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20. Juni 2014

Süd-Ost-Sound aus Ungarn: Das Leben vor uns, den Tod schon überwunden – Stephan Ozsváths Plattenkiste

Mein erstes Rock-Konzert überhaupt habe ich in Túrkeve erlebt, einem Puszta-Kaff im Osten Ungarns. Meine Großeltern und ein Haufen anderer Verwandter lebten dort, man schlachtete Hühner aus dem eigenen Stall, schoss mit Schrotflinten bei Familientreffen die Vögel von den Bäumen, und wartete darauf, dass der erfolgreiche Sohn (nämlich mein Vater) aus dem Westen zu Besuch kam: Mit rotem BMW oder zitronengelbem Audi, einem Kofferraum voller 8×4-Seife, Kugelschreibern und Wrigley´s Spearmint. Der gute Onkel aus dem Westen brachte Geschenke.

Stephan Familie
Meine Familie vor Beginn des Zweiten Weltkrieges. In der Mitte meine Großeltern und der Zweite von rechts ist mein Vater.

Das Konzert fand in einer kleinen Turnhalle statt, am Rande des 10.000- Einwohner-Städtchens, wo Männer meist schon nachmittags blau wie ihre Arbeitskleidung vom klapprigen Fahrrad fielen, nachdem sie tagsüber in der Werkstatt die LKWs der russischen Armee repariert hatten. Die Nüchternen halfen nach Feierabend Freunden und Bekannten beim Hausbau. Der erste Flaum wuchs über meiner Oberlippe, ein gewisses Jucken machte sich in den Lenden bemerkbar und laute Rockmusik versprach Erleichterung: Eine schöne Abwechslung von den Ungarisch-Stunden im örtlichen Puszta-Museum gegenüber dem Kino „Roter Stern“ und den ermüdenden Texten, die von Mähdreschern, Genossen und dem Plattensee handelten. Es war brütend heiß, der Sound in der kleinen Halle war grottenschlecht, aber die Band war cool. „Edda“ – so hießen die Rocker aus der nordungarischen Industriestadt Miskolc. Und sie bescherten mir eine Stunde pures Glück.

http://www.youtube.com/watch?v=jaBVvg2zIF4&app=desktop

Die Band war Kult im Dorf, in ganz Ungarn, obwohl die Kulturoberen die Lieder von Edda nicht goutierten – oder gerade deshalb. „Ich verlasse die Stadt“ lief auf dem armee-grünen Kassettenrecorder meiner Dorf-Kumpels – wir saßen im Sommer im Straßengraben, um uns Mücken und Mädchen.

So sah er aus: der Retro Kassettenrecorder. Fotoquelle: retrokorszak.blogspot.com

Und wir sangen mit: „Ich verlasse die Stadt“ .Gelegentlich wagte ich die Melange mit meinen West-Kassetten, amagalmierte Aerosmith mit Edda. Und es harmonierte gut. Aber was den Ami-Rockern komplett abging – das war das Schwermütige, das Östliche, das Tiefe, das Melancholische der Ungarn.

Das Vertraute hinter sich lassen. Typisch Pubertät. Aber auch ein Thema der Ungarn. Mein Vater hat seine Heimat 1956 verlassen, enttäuscht. Der Aufstand war für ihn gewesen, „als ob die Sonne aufgeht“. Er hatte in Budapest demonstriert, hatte erlebt, wie die ungarischen Geheimdienstler vor dem ungarischen Radio die Türen der Krankenwagen öffneten und ihre „Gitarren“ (so nannten die Aufständischen die Kalaschnikows) in die Menge hielten. Er hatte als junger Medizinstudent 14-jährige Aufständische sterben sehen, in die Augen verletzter russischer Soldaten geblickt, die voller Todesangst die Ungarn musterten, die ihre Wunden versorgten.

Heute gehen die Ungarn wieder weg. Viktor Orbán hat sie vertrieben, die Trostlosigkeit ungarischer Provinzstädte, der nationalistische, erz-konservative Mief, die wirtschaftliche Aussichtslosigkeit. Eine halbe Million Ungarn sind schon weg. Doppelt so viele wie nach dem Aufstand 1956 vor den Russen abgehauen sind, flüchten heute nach London, Berlin oder Wien.

