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17. Februar 2014

Balkanski Teil 6

Auf Entdeckungsreise zu den interessantesten Pisten in Ex-Jugoslawien.

Tagebuch von ARD Korrespondentin Susanne Glass – momentan auf Dreharbeiten für die ARD-Weltreisen.

Tag 6: Vogel in Slowenien

Als Gott den Menschen ihr Land zuteilte, fragte er: Wer bevorzugt das Wasser, wer die Berge? Wer mag es eher kühl, wer liebt es heiß? Und entsprechend schenkte er ihnen die Küsten und Inseln, die Berge und Almen. Den Norden und den Süden.
Ganz am Ende bemerkte er aber, dass ein kleines Grüppchen Menschen übrig geblieben war. Diese hatten sich nicht vordrängeln wollen, konnten sich vielleicht auch nicht wirklich entscheiden. Sie wollten schon enttäuscht von dannen ziehen, da sagte Gott: Na gut! Ihr bekommt das Land, das ich als meinen Altersruhesitz geschaffen habe. Es gibt dort Berge und Wasser, im Winter ist es kühl, im Sommer warm. Und so schickte er sie nach Bohinj in Slowenien.
So jedenfalls erzählen sie es gerne, die Menschen in den vielen kleinen Dörfchen, die gemeinsam die Gemeinde Bohinj bilden. Und zu denen das Skigebiet Vogel (sprich: Wogel) gehört.

In diesem Winter hat der Wettergott ihre Region auch mit massenhaft Schnee beschenkt. Was die meisten Skigebiete im ehemaligen Jugoslawien in dieser Saison zu wenig haben – in der bosnischen Jahorina geht ausgerechnet zum 30. Jahrestag der Olympischen Winterspiele gar nichts – hat man hier zuviel.
Auf den Dächern der Häuser liegt der Schnee meterhoch. Hauptverkehrsstraßen sind zwischen Schneemauern zu engen, einspurigen Wegen geworden.
Inmitten dieses Wintermärchens liegt also das romantische kleine Skigebiet Vogel.

Das Skigebiet Vogel in Slowenien
Das Skigebiet Vogel in Slowenien

Hier beschleichen mich heimatliche Gefühle: Wir sind zurück in den Alpen.
Vogel gehört zum Triglav-Nationalpark. Der Triglav ist mit 2864 Metern der höchste Berg im ehemaligen Jugoslawien. Vom Skigebiet aus außerdem zu sehen: Die Karawanken, etwa 30 Kilometer Luftlinie entfernt. Dahinter beginnt Österreich.

Heimatliche Gefühle bekomme ich leider auch, weil die gemütlichen Pisten in Vogel ähnlich voll sind wie die in Österreich. Nach den einsamen Balkan-Skigebieten fast ein Kulturschock!
Aber dafür gibt es hier eben auch eine bessere Infrastruktur – gute Liftanlagen, Hotels…

Titos berühmte Residenz für Staatsgäste Zlatorog verfällt inmitten von Schneemassen
Titos berühmte Residenz für Staatsgäste Zlatorog verfällt inmitten von Schneemassen

Bohinj war schon in den 60er Jahren ein touristischer Hotspot. Mit Titos berühmter Residenz für Staatsgäste, dem Hotel „Zlatorog“. Willy Brandt, Olof Palme, Vivien Leigh und viele andere Politiker und Schauspielerinnen hat der jugoslawische Staatschef hier empfangen.
Heute steht das geschichtsträchtige Anwesen leer, verfällt unzugänglich für Besucher inmitten der Schneemassen.

Wir treffen den früheren Wirtschaftsdirektor. Er war einer der Lieblingskellner Titos. Früher zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtet, kann er jetzt frei erzählen. Auf Tito lässt er nichts kommen. Aber dessen Frau Jovanka sei ganz schön unangenehm geworden, wenn sie – was häufig vorkam – einen über den Durst getrunken hatte.
Und regelmäßig mussten sie das Hotelrestaurant für die Öffentlichkeit sperren, weil Mitglieder der jugoslawischen Regierung geheime Orgien feierten.
Den Dorfbewohnern hat das gar nichts gepasst. Eines Morgens hatte alle Staatslimousinen platte Reifen…

Vorbereitungen zum Gleitschirmflug
Vorbereitungen zum Gleitschirmflug

Mein Leben hängt in Vogel an ein paar dünnen Schnüren und an Sandi. Die Gleitschirmflieger-Legende hier. Geschätzte 8000 Flüge hat er in rund 30 Jahren absolviert. Er bringt mich beim Tandemflug tief beeindruckt in die Lüfte und überglücklich wieder runter in den Tiefschnee. Kurz hinter mir landet Kameramann Alex mit seinem „Piloten“ – wir zittern beide noch ein Weilchen mit einem breiten Lächeln im Gesicht vor uns hin.
Sandis Sohn Andrei fliegt nicht. Er hat sich aufs Snowboarden kapriziert. Aber wie! Saltos auf der Piste absolviert er nur so zum warm werden und für unsere Kamera.
Am liebsten zieht er mit seinen Kumpels in verschneite Städte und macht seine Snowboard-Kunststücke über Garagendächer oder Mauern.

Wir stehen am späten Abend noch einmal oben auf dem Berg. Der Vollmond taucht Pisten und Berge in leuchtendes Milchweiß. Und dazwischen immer wieder das Licht aus kleinen verschneiten Hütten, die an Touristen vermietet werden.
Die Gondel ins Skigebiet fährt bis Mitternacht. In klaren Nächten wie diesen wandern viele Mond- und Schneeliebhaber die Ziehwege entlang.
Herrlich ist das  – auch für uns….Zumindest wenn man davon absieht, dass Gordan wieder mal Stativ und schweren Tonrucksack schleppt und Alex mit seiner großen Kamera auch die große Enttäuschung zu meistern hat, dass sich das herrliche Mondlicht erstmal so gar nicht aufs Bild übertragen lassen will.

Am Ende meint er aber, er hätte es trotzdem geschafft.
Jetzt bin ich gespannt darauf, das Material im Studio zu sichten.

Das Ergebnis ist am 8. März um 16 Uhr in den ARD-Weltreisen zu sehen.

Unsere Drehreise ist nach knapp 4000 Kilometern zu Ende. Sie war manchmal ganz schön anstrengend. Aber die Menschen, die wir getroffen haben und die neuen Eindrücke sind für uns alle ein Geschenk. Herzlichen Dank an das tolle, immer hochmotivierte Team!

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