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16. Mai 2014

„Jugo 45“ – Der Kultwagen nicht nur einer Nation

(vorgestellt von Dejan Stefanovic, Eldina Jasarevic, Stjepan Milcic und Gordan Godec)

Der JUGO heißt nicht nur so, er ist auch ganz Jugoslawien. Dieser Wagen ist die Verkörperung aller Gegensätze, Träume, Hoffnungen, Experimente, Enttäuschungen, Schicksale dieses ehemaligen Staates und seiner Menschen – bis heute! Diese einzige komplette Pkw-Eigenproduktion Jugoslawiens lief 1981 voller Stolz vom Fließband des Autoherstellers Zastava in Kragujevac (Serbien) vom Band. Er war der Volks-Wagen Jugoslawiens und rund 800.000 JUGOS erblickten den Asphalt (und Schotter) des Landes.

Der YUGO auf Eroberungszug in den USA.

Jugoslawien, dem Gründer der Bewegung der Blockfreien Staaten, waren imperialistische Gelüste fremd, doch 1985 begann eine der spektakulärsten Offensiven der Automobil-Geschichte. Am Anfang stand die Namensänderung vom „JUGO“ zum „YUGO“. Das Amerika-Abenteuer begann mit Hilfe des umstrittenen US-Geschäftsmannes Malcolm Bricklin, der glaubte, eine Lücke auf dem Markt für günstige Autos entdeckt zu haben. Jugoslawiens kommunistische Führung stieg darauf ein. Zum Preis von unglaublichen 3.990 Dollar, mehr als um die  Hälfte billiger als damalige Kleinautos im Durchschnitt, wurde der YUGO mit Hilfe exzessiver Werbung ein gigantischer Verkaufshit. Vom Startschuss im Sommer 1985 bis zum Herbst desselben Jahres wurden alle importierten Yugos verkauft. Eine Erfolgsgeschichte, erinnert sich unser Belgrader Mitarbeiter Dejan Stefanovic, denn viele Amerikaner kauften den Wagen, ohne ihn gesehen zu haben.

https://www.youtube.com/watch?v=-MknuRE2Bcg

Auch die US Regierung betrachtete das Geschäft wegen eigener Interessen mit Wohlwollen, denn die Wirtschaft des kommunistischen, aber blockfreien Landes, das die USA seit Jahrzehnten finanziell und wirtschaftlich unterstützten, befand sich in der Wirtschaftskrise und ein Ende des Kalten Krieges war noch nicht in Sicht.
Die Begeisterung der Amerikaner währte allerdings nicht lange. Die Qualität, das Aussehen sowie die Fahreigenschaften wurden immer mehr zum Gegenstand scharfer Kritik in der Öffentlichkeit, auch in der Fachpresse und in Verbraucherzeitschriften hieß es: Daumen runter für den YUGO. Bereits 1986 wurde er als das schlechteste Auto überhaupt verhöhnt. Immerhin wurde der YUGO dadurch zum Anti-Helden in Hollywood: in „Stirb langsam 3“ starten Samuel L. Jackson und Bruce Willis eine hoffnungslose Verfolgungsjagd im Yugo, während Bette Midler in der Komödie „Der Fall Mona“ im Yugo ertrinkt. Der YUGO war zum Kult-Objekt geworden.

http://www.youtube.com/watch?v=Je9NAHbq6dA

Alle späteren Modifikationen und Weiterentwicklungen waren umsonst, der Verkauf wurde immer schlechter. Beim Kauf eines Mittelklasse-Cadillacs gaben Autohändler den YUGO sogar mittlerweile gratis dazu. Insgesamt verkaufte das Zastava-Werk im serbischen Kragujevac gut 147.000 Yugos auf dem US-Markt. Das definitive Aus für das Projekt „YUGO Amerika“ kam mit dem Zerfall Jugoslawiens Anfang der 1990-er Jahre. Das „Geschäft des Jahrhunderts“, wie es damals in Jugoslawien genannt wurde, war am Ende. Viele Zulieferer aus allen Teilen Jugoslawiens, das mit dem Krieg auseinander brach, konnten keine Teile mehr liefern, das Werk in Kragujevac keine YUGOS mehr fertigen. Im Zuge der Nato-Bombardements 1999 wurden auch die Zastava-Fabrikhallen, in denen der YUGO produziert wurde, zerbombt. Warum aber die Zastava Rüstungsproduktion verschont blieb – das ist eine offene Frage.

Das Ende Jugoslawiens war auch das Ende des JUGO

Auch wenn die Produktion des Jugo nach dem Bürgerkrieg im serbischen Kragujevac wieder aufgenommen wurde – es war nur ein letztes Aufbäumen. Der JUGO starb mit dem Vielvölker-Staat Jugoslawien.

