Archiv
13. Februar 2014

Balkanski Teil 5

Auf Entdeckungsreise zu den interessantesten Pisten in Ex-Jugoslawien.

Tagebuch von ARD Korrespondentin Susanne Glass – momentan auf Dreharbeiten für die ARD-Weltreisen.

Tag 5: Popova Šapka in Mazedonien

Vom Norden Montenegros in die mazedonischen Berge fahren wir fünf Stunden lang im Dauerregen quer durch Albanien. Wir haben uns dazu entschieden das Kosovo zu umgehen, weil dort seit kurzem Visapflicht für Bosnier herrscht. Und Mladen aus Sarajewo konnte auf die Schnelle keines bekommen. Schon irrwitzig, dass er mit einem bosnischen Pass mittlerweile frei durch Europa reisen, nicht aber so ohne weiteres ins Kosovo kann.

Spät in der Nacht kommen wir schließlich in Popova Šapka an. Das mazedonische Bergdorf liegt im Grenzgebiet zu Kosovo und Albanien. Während des Kosovo-Krieges und danach war ich öfter in der Gegend, weil hier die albanischen Rebellen der UCK ihren Hauptsitz hatten. Die Region war umkämpft.

Bei diesem Besuch bin ich aber wegen einer ganz anderen Aussicht aufgeregt: Denn am nächsten Morgen starten wir im Dunkeln mit einer umgebauten Pistenraupe und einer Handvoll Extrem-Skiläufer auf einen der höchsten Gipfel des Šar-Gebirges. Wir erleben einen traumhaften Sonnenaufgang, danach geht’s zum Freeriden – Skilaufen fernab von allen Pisten. Das erste Mal für mich.

Der Extrem-Sportler Tomislav Tiska ist der einzige in Europa, der für rund 250 Euro pro Tag Free-Rider mit Pistenraupen zu unberührten Schneehängen fährt, inclusive Führer und Lawinen-Airbags. Für viele Westeuropäer ist dies eine preisgünstige Alternative zum Heli-Skiing.

Tomislav Tiska erzählt Susanne wie er auf die Idee gekommen ist Free-Rider mit der Pistenraupe auf die unberührten Berge Mazedoniens zu fahren. In Europa ist er der einzige. Auf der ganzen Welt gibt es das nur noch in Kanada, Chile und den USA.
Tomislav Tiska erzählt Susanne wie er auf die Idee gekommen ist Free-Rider mit der Pistenraupe auf die unberührten Berge Mazedoniens zu fahren. In Europa ist er der einzige. Auf der ganzen Welt gibt es das nur noch in Kanada, Chile und den USA.

Tomislav zeigt uns, dass auch normal geübte Ski-Läufer diese Freiheit fernab von Liften und tosenden Pisten-Bars erleben können – auf flacheren, aber ebenso unberührten Hängen. Und weil das so großen Spaß macht und so wunderbar gut geht, werden wir etwas übermütig.

Wir entschließen uns spontan, Tomislav in ein kleines abgelegenes Bergdorf zu folgen. Ich nur mit Ski, aber Alex noch dazu mit der schweren großen Kamera und Gordan schleppt das Stativ. Bei Tomislav klang es so, als sei dieses Dorf nur eine kurze Abfahrt entfernt. Fast zwei Stunden später, kurz vor Einbruch der Dunkelheit wissen wir es besser: Aus der „kurzen Freeride-Abfahrt“ wurde eine sehr kräftezehrende Tour – bergab durch Wälder und Schluchten, dann wieder steil bergauf durch Tiefschnee mit all dem Equipment. Noch weit vom Dorf entfernt, geht dann mit Ski gar nichts mehr: Kein Schnee! Wir müssen über einen steilen, steinigen Berg auf Skistiefeln absteigen.
An Tomislavs Gesichtsausdruck ist deutlich zu sehen, dass auch er jetzt nervös wird.

… dann wird es immer anstrengender, schwieriger.
… dann wird es immer anstrengender, schwieriger.

Im Interview zuvor hatte er noch guter Dinge erzählt, warum sein Unternehmen „Eskimo“ heißt: Er war vor vielen Jahren als Jugendlicher hier in der Gegend mit einer Gruppe Freerider vom Weg abgekommen, konnte in der Finsternis nicht mehr abfahren. Überlebt haben sie nur, weil sie besonnen reagierten, nicht in Panik verfielen und sich ein großes Iglu bauten. Worin sie in warmer Sicherheit waren, bis sie gerettet wurden. Ich sehe mich jetzt auch schon mit dem Team ein Iglu bauen.

Und die großen, frischen Spuren auf unserem Weg sind auch nicht gerade beruhigend: Entweder ein Wolf oder ein großer Hirtenhund. Bären gibt es in der Region übrigens auch.

Jedenfalls bin ich überglücklich, als plötzlich wie aus dem Nichts mitten im Wald ein Bauer auf einem Pferd auftaucht. Wir müssen ihm mit unserer Skiausrüstung wie Außerirdische erschienen sein. Zumindest schaut er so. Die Einheimischen in dieser Gegend sind aber generell misstrauisch. Denn sie gehören der albanischen Minderheit an. Und die Spannungen zwischen Albanern und Mazedoniern sind nach wie vor spürbar. Deshalb sind die Menschen zurückhaltend aber sie sind hier eben auch extrem hilfsbereit. Der Mann steigt vom Pferd ab, um Platz für Tomislavs Snowboard und unserer Ski zu machen. Zumindest diese müssen wir jetzt nicht länger schleppen. Der Abstieg auf Skistiefeln ist auch so noch anstrengend genug.

Unser Abenteuer endet in einer albanischen Dorfkneipe – darin: Ausschließlich Männer, die Kaffee oder Tee trinken, Domino spielen und mit unzähligen Zigaretten die Luft zum schneiden dick rauchen. Mitten drin: Vier Außerirdische in kompletter Skiausrüstung inklusive Lawinenpiepser. Total erschöpft aber glücklich bei Wasser, Brot und Käse.

>Hier gehts zu Teil 4

>Hier gehts zu Teil 6