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22. April 2014

Rumänische Straßenhunde helfen Kindern

Vertrauen aufbauen - Hundetrainerin Mihaela Rafailescu beim ersten Kennenlernen. Foto: Vier Pfoten
Vertrauen aufbauen – Hundetrainerin Mihaela Rafailescu beim ersten Kennenlernen. Foto: Vier Pfoten

Vor zwei Jahren konnte niemand den kleinen „Nicu“ aus seiner Apathie hervorlocken. Er war scheu, grüßte keinen und wenn er einmal etwas sagte, dann nur stockend und mit Artikulationsproblemen. Auch seine Bewegungen waren schwerfällig und ungelenk, weil er sich meistens untätig in eine Ecke zurückzog.

Heute lebt Nicu auf, wenn er seinen Hund Tibi trifft. Er füttert ihn, schüttet ihm Wasser in einen Napf, streichelt ihn und führt ihn ein paar Schritte spazieren. Nicu hat so gelernt was Zuwendung ist und was es heißt, Freude zu empfinden, wenn man sich um jemanden kümmert. Er kommuniziert nun auch mit anderen Menschen: Begrüßt oder verabschiedet sich von ihnen mit einem Anflug von Freundlichkeit. Das alles ist keine Selbstverständlichkeit, denn Nicu lebt seit seiner Geburt in einem Heim für behinderte Kinder in Rumänien. Rund 20 solche schwierigen Fälle stehen auf Straßenhund Tibis Freundes- und Erfolgsliste.

„Straßenhunde in Rumänien – Hundefänger kontra Tierschützer“ ein Beitrag von Susanne Glass

http://youtu.be/1tgKL7VteWU?hd=1

Drei bis vier Straßenhunde lässt die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ pro Jahr im Rahmen ihres Programms „Hunde für Menschen“ in Bukarest zur Therapie ausbilden. Die Betreuer der Hunde sind psychologisch und therapeutisch geschult,  besuchen mit ihren vierbeinigen Gefährten reihum Behinderte oder auch Senioren in Altenheimen. Viele der Altenheimbewohner sind dank der Hunde zum ersten Mal wieder aus ihren Betten gestiegen, wohin sie sich depressiv, wie zum Sterben verkrochen hatten.

Und alle diese „Helfer-Hunde“ kommen von der Straße, meist liegen die struppigen Vierbeiner in Hauseingängen, unter parkenden Autos, in Parks oder auf Brachflächen. Ihren Schlaf unterbrechen die herrenlosen Hunde oft nur für ein müdes Schwanzwedeln, wenn sie Passanten als Bekannte erkennen oder um sich auf etwas Fressbares zu stürzen, das ihnen ein Anwohner hingeworfen hat. In eine mörderische Meute können sie sich verwandeln, wenn sie jemanden als Eindringling in ihr Territorium betrachten. Allein in Bukarest wurden im vergangenen Jahr mehr als 16 000 Menschen von Hunden gebissen. Tödlich ging dies Anfang September vergangenen Jahres für ein vierjähriges Kind aus. Es war beim Spielen in einem Park auf eine Brachfläche gelaufen, wo eine Hundemeute hauste und starb nach Angaben von Gerichtsmedizinern an den Folgen von mehr als 100 Hundebissen. Die Staatsanwaltschaft bereitet nun eine Anklage gegen Verwaltungsstellen und gegen den Eigentümer der Brachfläche vor, wegen fahrlässiger Tötung.

Seit diesem schrecklichen Todesfall haben sich die Fronten zwischen Tierschützern und Hundegegnern in Rumänien verhärtet. Deshalb ist aus Sicht der Tierschützer  das Projekt mit den Straßenhunden so wichtig. Es soll vermitteln, dass die Tiere bei richtiger Behandlung und Dressur auch helfen können. Das „Vier-Pfoten“-Projekt „Hunde für Menschen“ läuft seit 2004. Mehr als 60 Kinder des Zentrums Sfantul Andrei z.B. haben mit der „Hundetherapie“ große Fortschritte bei der Entwicklung von kommunikativen und lokomotorischen Fähigkeiten gemacht. Seit vier Jahren ist auch die Therapie für Senioren hinzugekommen. Seit dem werden mit den Hunden auch richtige Dressurshows für Schulkinder organisiert. Viele Tausende von Kindern haben auf diese Weise die Straßenhunde von ihrer intelligenten, verspielten, charmanten Seite kennengelernt. „Vier Pfoten“ versucht so ein Verantwortungsgefühl für die Tiere zu wecken.

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