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7. Juli 2014

Budapest Pride 2014: Absperrungen trennen Hass und gute Laune

Nur hinter einer Absperrung und unter Polizeischutz ist die Budapest Pride möglich. Foto: BR | Attila Poth
Hinter Absperrung und unter Polizeischutz ist die Budapest Pride möglich. Foto: BR | Attila Poth

Budapest Pride im Zeichen der Homophobie, Stephan Ozsváth berichtet:

Hier gehts zur Budapest Pride. Foto: BR | Attila Poth
Hier gehts zur Budapest Pride. Foto: BR | Attila Poth

Es ist ein heißer Sommertag: mehr als 30 Grad im Schatten. Trotz Hitze bummeln Touristenscharen durch die Innenstadt von Budapest. Alles scheint wie immer, nur vor dem Parlament steht eine ungewöhnlich große Zahl von Polizisten. Es ist nicht das schöne Wetter, das sie auf die Straße drängt und auch das Parlament bedarf heute keiner besonderen Sicherheitsvorkehrungen. Der Grund ist der Budapest Pride 2014 und vor allem die übliche Gegendemonstration. Denn in Ungarn kann man ein Fest der Offenheit, Vielfalt und Toleranz nicht ohne Gegner feiern.

Schon am Ausgang der Metrostation beobachte ich eine äußerst skurrile Begebenheit: Pride-Organisatoren stehen dort mit Hinweisschildern und leiten Sympathisanten und Teilnehmer durch Absperrungen in eine Richtung, Gegendemonstranten in die andere. Je nach Gesinnung findet man sich in seinem Demonstrationsbereich wieder. Plötzlich entsteht ein wildes Durcheinander, als zehn schwarzgekleidete, glatzköpfige Männer – offensichtlich Gegendemonstranten – versuchen zum offiziellen Demonstrationszug zu gelangen. Einer von ihnen trägt einen auffälligen Hut mit langer Kielfeder. Er ist laut, schreit und flucht. Man spürt den Hass. So viel Energie gegen etwas, was doch eigentlich Niemandem schadet, denke ich traurig. Der Mann mit dem Hut ist der Bürgermeister von Érpatak, einem kleinen Dorf in der nordostungarischen Provinz. Er gehört zur Jobbik, der rechtextremistischen Partei Ungarns. Unterstützt wird sein Ausbruch von 5-6 jungen Männern, die mit ihren schwulenfeindlichen Transparenten, die Ausschließlichkeit der Heterofamilie propagieren. „100 Prozent von Gott genehmigt“, lautet ihre homophobe Parole. So viel Hass, Wut und Aggressivität habe ich selten erlebt. Irgendwie gelingt es Polizei und Organisatoren diesen Tumult aufzulösen und die wütenden Gegendemonstranten in die ihnen zugewiesen Bereiche zu bugsieren, wo sie mit ihren Hassparolen unter sich bleiben.

Die Veranstaltung wird von den Gegendemonstranten aufmerksam beobachtet und sogar gefilmt. Foto: BR | Attila Poth
Die Veranstaltung wird von den Gegendemonstranten aufmerksam beobachtet und sogar gefilmt. Foto: BR | Attila Poth

Hinter der Absperrung empfängt mich eine andere Welt: Musik, gute Laune, es wird viel gelacht. Die Angst, die ich vor der Absperrung spürte, ist verflogen. Ich sehe junge und alte Pärchen, Heteros und Homos zusammen. Familien mit Kinder und Hund, viele halten winzige Pride-Fähnchen in der Hand. Sympathisanten und Teilnehmer verhalten sich sehr zurückhaltend, dezent: ich sehe nur einige halbnackte Männer, oder (nach ungarischen Maßstäben) extrem gekleidete Männer, Frauen und Transvestiten. Was mir auffällt, sind die vielen Kinderwagen und Hunde. Eine echt familiäre Atmosphäre, denke ich. Fast wie in „normalen“ Städten wie Köln, London oder Paris. Nur, dass es dort keine Absperrungen gibt.

Impressionen der Budapest Pride:

Ich stoße auf deutsche Studenten, die bereitwillig vor meiner Kamera posieren und sich freuen, dass die ARD dabei ist. Einheimische drehen mir freundlich aber bestimmt den Rücken zu, sie wollen nicht gefilmt werden. Sie haben Angst, später erkannt zu werden und fürchten sich vor Repressionen.

Ja, leider ist in meinem Ungarn die Gesellschaft lange nicht mehr so tolerant wie noch vor fünf, sechs Jahren. Aber was kann man auch erwarten, wenn der stellvertretende Ministerpräsident in einem Fernsehinterview ganz offen erklärt, dass Homosexualität eine Perversion sei. In so einer gesellschaftlichen Atmosphäre seine Homosexualität offen und frei im Alltag zu leben ist nahezu unmöglich.

Das gilt insbesondere auf dem Land, in der Provinz, in Kleinstädten, wo jeder jeden kennt. Deswegen kommen viele Lesben, Schwulen, Transsexuelle nach Budapest. Sind die Budapester toleranter? Nein. Aber die Großstadt ist anonymer und die Menschen kümmert es weniger, was und wie der Nachbar lebt. Aber Händchen halten in der Öffentlichkeit oder gar ein flüchtiger Kuss unter Männern? So was bitte nur zu Hause – meint die intolerante Mehrheit und hält sich dabei noch für tolerant. Schließlich meinen auch in Ungarn noch einige, dass Kinder homosexuell werden, wenn sie so etwas sehen.

Die Polizei trennt Demonstranten und Gegendemonstranten. Foto: BR | Attila Poth
Die Polizei trennt Demonstranten und Gegendemonstranten. Foto: BR | Attila Poth

Der Aufmarsch durch die Innenstad von Budapest dauert gut zwei Stunden, vom Parlament aus die Andrássy–Straße entlang bis zum Stadtwäldchen. Dort versuchen es die ewig Gestrigen noch einmal: Dutzende schwarz gekleidete Männer drängen über die Absperrung. Nach einigen Minuten hat die Polizei die Situation aber wieder im Griff und verhindert Schlimmeres. Eine Pride ohne solche gewalttätigen Szenen, ohne Absperrungen und ohne Polizei – davon träumen in Ungarn viele. Leider müssen sie noch weiter träumen.

präsentiert von Attila Poth

Impressionen aus Budapest:

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