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7. April 2014

Weiß wirklich niemand, wann Orban wählen geht? Über die vielen, kleinen „zufälligen“ Schwierigkeiten bei der Wahlberichterstattung in Ungarn

Ein Berichtsgebiet, das zwölf Länder umfasst, viele unsere Mitarbeiter, die den Job schon bald Jahrzehnte machen. Da weiß man, was bei der Berichterstattung über wichtige Parlamentswahlen so auf einen zukommt. – Normalerweise, zumindest, läuft es so ab:

  1. Interviews mit den wichtigsten Politikern anfragen.
  2. Einen Standplatz für den Fernseh-Übertragungswagen sichern und schließlich
  3. In Erfahrung bringen: Wo und wann wählen Regierungschef und Oppositionsvertreter, damit wir sie bei der Stimmabgabe filmen können? Eigentlich alles Routine.

Nicht so in Ungarn.

Ein Interview mit Regierungschef Orban? Schon viele Wochen vor der Wahl angefragt. Keine Chance! Dann vielleicht wenigstens ein Interview mit dem Bürgermeister des 1800-Seelen Dorfes Felcsut?
Wäre deshalb interessant, weil Felcsut immerhin Orbans Heimatdorf ist und der Bürgermeister ein Jugendfreund des Ministerpräsidenten. Wir erhalten einen sehr höflichen Brief: Die Nachfrage sei eine Ehre. Der Bürgermeister gebe trotzdem kein Interview.

Wir wollen uns nicht den Vorwurf einhandeln, keine regierungsnahen Politiker in den ARD Sendungen zu Wort kommen zu lassen und wenden uns jetzt an den für Medien zuständigen Staatssekretär. Der meldet sich noch am selben Wochenende zurück. Allerdings nicht mit einem Unterstützungsangebot. In seinem Brief teilt er uns mit, er könne leider nicht helfen. Weise uns aber jetzt schon daraufhin, dass er unsere Berichterstattung mit „großer Umsicht beobachten“ werde. Und wir ihn hoffentlich nicht dazu zwingen würden, „vor einer großen Öffentlichkeit, die Unabhängigkeit und Objektivität der Öffentlich Rechtlichen Medien“ in Frage zu stellen.
Kommen wir zum 2. Punkt unserer Wahlvorbereitungen: Die Suche nach einem Standplatz für den Übertragungswagen. Plötzlich wird auch sie zum Problem. Vor dem Parlament könnten wir nicht stehen, heißt es. Dort sei das ungarische Fernsehen und für uns sei kein Platz mehr. Man bietet uns einen Ort auf der anderen Seite der Donau an. Von dort aus hat man zwar das Parlament noch irgendwie in Sichtweite. Wäre aber logistisch ziemlich vom Geschehen abgeschnitten. Wir finden eine andere Lösung. Ein Standplatz in Parlamentsnähe und dafür die Kettenbrücke und den Burgberg bei Live-Aufsagern im Hintergrund. Der wird uns schlussendlich genehmigt. Dass wir Daten etc. mehrmals schicken müssen, weil die ersten Mails im Spam-Filter der Zuständigen hängen geblieben sind…- geschenkt! Allerdings soll es plötzlich 1500 Euro kosten, allein nur um die eine Verbindung ans Stromnetz herzustellen. Der Strom sei dann noch extra zu bezahlen. Eine solch exorbitante Summe hat man uns in all den Jahren noch in keinem Land genannt. Wir steigen auf den eigenen Generator um.
Punkt 3: Wo und wann wählt der Regierungschef? Unser Mitarbeiter stellt eine Woche lang allen Beteiligten diese Frage: Wird vom Pressebüro an die Partei an die Regierung und wieder zurück verwiesen. Der für Medien zuständige Staatssekretär antwortet überhaupt nicht mehr. Orban ist dann schon um 7 Uhr 45 im Wahllokal erschienen. Nur begleitet von den ihm genehmen Medien.
Dass wir dann am Abend trotz Akkreditierung die Fidesz-Feier nur von draußen filmen durften – hat uns nicht mehr überrascht!

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