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28. Juni 2014

100 Jahre Erster Weltkrieg – Eindrücke aus Bosnien zwischen Krieg und Frieden

Die Feierlichkeiten zum Jahrestag des Attentats in Sarajevo, Ralf Borchard zieht Bilanz:

Es ist Sommer in Sarajevo. Einheimische und Touristen bevölkern die Terrassen vor den vielen Kaffeehäusern und Cevapcici-Buden. Amerikanische Backpacker auf Europatour mischen sich im Bazar unter rüstige kulturreisende Rentner aus Bayern und asiatische Reisegruppen. Die Tage sind hell und lang, es ist heiß, das Leben erscheint leicht. Aber wer nach Sarajevo reist oder hier lebt, tut dies immer auch im Bewusstsein des Krieges – vor allem des jüngsten. Viele Häuser sind mit ihren sichtbaren Einschüssen und Granattreffern beklemmende Zeugen und Mahnmale des Jugoslawienkrieges 1991 bis 1995.

An dieser Kreuzung begann der Erste Weltkrieg. Foto: BR
An dieser Kreuzung begann der Erste Weltkrieg. Foto: BR

Und dann ist da diese Straßenecke: Entlang der Häuserfront ist ein riesiges Plakat gespannt, darauf steht: „An dieser Kreuzung begann das 20. Jahrhundert.“ Dazu zwei Portraits. Das eine vom bosnischen Serben Gavrilo Princip. Das andere vom österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand. Und die Jahreszahlen: 1914 bis 1918.

An dieser Kreuzung hat am 28. Juni 1914 der 19Jährige Gavrilo Princip Franz Ferdinand und dessen Ehefrau Sophie erschossen. Prinicp war Mitglied der revolutionären Studentenbewegung „Mlada Bosna“, „Junges Bosnien“. Ihr Ziel war Bosnien-Herzegowina von der österreichisch-ungarischen Besatzung zu befreien. Sowie die Vereinigung der südslawischen Völker.

Das Attentat löste den 1. Weltkrieg aus. Heute vor genau 100 Jahren.

Beitrag: Susanne Glass Kamera: Mladen Pehar, Alex Goldgraber Schnitt Roland Buzzi

http://youtu.be/Z2g0a8VRFAw?hd=1

Und was löst dieses Bewusstsein gerade heute in den Besuchern und Einheimischen aus? Eine ganz besondere Stimmung, die überall in der Stadt zu spüren ist.

Sehr viele sind gekommen, um an den Gedenkfeiern zum Beginn des 1. Weltkrieges teilzunehmen. Höhepunkt ist am Abend das Konzert der Wiener Philharmoniker in der Nationalbibliothek, die gleichzeitig das alte Rathaus Sarajevos ist.

Der Krieg liegt zum Glück hinter uns - Gedenkkonzert in der Nationalbibliothek. Foto: BR
Der Krieg liegt zum Glück hinter uns – Gedenkkonzert in der Nationalbibliothek. Foto: BR

Die letzten Bilder von Franz Ferdinand und Sophie zeigen die beiden beim Besuch eben dieses Prachtbaus. Im Bosnienkrieg gingen dann 1992 Fernsehbilder um die Welt, auf denen die Nationalbibliothek in Flammen stand. Über der ganzen Stadt gingen damals verkohlte Papierreste nieder. Das Gebäude und der gesamte Bücherschatz wurden vernichtet.

Nun ist die Nationalbibliothek also wiederaufgebaut. Die weltberühmten österreichischen Musiker setzen mit ihrem Konzert ein Friedenszeichen in der Sprache der Musik, die doch  „weltweit verständlich sein sollte“ – wie der Vorstand Clemens Hellsberg hofft.

Ralf Borchard hat die renovierte Nationalbibliothek besucht:

Blick auf die ronovierte Nationalbibliothek in Sarajevo. Mit im Bild unser Kameramann Alex Goldgraber. Foto: BR
Blick auf die ronovierte Nationalbibliothek in Sarajevo. Mit im Bild unser Kameramann Alex Goldgraber. Foto: BR

Aber die größten Hoffnungen haben sich bereits zerschlagen. Die Gedenkfeiern finden ohne europäische Politikgrößen wie die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel oder den französischen Präsidenten Francois Hollande statt. Auf deren Kommen hatte man in Sarajevo lange gesetzt. Auch die serbische Regierung bleibt den Feierlichkeiten fern, hält eine eigene Veranstaltung ab.

Bosnische Serben weihen das Gavrilo Princip Denkmal ein und stellen das Attentat auf Franz Ferdinand nach. Foto: BR
Bosnische Serben weihen das Gavrilo Princip Denkmal ein und stellen das Attentat auf Franz Ferdinand nach. Foto: BR

Einen Vorgeschmack darauf, wie diese in etwa ablaufen dürfte, gab es schon gestern im serbischen Teil von Sarajevo. Dort haben bosnische Serben in einem neu angelegten Park eine Statue von Gavrilo Princip eingeweiht und bei einer Performance die Schüsse auf Franz Ferdinand nachgestellt.

Princip, so der Tenor dieser Heldenverehrung, sei ein Kämpfer für die Freiheit der Serben. Laut dem serbischen Mitglied im bosnischen Staatspräsidium, Nebojsa Radmanovic, hat „der Revolutionär Princip uns 100 Jahre inspiriert und wird uns auch in Zukunft inspirieren“.

So bleiben die Eindrücke aus Sarajevo zwiespältig.

Schade, dass es nicht einmal zu diesem Datum gelungen ist, ein gemeinsames Zeichen gegen Krieg und Gewalt in die Welt zu senden. Es bleibt ein Zeichen, dass Frieden fragil ist.

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