Archiv
8. Mai 2014

„Das Leben ist stärker als die Politik“ – Freundschaft über ethnische Grenzen hinweg

(Präsentiert von unserem Mitarbeiter Lyubisha Nikolovski in Mazedonien)

Artiana und Magdalena sind beide 18 Jahre alt, gehen im mazedonische Skopje in dieselbe Schule, leben im selben Wohnviertel, hören die selbe Musik – und sind Freundinnen. Nicht weiter verwunderlich, sollte man meinen, aber so eine Freundschaft ist im heutigen Mazedonien eine Seltenheit: Artiana ist nämlich Albanerin und Magdalena ethnische Mazedonierin.

Artiana (li) und Magdalena (re) – Foto: BR | Lyubisha Nikolovski

Mit der Gründung des Staates Mazedonien 1991 nach dem Zerfall Jugoslawiens nahmen die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Volksgruppen zu. Das Friedensabkommen von Ohrid beendete zwar formal den Mini-Bürgerkrieg, Albaner sind seitdem an der Macht beteiligt. Doch immer wieder explodiert der gegenseitige Hass. Es kommt zu gewalttätigen Ausschreitungen, was zu einer immer stärkeren Trennung und Ghettoisierung der beiden ethnischen Gruppen führt.

Unruhen in Skopjen - aufgewiegelte Albaner (März 2013) - Foto: BR | Ozsvath
Unruhen in Skopjen – aufgewiegelte Albaner (März 2013) – Foto: BR | Ozsvath

Das Bildungssystem in Mazedonien wirkt dem nicht entgegen, sondern betreibt eine bewusste Trennung der Ethnien. Gesellschaftspolitische Strategie oder Resignation vor den immer brutaleren Gewaltausbrüchen auf den Schulhöfen? Längst hat sich die ethnische Verbitterung der Eltern auf die jüngere Generation übertragen. Die Kinder müssen in getrennte Schulen gehen –  die einen werden auf albanisch unterrichtet, die andern auf mazedonisch. Entsprechend werden auch die Lehrinhalte nach ethnischen Gesichtspunkten unterschieden. Und wenn nur ein Schulgebäude zur Verfügung steht, werden die Kinder in Vormittags- und Nachmittagsschichten aufgeteilt.

So lebten auch Artiana und Magdalena jahrelang in der Wirtschafsschule „Arsenie Jovkov“ aneinander vorbei. Kennengelernt haben sie sich erst bei einem inter-ethnischen Workshop an ihrer Schule, den die US-Organisation für Entwicklungszusammenarbeit (USAID) organisiert hatte. „Da merkten wir erst, dass uns im Leben viel mehr verbindet, als trennt,  beschreibt Magdalena ihre neue Freundschaft. „Wir mögen die gleichen Klamotten, sehen die gleichen Filme, hören die gleiche Musik, sogar mazedonische UND albanische“. Selbstbewusst und offen trotzen die beiden Mädchen den Vorurteilen ihrer Volksgruppen. „Die gibt es nur, weil wir uns zu wenig kennen“, sagen die beiden Mädchen.  So entstehe dann dieser Nationalismus, der die Gesellschaft vergifte. „Aber das kann sich ändern, denn das Leben ist stärker als die Politik“, davon sind Artiana und Magdalena fest überzeugt und wollen mit ihrer Freundschaft ein positives Beispiel geben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.