liviu Mihaiu (Mitte) ist ein streitbarer Mann. Hier nach Überzeugungsarbeit mit den EU-Kommissaren Dacian Ciolos und Janez Ptocnik. Foto: BR | Liviu Mihaiu

Den Stolz dieser Menschen auf ihre Traditionen, gelte es zu respektieren und ihnen reale berufliche Ausgleichsmöglichkeiten zu bieten, die ihr Selbstwertgefühl nicht verletzen, fordert Liviu Mihaiu. Der streitbare Vorsitzende der Organisation „Salvati Delta” macht die rumänischen Behörden für das Scheitern des Projekts und das Aussterben des Donaustörs verantwortlich: „Das weiterhin laufende Geschäft der Stör-Wilderer ist der Ausdruck eines korrupten und inkompetenten Staates, unfähig zu begreifen, dass der Bevölkerung im Donaudelta Kompensationen und Alternativen für den Verzicht auf den Störfang geliefert werden müssen.”  Mit welcher Fahrlässigkeit das Fangverbot auch direkt vor der Nase höchster Regierungsbeamter übertreten wird zeigt ein Bericht des rumänischen Senders Pro TV.

Als im Juni 2013 das „Umwelt Forum” der Donauanrainerstaaten in der rumänischen Hafenstadt Tulcea tagte, gab das Küchenpersonal des Restaurants, wo die Umweltminister tafelten, völlig unbekümmert zu, dass der Stör von der Speisekarte mitsamt seinem Kaviar selbstverständlich von hier, „aus unserer Donau”, und nicht etwa aus einer legal produzierenden Störzucht stammte. Kaviar und Fleisch des frei schwimmenden Störs munden halt einfach besser.

In Anwesenheit der Umweltminister waren kurz vor dem „Kaviarschmaus“ mit großem Medienpomp 1.000 junge Störe zur Bestandsaufstockung ausgesetzt worden. Unrechtsbewusstsein empfindet kaum jemand beim Anblick frischen Wildstörs und -kaviars auf seinem Teller in den Restaurants. Solange die Nachfrage von Einheimischen und Touristen besteht, die Kaviarfischer nicht wissen, womit sie sonst ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen, bleibt das Überleben des Donaustörs gefährdet.

Mitarbeit von Camelia Ivanova und Herbert Gruenwald

Kommentare (1)

Rolf Hackbarth am

sorra, es ist nicht nur bei den Stören so, es betrifft viele Tierarten. Die Menschheit denkt nicht darüber nach, was sie selber anrichtet. Die Natur wird es uns aber zu spüren geben. Theorie ist, wenn einer alles weiß und nichts funktioniert, Praxis ist; wenn alles funktioniert und keiner weiß warum. I agree with you. bin Herpetologe

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