Zerstörter Yugo im Krieg. Fotoquelle: imcdb.org

Geblieben ist das Lebensgefühl einer ganzen Generation, die in den 80er Jahren mit dem JUGO groß geworden ist – er war eben mehr als Blech, Plastik und Lack. Bis heute ist der JUGO ein Kultobjekt geblieben.

Der Jugo als Rennwagen. Fotoquelle: facebook.com

„Ich war Anfang der 90-er Jahre etwa 25 Jahre alt“, erinnert sich Eldina Jasarevic, ARD-Mitarbeiterin in Sarajevo , „hatte das Studium gerade abgeschlossen und das ganze Leben lag vor mir!“ Von zwei Dingen habe sie damals geträumt: „Von einer festen Arbeit und einem JUGO!“ Den festen  Arbeitsplatz bekam sie beim Automobilwerk TAS in Sarajevo – genau zwei Monate vor dem Kriegsausbruch in Bosnien. Die Fabrik stand plötzlich mitten an der Frontlinie – zuerst wurde sie geplündert, dann zerbombt. „Mein erster Traum platzte im Granatenhagel, der über die Stadt niederging“, sagt Eldina. Und schon bald auch der zweite Traum: „Das Geld, das ich für ‚meinen‘ JUGO gespart hatte, mussten wir schon in den ersten Monaten der Belagerung Sarajevos für teure Nahrungsmittel ausgeben, um das Überleben meiner Familie zu sichern. „ Heute gehe es ihr gut, meint Eldina, auch ihrer Familie. Was bleibt, ist die Erinnerung. Nicht nur an den Krieg selbst, sondern an das, was er zerstört hat. „Wenn ich den Song „Jugo 45“ von der Sarajevoer  Rock-Gruppe „Zabranjeno pušenje“ (Rauchen verboten) höre“, sagt Eldina, „ ergreift mich eine tiefe Melancholie. Denn nichts beschreibt so wahrhaftig meine schöne und unbekümmerte  Jugend im damaligen Sarajevo und in Jugoslawien vor dem Zerfall wie eben dieser Song JUGO 45.“

http://www.youtube.com/watch?v=0IofpvkGJPM

TEXT – ÜBERSETZUNG
Die Wunder dieser Welt seien die Pyramiden Afrikas
die Wunder dieser Welt seien die großen Flüsse Indiens
aber keines dieser Wunder war zu vergleichen mit dem
als mein Alter den Jugo 45 in unserem Hof geparkt hat

Es versammelte sich die ganze Nachbarschaft
und die halbe Verwandtschaft dazu
Die andere Hälfte konnte nicht kommen
ihr Neid ließ es nicht zu
Die Alte servierte Schinken und Kuchen.
Der Alte ging in den Laden,
um holte noch mehr zum Trinken her

Refrain:
Es waren schöne Zeiten.
Alles auf Pump und für das Volk
Das Auto tanken und ab nach Trieste,
um Jeans zu kaufen.
Es waren schöne Zeiten.
mal ein Ausflug, und dann ans Meer
Das Haus voller Lachen und im Hof der Jugo 45

Den Jugo fuhr Nachbar Franjo
um Äpfel  zu verkaufen
Auch Nachbar Momo fuhr mit ihm seine Frau zur Geburt
Mein Onkel Mirso nahm ihn
wenn er andere Frauen aufreißen ging.
Und manchmal fuhr ich ihn auch
wenn es mir gelang,
den Autoschlüssel zu klauen.

Refrain:
Es waren schöne Zeiten.
Alles auf Pump und für das Volk
Das Auto tanken und ab nach Trieste,
um Jeans zu kaufen.
Es waren schöne Zeiten.
mal ein Ausflug, und dann ans Meer
Das Haus voller Lachen und im Hof der Jugo 45

Einen Abend lauschte ich im Hof
Momo, Franjo, mein Onkel Mirso
sprachen leise unter sich
dann gaben sie sich die Hände
und schwörten auf ihre gute Nachbarschaft
dann prosteten sie sich zu
und gingen auseinander
an diesem Abend schien er mir so klein, unser Jugo 45
an diesem Abend schien er mir so klein, unser Jugo 45

Wir flohen eines Morgens, mit nur zwei Plastiktüten in der Hand
erst  durch die Lenin-, dann durch Ljubljana Straße
heute geht es uns viel besser
eine neue Stadt und eine neue Wohnung
unser Alter wurde einflussreich
er wurde Minister in unserem Bezirk

Aber mir kommt immer wieder
das Bild zurück wie ein Flash
vom alten Haus und im Hof der Jugo 45.

Aber mir kommt immer wieder
das Bild zurück wie ein Flash
vom alten Haus und im Hof der Jugo 45.

Kommentare (2)

Alex am

Danke für den lesenswerten Artikel …

Milan am

Ein richtig lustiger und guter Artikel! Ich hoffe, dass ich auch bald einen Yugo45 im Garten stehen habe.

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