Archiv
1. Mai 2014

Ohne Alternative – Slowenien 10 Jahre in der EU

„Sorgenkind Slowenien – 10 Jahre nach dem EU-Beitritt“ – Ein Audiobeitrag von Rupert Waldmüller (BR Vertretung, Studio Wien)

Die Flaggen von Slowenien, EU und Ljubljana - Foto: BR | Rupert Waldmüller
Die Flaggen von Slowenien, EU und Ljubljana – Foto: BR | Rupert Waldmüller

Ein persönlicher Rückblick unseres Slowenien-Mitarbeiters Stjepan Milcic

Es ist Mai 1974, an jeder Ecke in Ljubljana weht die blau-weiß-rote Flagge Jugoslawiens zusammen mit der weiß-blau-roten slowenischen und der roten kommunistischen, auf der zu lesen ist „Proletarier aller Länder vereinigt euch“. Auf den Straßen der slowenischen Hauptstadt jubeln Tausende Menschen und Schulkinder mit Fähnchen in den Händen begeistert dem ‚liebsten‘ Gast zu. Der jugoslawische Präsident, Marschall Josip Broz Tito besucht Ljubljana. Manche sind aufrichtig begeistert, andere jubeln laut Parteidirektiven, dritte aus Furcht oder einfach, weil es ihnen so aufgetragen wurde.

1. Mai 2004 – jede Ecke in Slowenien ist mit slowenischen Staatsflaggen und EU-Flaggen geschmückt, auf dem Preserenplatz in Ljubljana jubeln wieder tausende Menschen und Kinder mit Fähnchen in den Händen, aber diesmal sind alle aufrichtig begeistert. Sie feiern den slowenischen EU-Beitritt. Im Referendum zuvor haben fast 90% der Slowenen für den Beitritt gestimmt, in der Erwartung eines besseren Lebensstandards und der Hoffnung, sich endgültig vom instabilen, kriegsgebeutelten Balkan zu lösen.

Ljubljana - "Presernov trg" (Preserenplatz) mit dem Denkmal des Dichters France Preseren - Foto: BR | Stjepan Milcic
Ljubljana – „Presernov trg“ (Preserenplatz) mit dem Denkmal des Dichters France Preseren – Foto: BR | Stjepan Milcic

In der Tat schien Slowenien optimal für die EU vorbereitet zu sein: politisch stabil, keine ethnischen Spannungen, wirtschaftlich solide.

Zehn Jahre später sind jedoch viele Slowenen unzufrieden. Balkan und Jugoslawien sind zwar nur noch ferne Erinnerungen, aber der Lebensstandard, der zu Beginn der EU-Mitgliedschaft gestiegen ist, stagniert seit Jahren und die soziale Sicherheit ist der Transition (von der sozialistischen zur freien Marktwirtschaft) zum Opfer gefallen. Zu Jugoslawiens Zeiten war Arbeitslosigkeit kein Begriff, im eigenstaatlichen Slowenien lag sie 2004 schon bei 10%, und heute ist diese Rate bei 14% angelangt. „Reformen und Sparmaßnahmen treffen immer nur die Ärmsten, nie Politiker und Reiche“, empört sich des Volkes Stimme über die eigene Regierung jedweder Couleur. Immer lauter werden aber auch die Proteste gegen „EU-Bürokraten“ und deren „Handlanger“, die „slowenischen Brüssel-hörigen Politiker“. Trotz guter Vorbereitung auf die EU-Mitgliedschaft hat Slowenien letztlich EU-Fonds nur unzureichend genutzt, Privatisierungen kaum vorangetrieben, dafür aber der Korruption in Politik und Wirtschaft Tür und Tor geöffnet. Ermittlungen und Gerichtsprozesse gegen führende Politiker sind an der Tagesordnung, und ein Ende ist nicht abzusehen.

So mancher Slowene trauert voller Nostalgie der „guten alten“ Tito-Ära nach, wo die sozialen Unterschiede nicht so stark ausgeprägt waren. Als sich Slowenien 2007 von seiner eigenen Währung, dem Tolar, trennte, um den Euro anzunehmen, formulierte das einer der Schöpfer der slowenischen Währung, Professor Joze Mencinger, sehr pragmatisch, wenn auch etwas wehmütig: „Am Ende bleiben von der staatlichen Souveränität nur die Flagge, die Hymne und das Fußballnationalteam übrig. Aber für ein kleines Land wie Slowenien gibt es eigentlich keine Alternative außerhalb der EU.“

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.