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30. April 2014

EU-phorie? – Ungarn 10 Jahre in der EU

„Ungarn zehn Jahre nach der EU-Osterweiterung“ – Ein Audiobeitrag von Ralf Borchard

Ungarn und die EU - Foto: BR | Attila Poth
Ungarn und die EU – Foto: BR | Attila Poth

Ein persönlicher Rückblick unseres ungarischen Mitarbeiters Attila Poth

Den 1. Mai 2004 habe ich weit weg von Budapest erlebt und gefeiert – in der europäischen Hauptstadt Brüssel. Zusammen mit Journalisten aus ganz Europa geriet dieser Abend zu einer großen Party und der so viel beschworene europäische Geist wurde für mich zum ersten Mal spürbar und tatsächlich erlebbar. In der Stadt stieß ich später auf meine Landsleute, die sich wie auch die anderen neuen Mitgliedsländer in Info-Zelten stolz der Öffentlichkeit präsentierten. Wir Ungarn natürlich nur mit Salami, Paprika, Gulasch und Palinka – wie trivial, dachte ich nur, ist das alles, was wir Europa zu bieten haben?

Bis zu diesem 1. Mai herrschte in Ungarn eine allumfassende „EU-phorie“, getragen von Erwartungen und Hoffnungen, die in der Kampagne zum EU-Referendum von der damaligen Regierung weiter geschürt worden waren. Trotz besseren Wissens waren wir vom Gefühl beseelt, dass es uns sofort besser gehen wird und wir mit dem EU-Beitritt automatisch den deutschen Lebensstandard erhalten. Grundlegende Kritik war nur von radikalen Nationalisten zu hören.

Niemand hat uns in Ungarn gesagt, dass die Europäische Union nur eine Möglichkeit ist, die man selbst nutzen muss, und nicht eine Arznei, die man verschrieben bekommt. Die Mischung aus Enttäuschung, Trotz, Unwissen und krimineller Energie führte von einem Skandal zu anderen. Die Geschichte aus Bodrogkeresztur  ist beispielhaft. 2009 hat der Bürgermeister dieses kleinen Dörfchens im Nordosten des Landes für den Bau eines Aussichtsturms 130.000 Euro EU-Fördermittel beantragt und bekommen. Der Aussichtsturm wurde gebaut und erreichte eine Gesamthöhe von ganzen 40 Zentimetern –  ja, genau 40 Zentimetern!

Der 40 Zentimeter hohe Aussichtsturm in Bodrogkeresztur (Nordostungarn) – gefördert durch EU-Gelder – Fotoquelle: tokajvilagorokseg.hu | Deak Tamas

Der Sturz in die Enttäuschung war zwangsläufig, tief und wir leben heute mit seinen Folgen. Die nationalistisch-konservative FIDESZ mit Viktor Orban an der Spitze regiert nun in ihrem zweiten Mandat mit einer Zweidrittelmehrheit selbstherrlich unser Land mit klarer Schuldzuweisung nach Brüssel, oft getragen von nationalem Trotz und manchmal von nationalistischem Wahn.

Im Sozialismus haben wir alle von Europa ohne Grenzen und uneingeschränkter Reisefreiheit geträumt. Nun ist der Traum Realität geworden und was machen wir? Wir ziehen wieder neue Grenzen – zwar ohne Zaun und Stacheldraht, aber diesmal selbst und eigenständig! Bleibt zu hoffen, dass wir auch diese Barrieren irgendwann wieder einreißen werden – selbst und eigenständig! Denn trotz EU-Skepsis ist allen bewusst, dass Ungarns Gegenwart und Zukunft in einem gemeinsamen Europa liegt.

Die EU fördert verschiedene  Projekte in Ungarn mit mehr als 40 Milliarden HUF (mehr als 130 Mio. EUR) - Projekt Straßenbahnentwicklung, erste Phase - Foto: BR | Attila Poth
Die EU fördert verschiedene Projekte in Ungarn mit mehr als 40 Milliarden HUF (mehr als 130 Mio. EUR) – Projekt Straßenbahnentwicklung, erste Phase – Foto: BR | Attila Poth

 

Kommentare (1)

fractalized bitstream am

Bilanz von 10 Jahren EU-Mitgliedschaft ist es, dass die EU das bis zum Beitritt gegenüber des EU-Durchschnitts um einiges höhere BIP-Wachstum Ungarns binnen kürzester Zeit auf den EU-Durchschnitt gebremst hat. Was das heisst? Ganz einfach: Verzögerung der Konvergenz zum westlichen Lebensstandard. EU hat Ungarn mit seichten Händen ausgebeutet.

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