Geblieben sind die alten Rocker. „Edda“ tourt immer noch durch Ungarn – die Musiker sind mit mir gealtert. Ein bisschen schwerhörig vermutlich, ein paar Kilo mehr auf den Rippen als vor 35 Jahren, weniger Haare auf dem Kopf, dafür mehr woanders – eine Art Evolution im Rückwärtsgang. Die Band Skorpió, die ungarischen Möchtegern-Led-Zeppelin, habe ich als 14-Jähriger am Balaton gehört , gesehen und gespürt, oh ja – ohne das Eintrittsgeld in Forint zu bezahlen. Meine Eintrittskarte war ein roter Abdruck auf dem Rücken. Ein ungarischer Zivil-Polizist hatte mir seinen stählernen Teleskop-Knüppel ins Kreuz gehauen, ich konnte ihm aber entwischen. Meinen Kumpel Tibor rettete die Band. „Der gehört zu uns“, sagten sie dem Polizisten, als Tibor unter der Bühne im Backstage-Bereich hervor gekrochen kam. Eine Ahnung vom kleinen Aufbegehren im großen Ost-Block.

To Beat or not to Beat

Durch Höhen und Tiefen ist P.Mobil gegangen. Die Band machte sich über die sozialistischen Slogans lustig und propagierte die „unverbrüchliche Freundschaft zwischen Publikum und Band“. Und Bandleader Loránt Schuster pries seine Gruppe als „Lieblingskapelle der ungarischen Arbeiter, Bauern und der Intelligentsia“. Kein Wunder, dass P.Mobil – das Perpetuum mobile der ungarischen Rockmusik – sich zwar drehte, aber nicht in offiziellen Bahnen: Das ungarische Radio, die Chanson-Kommission und das Ungarische-Tonaufnahmen-Kombinat boykottierten die Lieder von P.Mobil. Heute spielt die Band auf Veranstaltungen der rechtsextremen Jobbik und besingt die rot-weiß-grüne Fahne, während Spaßvögel der Linken ironisch dem „weisen Führer Viktor Orbán“ huldigen. Früher waren P.Mobil für mich einfach nur Rebellen: die ungarische, die Ost-Ausgabe von „Black Sabbath“, mit schwerem, verzweifelten Hard-Rock.

http://www.youtube.com/watch?v=BjMRa5QQGus&app=desktop

Die Arbeiterzigarette. Fotoquelle: dohanymuzeum.hu

„Die letzte Zigarette“ kündete von endgültigem Abschied. P.Mobil lieferten damit den Soundtrack zu den Arbeiter-Zigaretten der Marke „Fecske“ (Schwalbe), mit denen wir Jungs damals unsere Lungen entjungferten. 4 Forint 40 für zwanzig Stück, die wir im Schatten der Akazien-Bäume teilten.

Mein zweit-coolstes Accessoire aber war für mich West-Geborenen der Gürtel der ungarischen Jung-Pioniere, mit der programmatischen Aufschrift: „Vorwärts“.

Und so saßen wir auf dem Marktplatz dieses kleinen Puszta-Kaffs, ließen die Beine von den steinernen Verkaufstischen baumeln, ließen die Zeit vorbeifließen wie zähen Sirup, quatschten über Mädchen – und fühlten uns riesig groß. „Und wenn Du sagst: Fang ein neues Leben an. Die Antwort ist nur: Zwei geht nicht“, heißt es im Refrain der „letzten Zigarette“. Es ist die Hymne der letzten, der einzigen Chance. Der Gelegenheit, die nie wieder kehrt. Ein Song wie das Leben.

