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3. Juni 2014

Balkan im Fußballfieber: Panini-Sammelbilder in Mazedonien, Kroatien und Bosnien

Zwar spielen nur die Nationalmannschaften von Kroatien und Bosnien-Herzegowina in Brasilien mit eigenen Teams bei der Fußball-WM, doch viele der Balkanländer fiebern mit. Und je jünger die Fans desto höher die Temperaturkurve. Die Panini- Sammelleidenschaft hat pünktlich zur Fußball-WM wieder den Balkan gepackt. Wir blicken nach Kroatien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina. 

Panini-Fußball-Virus befällt  Kroatien  

An kroatischen Schulen ist schon seit Wochen an geregelten Unterricht kaum noch zu denken. Von der ersten bis zur achten Klasse haben die Schüler nur noch eines im Kopf: Fußball. Nicht etwa, weil es die kroatische Nationalmannschaft nach Brasilien geschafft hat. Nein, die Kinder sind von einem eigenartigen Virus befallen, seit die ersten Panini-Bildchen an den Kiosken erschienen sind – dem „Tapkati“-Virus.

Kroatische Schulkinder beim “Tapkati”

Er grassiert überall: auf Schulbänken, Schulhöfen, Bürgersteigen, Mauern, Bushaltestellen. Wo eine gerade, ebene Fläche zu finden ist, sieht man kleine Grüppchen – mindestens zwei Spieler – zusammenhocken, die mit der flachen Hand auf die Panini-Bildchen schlagen. Ist es ein Tisch knallt es laut, auf dem Bürgersteig dumpf, und auf einem Rasen ist es kaum zu hören.

Das alles ist ein Spiel, genannt „Tapkati“. Jeder Spieler setzt eine Panini Karte, dann schlägt man abwechselnd mit der flachen Hand auf die Bildchen. Wem es gelingt, mit dem Schlag beide Karten auf die Rückseite zu wenden, der hat gewonnen und die Karten gehören ihm. Begleitet wird das Spiel von endlos vielen, ständig variierenden Regeln, die kaum noch jemand überblickt: Treppchen, Salate, Haufen, drittes Glück, Doppel, 2. Hand,… Es gilt immer die Regel, die einer zuerst ausspricht und mit einem Ausspucken besiegelt.  Das ist  ein heiliges Ritual. Aufheben kann der andere diese Regel nur, wenn er die Spucke aufleckt. Ekelig, aber dieses Ritual gibt es schon seit Jahrzehnten. Genauer gesagt seit der WM 1970, als die ersten Panini Sammelbilder aus Italien auftauchten und der „Tapkati“ Virus in Kroatien entstand.

Damals wie heute versuchen Schulen dagegen anzukämpfen. Sie drohen mit Abmahnungen, warnen mit hygienischen Argumenten und vor schmutzigen Händen, die Gelbsucht verursachen oder drohen den Kindern, dass sie als illegale Zocker irgendwann im Knast landen werden. Aber alles ohne Erfolg. Der Virus wird von allein wieder verschwinden, ziemlich sicher am 13. Juli – dem Tag des WM-Endspiels.  Aber genauso sicher wird er in vier Jahren wieder die Schulen infizieren – einen Impfstoff gibt es nicht.

Alt gegen Jung:  Bilder-Tauschbörse in Mazedonien

Hunderte Menschen jeden Alters stehen oder hocken in kleinen und größeren Gruppen beisammen, die Köpfe gesenkt schauen sie gebannt auf die Hände ihres Nebenmannes und murmeln 8, 24, 55, 145… Dieses merkwürdig anmutende Gruppen-Ritual wiederholt sich jedes Wochenende im Stadtpark von Skopje. Es sind weder Drogendealer, Zocker noch Waffenschieber oder Anhänger einer geheimen Sekte, sondern sammelwütige Panini-Liebhaber. Überall Kinder, junge Paare, Mütter, Väter, aber bestimmt wird die Szene von den Großvätern. Sie sammeln und tauschen für ihre Enkelkinder. „Und, wie läuft es heute“, frage ich einen älteren Herrn mit Hut. „Noch drei Bildchen und das zweite Album ist voll“, antwortet er stolz. „Aber das ist doch sicherlich kein billiges Vergnügen“, will ich wissen. “ Natürlich nicht. Da muss der Großvater schon die halbe Rente hergeben, damit der Enkel glücklich ist“, erwidert er glücklich.

Mathematisch gesehen hat ein Album 639 Bildchen, was rund 50 Euro ausmacht, wenn da nicht ständig die gleichen Bilder im gekauften Päckchen wären – weshalb so mancher Großvater mehr als 100 Euro auf den Tisch legen muss.

Auf einer Parkbank durchwühlen zwei Väter einen riesigen Kartenhaufen auf der hoffnungslosen Suche nach Messi und Ronaldo,  die findet man am seltensten. Auch sie haben einst in ihrer Jugend Panini-Bildchen gesammelt, aber damals war es Maradona, der kaum zu ergattern war.  Im Stadtpark von Skopje verbindet Fußball wirklich Generationen – ohne dass auch nur ein einziger Ball über den Rasen rollt!  

Fußball und Panini: Sarajevo im Fußballfieber

Auch in Bosnien-Herzegowina spielen sich jedes Wochenende bewegende Szenen ab. Panini-Fans treffen sich zum Fußballspielen und zum Fußball-Bilder tauschen. Was davon wichtiger ist, hängt von der Sichtweise und dem Alter ab.

Ein Beitrag von Anna Tillack, Schnitt: Roland Buzzi

http://youtu.be/K2ne8TCPAmg

Mitarbeit: Gordan Godec,  Lyubisha Nikolovski

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