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19. Mai 2014

Balkan-Flut: Wasser, Minen, Hilfsbereitschaft

Chaos, Verzweiflung und Minengefahr – Hochwasser in Bosnien und Serbien.

Ein Audiobeitrag von Ralf Borchard.

Maglaj – eine 25.000-Einwohner Stadt in Nordbosnien. Wer hier geblieben ist, versucht zu retten was zu retten ist. Seit der Fluss Bosna fast alles überschwemmt hat, herrschen Chaos und Verzweiflung. „Alles stand unter Wasser“, sagt Enisa Dzanic,“meine Wohnung, mein kleiner Laden hier, das Auto… Alles.“ Vor 20 Jahren ist die Frau als Kriegs-Flüchtling aus Doboj nach Maglaj gekommen. Alles hatte sie damals verloren. „Und jetzt wieder. Was soll ich tun?“, fragt sie verzweifelt.


So wie Enisa Dzanic sind eine Million Menschen in Bosnien von dem Hochwasser betroffen, mehr als ein Viertel der Einwohner des Landes. Zwar fließt das Wasser in vielen Gebieten Bosniens und Serbiens langsam ab – doch es lauern weiter große Gefahren: Erdrutsche drohen ganze Dörfer unter sich zu begraben. Und im Boden schlummern noch Landminen aus dem Bürgerkrieg der 1990er Jahre. Auch in Maglaj haben Anwohner im Schlamm ihrer verwüsteten Grundstücke schon vereinzelt angeschwemmte Sprengsätze gefunden.

In ganz Bosnien werden noch etwa 120.000 Minen vermutet. Vor dem aktuellen Hochwasser waren die noch nicht geräumten Gebiete meist gut sichtbar gekennzeichnet. Doch nun könnten die gefährlichen Sprengkörper nicht nur in Bosnien an anderer Stelle wieder auftauchen. Experten befürchten, dass das Hochwasser die Sprengsätze sogar bis in die Nachbarländer, möglicherweise über Save und Donau bis ins Schwarze Meer schwemmen könnte.
In Serbien ist die 75.000-Einwohner Stadt Obrenovac südlich von Belgrad mit am stärksten vom Hochwasser betroffen, allein hier wurden bisher zwölf Tote geborgen. Die Wassermassen bedrohen auch die Energieversorgung – zwei große Kraftwerke sind durch das Hochwasser gefährdet. Über ihren Twitteraccount verbreitet die serbische Polizei dieses Foto des überschwemmten Kraftwerks Obrenovac. Insgesamt rechnen die Behörden in den beiden Ländern mit mehr als 40 Toten durch das Hochwasser und warnen vor Seuchen.
Für die Flutopfer spendeten die Menschen alleine im Nachbarland Mazedonien nach Angaben des Roten Kreuzes tonnenweise Lebensmittel, Wasser, Kleidung und mehrere Zehntausend Euro.

In Pressekommentaren in Kroatien und Slowenien wird die große Hilfsbereitschaft in ehemals verfeindeten Ländern gelobt. In einem Kommentar heißt es sogar: „Die Flut hätte uns mal lieber schon 1990 treffen sollen“.

 

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