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30. Juni 2014

Bulgarien: Ansturm auf Banken und politische Dauerkrise

„Massenansturm auf bulgarische Banken“ – Ein Audiobeitrag von Stephan Ozsváth

 

Die EU hat grünes Licht für die Unterstützung bulgarischer Banken gegeben. Das teilte die EU-Kommission heute mit. Auf Bitten Bulgariens werde eine Kreditlinie über 1,7 Milliarden Euro verlängert. Diese Maßnahmen seien angemessen und notwendig, um bulgarische Banken mit genügend Kapital zu versorgen, hieß es aus Brüssel.

In dem Balkanland war es in den vergangenen 10 Tagen zu einem Massenansturm auf die Konten von zwei großen Banken gekommen. Dabei räumten die Kunden ihre Konten leer.

Auch heute bildeten sich wieder Schlangen vor Filialen und Geldautomaten der First Investment Bank, der drittgrößten bulgarischen Bank. Alleine am Freitag hatten die Kunden der Bank umgerechnet 400 Millionen Euro abgehoben. Das Geldinstitut hatte daraufhin seine Filialen am Freitagnachmittag geschlossen. Betroffen von den Kontenräumungen ist auch die Corp-Bank, die viertgrößte Bank Bulgariens. Sie wird jetzt von der Zentralbank kontrolliert. Investoren stießen ihre Bank-Aktien an der Börse ab. Der Aktienindex des Landes stürzte in der vergangenen Woche um 5 Prozent ab. Der Premier Bulgariens, Plamen Orescharski, appellierte an seine Landsleute, Ruhe zu bewahren. „Ich sehe keinen Grund für die Bürger, sich zu sorgen“, sagte der Sozialist, „Wir werden nicht zulassen, dass die Bürger ihr Vertrauen in die eine oder andere Institution verlieren.“

Was aber hat die Bulgaren so verunsichert? Im Internet und via SMS waren anonyme Warnungen vor einem Zusammenbruch des Bankensystems verschickt worden, mit der Aufforderung, Geld abzuheben. Regierung und Notenbank in Sofia gehen von einem kriminellen Angriff aus, fünf Personen wurden festgenommen. Auch Präsident Plewneliew versuchte, die Bulgaren zu beruhigen: „Es gibt keine Bankenkrise“, sagte er, „lediglich eine Vertrauenskrise“. Das Geld der Bulgaren sei sicher, so das bulgarische Staatsoberhaupt.

Bulgariens Staatspräsident Rossen Plewneliew versucht zu beruhigen - Foto:  picture alliance / dpa
Bulgariens Staatspräsident Rossen Plewneliew versucht zu beruhigen – Foto: picture alliance / dpa

Mitte der 90er Jahre waren in Folge einer Hyperinflation mehr als ein Dutzend Geldhäuser in Bulgarien zusammengebrochen. Derzeit seien die Banken in Bulgarien aber stabil und mit ausreichend Kapital ausgestattet, so die Diagnose der EU-Kommission heute. Der bulgarische Wirtschaftsexperte Georgi Ganev gab den pragmatischen Rat. „Wenn man der Panik nachgibt und sein Geld abhebt, wird man mit Sicherheit verlieren. Der einzige Weg, kein Geld zu verlieren, ist, es nicht abzuheben.“

Nicht nur wirtschaftlich geht das ärmste EU-Mitgliedsland derzeit durch schwierige Zeiten. Es gibt auch eine politische Krise: Seit einem Jahr bereits demonstrieren die Bulgaren gegen die Regierung aus Sozialisten und Türkenpartei – und fordern ihren Rücktritt. Sie werfen ihr Korruption und Vetternwirtschaft vor.

Seit 1 Jahr gibt es in Bulgarien Proteste gegen die Regierung - Foto:  picture alliance / dpa (07.07.2013)
Seit 1 Jahr gibt es in Bulgarien Proteste gegen die Regierung – Foto: picture alliance / dpa (07.07.2013)

Der bulgarische Präsident kündigte wegen der anhaltenden politischen Krise an, das Parlament aufzulösen und am 6. August eine Expertenregierung einzusetzen. Sie soll das Balkanland bis zu vorgezogenen Neuwahlen am 5. Oktober führen.

 

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