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13. Mai 2014

PVC-Jaguar – Budapest als Europas Trabi-Hauptstadt?

(Präsentiert von Attila Poth)

„Papa, warum stinkt er so grausam, und warum ist er so laut?“, fragte ich vom Rücksitz eines blauen Trabant. Das war vor vielen Jahren. Ich war damals gerade in die Schule gekommen.  Der Trabant gehörte Freunden im südungarischen Szeged.  Sie waren stolz auf den Kleinwagen, und sie waren natürlich von meiner Frage nicht begeistert. Hauptsächlich, weil ich Theater gemacht hatte: Ich wollte partout nicht mit dem kleinen blauen Auto fahren.

Trabi - Foto: BR | Attila Poth
Trabi – Foto: BR | Attila Poth

Als Kind konnte ich nicht wissen, dass man jahrelang auf einen Wagen warten musste, und dass es in Ungarn kein echtes Angebot gab. PKWs aus ungarischer Produktion gab es nicht. Die Ungarn waren – im Rahmen der Arbeitsteilung unter den Ostblockländern – zuständig für die Herstellung der stinkenden Ikarus-Busse. Einen eigenen Wagen zu besitzen, galt als Statussymbol. Ich aber war irgendwie enttäuscht von dem Trabi. Denn von außen hatte mir der Wagen sehr gefallen. So hübsch, so rund, so blau.

Jetzt, 32 Jahre später, habe ich mich wieder in einen Trabi hineingesetzt. Es war das erste Mal, dass ich selbst einen PVC-Jaguar fuhr. Einen blauen, natürlich. Aber dazu später mehr.

Ich hatte einen Artikel gelesen, dass Budapest eigentlich Europas Trabi-Hauptstadt ist. Kein Wunder, dachte ich, denn  in Ungarn gab es früher sehr viele DDR-Wagen. Nur: Heutzutage sieht man sie sehr selten.  Wieso ist Budapest also eine Trabi-Hauptstadt ? Die Antwort ist einfach: Autovermietung.  Eine Firma vermietet die Wagen nicht nur,  sie bietet auch Trabant-Rallyes und -Stadtführungen an. Der Trabi dient dem Team-Building, es gibt Trabi-Puzzles und vieles mehr. Ein schneller Anruf, und der Termin ist mit dem Besitzer schon besprochen.

Gespräch mit Tamas Feher, dem Besitzer der Autovermietung "Go – Trabi – Go" - Foto: BR | Attila Poth
Gespräch mit Tamas Feher, dem Besitzer der Autovermietung „Go – Trabi – Go“ – Foto: BR | Attila Poth

Die Firmenzentrale liegt in der Nähe von Budapest, nur wenige Kilometer von der Stadtgrenze entfernt. Ein ordentliches Einfamilienhaus, aber der Hof…Der steht voller farbiger Trabis. 28 Kleinautos vermietet Tamas Feher derzeit. Und es gibt noch mehr als 20 für andere Bedürfnisse.  Der gut gelaunte Besitzer begrüßt  mich, und schon am Tor beginnt er mit den Geschichten. Man merkt sofort, dass er in Trabis verliebt ist, er weiß alles über die PVC-Jaguare. „Natürlich war auch mein erstes Auto ein Trabant“, erzählt Tamas Feher. Das änderte sich mit der Wende. „Alle wollten West-Autos haben“, sagt er, „der Trabi war den Leuten peinlich“. Erst nach 2000 wurde die Marke wieder interessant.

Aus einem Hobby machte er ein Business. Er organisierte Veranstaltungen mit den Trabis. Nur an den Zweitaktern hätten seine Kunden Interesse gehabt, meint Tamas Feher. „Das waren die mit Krückstockschaltung“. Die Viertakter wollte keiner, sagt er. Das Geschäft läuft gut, 80 Prozent der Kunden sind Ausländer: Amerikaner, Schweizer, Koreaner, Italiener, Inder, Brasilianer, zählt der Autovermieter seine Kunden auf. „Es kommen aber auch ehemalige DDR-Bürger“, sagt er, „Opas, die ihren Enkeln einen Trabi zeigen möchten“. Für die Amerikaner sei der Trabi eine echte Herausforderung, lacht er. „Die kennen meist nur Automatik-Autos“. Die bäten oft um einen Fahrer. Für eine Stunde Trabi-Fahren berechnet er 20 Euro.

Wer will, dem zeigt Tamas Feher in einem Schnellkurs, wie man den guten alten PVC-Jaguar fährt, wie die Krückstockschaltung funktioniert, dass man beim Bremsen das Pedal heftig drücken soll. Und das Tanken ist auch gewöhnungsbedürftig – man muss Öl und Benzin selber mischen.

„Die Kunden sind immer begeistert“, schwärmt der Autovermieter, denn „ so ein Erlebnis kriegt man nirgendwo, nur in einem Trabi“.  Dabei brauchen die meisten Mieter nach gut 60 Kilometern eine Pause – oder tauschen den Platz hinter dem Lenkrad. „Wer Komfort beim Fahren gewöhnt ist“, sagt der Trabi-Fan, „ der wird nach 60 Kilometern erschöpft sein“.  Und dann fragt er mich lächelnd: „Wann sind sie das letzte Mal in einem Trabi gefahren?“. Ich erkläre ihm, dass ich noch nie hinter einem Trabi-Lenkrad gesessen habe. „Dann probieren Sie es schnell aus“, ruft er, weist mich auf die Schnelle ein.

Attila Poth mit Tamas Feher (Fahrer) im Trabi unterwegs – Video: Attila Poth
http://youtu.be/zYZpEOvs7v4

Und wie war nun mein erstes Mal? Nun, bequem war es nicht, aber auch nicht unbequem. Ich war begeistert, wie einfach dieses Auto ist, geradezu spartanisch – oder, wenn man so will – funktionell. Kein überflüssiger Schnickschnack. Ein ehrliches Auto. Der Zweitaktmotor girrte so, wie ich es aus Kinderzeiten kannte, die Auspuff-Abgase „dufteten“ wie vor 30 Jahren. Innen war es laut. Die Gangschaltung war zunächst ungewohnt, und dann lief es ganz prima – bis ich im Rückspiegel den LKW sah. Das Monstrum kam immer näher, Schweißperlen traten mir auf die Stirn, ich trat das Gaspedal voll durch. Vergeblich. Die Tacho-Nadel quälte sich gerade mal auf 80 Stundenkilometer hoch.  Ein Kreisverkehr brachte die Rettung: Dort konnte ich meinen Verfolger abschütteln. Er fuhr nach links, ich nach rechts.

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