Spätzünder

„Vorwärts“ stand auf meinem coolsten Accessoire, der Gürtelschnalle der Jungpioniere. Fotoquelle: antikregiseg.hu

Das passte irgendwie zu Ungarn, die Leute wollten nach vorn, es lag was in der Luft, aber waren fast zu spät dran. Was ich im Westen schon längst im Radio gehört hatte, kam mit fünf, sechs Jahren Verspätung auch bei den Magyaren an. Und immer klang es wie….in den Arrangements, dem Stil, da war eine Prise Led Zeppelin, ein Schuss Black Sabbath – der ewige Vergleich, der Wettkampf der politischen Systeme fand auch in der Musik statt.

Die ungarischen Bands waren analoger, mittiger, melancholischer. Da war immer diese Hammond-Orgel, die die ungarischen Rocker aus den Deep Purple-Untiefen und Doors-Drogentrips gehoben und in die ungarische Tiefebene verpflanzt hatten. Das ist, als ob eine Zeitmaschine stehen geblieben wäre: Verdammt in aller Ewigkeit. Das Substrat ist die Melancholie, die Haupt-Essenz des Romantikers. Und das sind die Ungarn. Sie sehen sich als Freiheitskämpfer, die aber immer an fremden, an größeren Mächten scheitern. So sind romantische Helden, sie inszenieren das Scheitern mit großer Pose – und das Tragische ist: Sie träumen die Zukunft in der Vergangenheit, als ob es da übersichtlicher gewesen wäre.

Aus den Tiefen der jüngeren Vergangenheit ist die Glamour-Rockband „Omega“ auferstanden – gemeinsam mit den Scorpions haben sie jetzt auf dem Budapester Heldenplatz gerockt, bezahlt von der Regierung.Per Video-Leinwand wurde auch eine Rede gezeigt, die Viktor Orbán 1989 an gleicher Stelle gehalten hat: Mit langen Haaren und Schnurrbart und in verschwurbeltem Ungarisch forderte er damals den Abzug der Russen aus Ungarn. Seinerzeit eine Heldentat. 25 Jahre später wird sein mediales Abbild ausgebuht, auch neulich schon in einem ungarischen Fußball-Stadion – Wahlsieg hin oder her. Es kann also schief gehen, wenn man sich propaganda-mäßig an den Kometenschweif einer Stadion-Rock-Band hängen will. Wind of change – damit kann jetzt auch der gemeint sein, der die Seiten gewechselt hat und die Welt nun als ungarischer Ministerpräsident betrachtet.

Hello Gagarin

Am 12. August 1961 – gut vier Jahre vor meiner Geburt – besuchte der russische Kosmonaut Jurij Gagarin („die Propaganda-Waffe auf zwei Beinen“ ) die südungarische Bergbau-Stadt Pécs. Er wurde damals im Restaurant „Olympia“ bewirtet – das war abseits des Zentrums, in der ehemaligen „Stalinstadt“, dem Stadtteil der Kumpel.

Fast 50 Jahre später steige ich mit einem Mikrophon und meinem Aufnahmegerät in den Keller des ehemaligen Restaurants, das der Liedermacher Tamás Cséh als den zentralen Anlauf-Punkt zum Anbaggern von Mädchen in einem Lied verewigt hatte. Das legendäre „Olympia“ ist einer faden Kneipe und einem Fitness-Studio gewichen. Heimische Bands proben in den Katakomben des ehemaligen „Olympia“ – auch 30 Y, die nach einer Nachtbus-Linie in Szombathely benannt sind, wo die Beck-Brüder (Gesang, Schlagzeug) einmal gelebt haben.

http://www.youtube.com/watch?v=CJ_lQUpqoKU&app=desktop

Auf dem 30 Y-Video zum Song „Városember“ (Stadtmensch) sind auch ein paar Hochhäuser der ehemaligen „Stalinstadt“ zu sehen, heute heißt der Pécser Stadtteil „Uranstadt“ – das ist politisch weniger verfänglich und ist auch nicht falsch, schließlich wurde in Pécs früher Uran abgebaut. Anlässlich des Kulturhauptstadt-Jahres 2010 wurden die Hochhäuser mit Bonbon-Farben aufgehübscht. Aus der etwas schmuddeligen Zechen-Siedlung ist eine aufgebrezelte Tussi geworden, mit dem etwas Zuviel an Schminke.

