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25. Mai 2014

Mazedonien in der EU-Warteschleife

(Präsentiert von unserem Mitarbeiter Sasko Golov aus Mazedonien)

Mazedonier gelten als sehr gastfreundliche Menschen, selbst wenn sie  in großer Armut leben. Besonders in den Dörfern wird man nach altem Brauch mit Salz und Brot empfangen. Doch ihre liebenswürdige Art hat sie Europa keinen Schritt näher gebracht.

Seit neun Jahren hat Mazedonien den Status eines EU-Beitrittskandidaten. Und seitdem verhindert Griechenland jegliche weitere Annährung,  weil die Regierung in Athen den Namen „Mazedonien“ für sich beansprucht. Denn es gibt eine gleichnamige griechische Provinz.  Der Streit dreht sich auch um die Deutungshoheit über die Vergangenheit: Wem gehört Alexander der Große ? Wem sein Vater Philipp ?

Da Mazedonien nicht in die EU kann, kommt die EU nach Mazedonien. Seit vier Jahren schon tingelt ein blauer EU-Bus durch die Dörfer und symbolisiert hoffnungsvoll, wohin der zukünftige Weg dieses Landes führen soll. Statt Wahlzetteln für die Teilnahme an der EU-Wahl – wie in den EU-Mitgliedstaaten – ist nur der blaue Bus in das kleine mazedonische Dorf Josifov nahe der griechischen Grenze gekommen.

„Wann kommen wir nach Europa?“, fragen die Männer des Dorfes ungeduldig. Sie sind enttäuscht, dass die Beitrittsverhandlungen nicht beginnen, obwohl Mazedonien bereits seit Jahren den Kandidatenstatus hat. Zwar verzichten die EU Repräsentanten bei ihrem Besuch bewusst auf Krawatte und Business-Kostüm, doch die Gegensätze sind offensichtlich und nähren die vorherrschende Meinung unter der „einfachen“ Menschen in Mazedonien, dass sich mit dem Beitritt in die EU  der Lebensstandard sofort verbessern würde.

„Die EU bemüht sich, die Unterschiede zu verkleinern“, erklärt Ingrid Sager von der EU-Vertretung in Mazedonien, „aber es wird keine einheitliche Union mit gleichen Wirtschaftsstandards geben“, dämpft sie die Erwartungen. Doch je weiter die EU-Mitgliedschaft Mazedoniens in die Ferne rückt, desto mehr nimmt die Begeisterung für die EU ab. Zu nehmen stattdessen ethnische Konflikte, Korruption und der Rückzug auf das Nationale.

Für alle Fälle haben die Kinder aus der Dorfschule Josifov schon mal ordentlich „Europa“ gepaukt. Beim „EU-Quiz“ glänzen sie mit ihrem Wissen über die EU und beeindrucken damit die Gäste aus dem blauen Bus. Vielleicht sind sie die neuen EU-Bürger – wenn sie groß sind.

Kommentare (2)

Vardarovic am

Vor wenigen Tagen wurden hier die FYROM-Albaner als Albaner bezeichnet, und die Slawen als Mazedonier. In FYROM leben Albaner (ca. 33%), Südslawen (ca. 33%), Roma (ca. 12%), Bulgaren (ca. 6%), Makedonen (also Griechen, ca. 10%), und weitere Minderheiten. Es wäre schön, wenn die Journalisten ihrer Arbeit ordentlich nachkämen.

Karsten Bracker am

Leider verkommt das Land immer mehr zur Halbdiktatur mit wahnwitzigen Bauprojekten oder einem „Museum des Mazedonischen Freiheitskampfes“ – ob die Bürger bzw. der EU-Einfluß das verhältnismäßig schnell wieder geradebiegen können, wage ich zu bezweifeln…

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