30 Y-Sänger Zoltán Beck ist da ganz anders, er ist eine Mischung aus James Dean und Kurt Cobain. Auch er verkörpert dieses Rebellische und zugleich Melancholische. Und er schreibt wunderbar poetische Lieder, über den eigenen Grab-Kranz, der zu breit für den Bürgersteig ist, über die mit Folklore-Blumen bestickten Kissen, die auf den Auszieh-Betten des Sozialismus lagen, darüber, die Bude der Alten anzuzünden oder endlich einmal aus dem Rahmen zu fallen und mit einer Frau ins Bett zu gehen, deren Namen man schon am nächsten Morgen vergessen hat. Wütende Zeilen, eingebettet in schöne Hook-Lines, Melodien zum Mitsummen, und krachende Gitarren, intelligent dosiert. Die Band nimmt die Pose des Grunge ein – herübergeschwappt aus Seattle nach Ungarn. Kurz bevor Pécs 2010 Kulturhauptstadt Europas wurde, haben wir im Proberaum der Band unter dem ehemaligen „Olympia“ einen dieser ziemlich guten Abende verbracht, benebelt vom Wein eines befreundeten Balaton-Winzers, elaborierter Rock-Musik und Lebensweisheiten, die schwer wie die süßlichen Rauchschwaden in Kiffer-Höhlen in der Luft hingen: „Niemand fährt den Bus“, heißt es auf der 30Y-Website, „jeder glaubt, das Leben ist vorne und der Tod hinten“.

http://www.youtube.com/watch?v=jlM6CWWwGpI

Der Besuch des russischen Kosmonauten Gagarin 1961 gehört in Ungarn zum Allgemeingut. Das Budapester „Pannonian Allstars Ska Orchestra“ lässt ihn nach der politischen Wende noch einmal lässig aus der Sojus-Kapsel auf die Welt da unten spucken. Ein Gruß aus der Vergangenheit. Er winkt aus dem Museum des Sozialismus. „ Hello Gagarin!“ winken die Ungarn augenzwinkernd zurück. Tschüß Ostblock ! Willkommen Welt !

http://www.youtube.com/watch?v=Sez_j1rky_4&app=desktop

„Ich rolle es ein“ bedeutet Beshodrom auf Ungarisch – und jeder weiß, was damit gemeint ist, Schnapsflaschen passen ja nicht ins Zigarettenpapier. In der Sprache der ungarischen Roma-Pferdehändler, der Lovara, heißt die Budapester Brass-Band etwa „auf der Straße galoppieren“. Und so sind Beshodrom. Die Musiker werden zu Tataren, wir zu den entführten Mädchen, die sie quer über den Sattel legen. Und gemeinsam donnern wir einmal über die Puszta, den Balkan, durch siebenbürgische Täler, jüdische Schtetl und wieder zurück. Schweißtreibend, herzzerreißend, balkanisch, roh und zugleich virtuos sind sie. Besh O Drom strotzen vor Witz und Spielfreude – sie sind das Gegenstück zum humorlosen Speckbraten-Ungarn vor rot-weiß-grüner Trikolore, die erfrischende Alternative zum Großungarn-Rock, mit dem Bands wie Kárpátia heute Hallen füllen und den Soundtrack zum politischen Rechtsruck im Land liefern.

Karpatia bei einem ihrer Auftritte.

Besh O Drom dagegen sind bunt und multikulti, sie stehen für ein Ungarn, das modern ist und die Musik-Traditionen aus der ganzen Balkan-Region wie ein großer Staubsauger aufnimmt. Besh o Drom repräsentieren den lustigen Teil des Lebens vor dem unweigerlichen Ende. Ein lautes JETZT ERST RECHT mit 200 Beats pro Minute !!!! Sie lassen uns die Illusion, dass das Leben vor uns liegt – und wir den Tod schon längst überwunden haben.

Kommentare (1)

F. M. am

Immerhin war Ungarn das liberalste Land in den letzten mindestens 20 Jahren des Realsozialismus. Orban und Putin wurden dagegen mehrheitlich gewählt. Warum klappt die Demokratie nicht?

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